13. Tag, Dienstag, 16.11.2010

VARADERO Kubas Traumstrand

Faulenzen und Baden in Kubas beliebtestem Ferienort. Im 19. Jahrhundert begannen kubanische Haziendabesitzer, am Strand von Varadero Sommervillen zu errichten, in den 1920er Jahren folgten ihnen reiche Amerikaner, darunter auch Gangsterboss Al Capone. Abends verabreden wir uns in einer der Discos mit ihren heißen karibischen Rhythmen.

Heute steht ein ganzer Tag voll Untätigkeit auf dem Programm. Als (im wahrsten Sinne des Wortes) gebranntes Kind entscheide ich mich gegen die Variante „Strand“. Anja und Mareike haben für den Tag einen Ausflug mit einem Katamaran geplant, bei dem die Gäste zu einer Nachbarinsel transportiert werden und die Gelegenheit zum Schnorcheln haben. Das Schwimmen mit Delfinen ist ebenfalls vorgesehen. Es muss eine sehr intensive Erfahrung gewesen sein. Ich würde jetzt nicht so weit gehen zu sagen, dass die beiden schwer traumatisiert von dem Ausflug zurückkehren, doch sind sie nicht in der Lage darüber zu reden. Nur so viel konnte ich herausbekommen: Die Truppe bestand aus 50 Leuten, Essen und Getränke waren inklusive und auf der Rückfahrt mussten alle aufstehen und einen undefinierbaren Tanz auf „The Roof ist on Fire“ tanzen. Ich hoffe mal, demnächst noch mehr über diese sehr intensive Erfahrung heraus zu bekommen.

Ich habe mich gegen diese Tour entschieden, denn ich möchte es ruhig angehen lassen. Auf der Insel befindet sich eine Höhle mit dem Namen „Cueva de Ambrosio“, die man laut Reiseführer nicht verpassen sollte, und diese möchte ich mir heute anschauen. Die Entfernung vom Hotel beträgt etwa acht Kilometer, eine Lösung zur Überwindung dieser Distanz ist schnell parat: Die ganze Insel ist ein einziges großes Ferienresort, es gibt kaum eine Stelle am Strand, die nicht mit Hotels zugebaut ist. Zwischen diesen Hotels verkehrt im Fünfundvierzig-Minuten-Takt ein Hop-On-Hop-Off-Bus, den man für fünf Pesos den ganzen Tag (von morgens acht Uhr bis abends acht Uhr) nutzen kann. Das klingt für mich nach einem guten Plan, ich besorge mir in der Hotel-Lobby bei einer der zahlreichen Reisegesellschaften das entsprechende Ticket und schon geht’s los. Naja, nicht ganz, denn aufgrund der kubanischen Gelassenheit kommt der Bus mit erheblicher Verspätung.

Es ist ein Doppeldecker-Bus, der oben offen ist. Ich gehe auf das Oberdeck und habe einen tollen Ausblick auf die Umgebung – so toll, dass ich vor Begeisterung erstmal die Zielhaltestelle verpasse. Da es sich um einen Rundbus handelt, bleibt mir nichts anderes übrig, als sitzen zu bleiben, bis zur Endstation weiterzufahren und dann das Ziel von der anderen Seite erneut anzupeilen. So ein Pech aber auch! Je weiter sich der Bus dem Ende der Insel nähert, desto edler werden die Gebäude. Die meisten der Hotelanlagen sind ehemalige Sommerhäuser reicher Wirtschaftsmagnaten (z.B. die Familie DuPont, die mit dem Verkauf von Feuerzeugen, Füllern und Nylons ein Vermögen gemacht hat) oder zwielichtiger Gestalten, die auf zweifelhaftem Weg zu Ruhm und Vermögen kamen (z.B. Al Capone). Auch Batista hat es sich hier in einem weitläufigen Areal gut gehen lassen.

Irgendwann erreiche ich die Haltestelle, von der aus nur noch eine Wegstrecke von wenigen Hundert Metern vor mir liegt. An der Höhle steht ein kleiner Holzverschlag, der jedoch „unbemannt“ ist. Der Eingang zur Höhle ist offen, also trete ich ein. Es raschelt, kurz drauf fliegt ein undefinierbares Etwas knapp vor meinem Gesicht entlang. So nah bin ich in meinem ganzen Leben noch keiner Fledermaus gekommen!

Die „Höhlenwärterin“ (ich weiß nicht, ob es da eine spezielle Berufsbezeichnung gibt), kommt aus einem der Gänge mit einer Taschenlampe bewaffnet auf mich zu und sagt mir, ich könne mich gerne der laufenden Führung anschließen oder zehn Minuten warten, dann wäre sie voll und ganz für mich da. Ich entscheide mich für Tor zwei und verlasse die Höhle.

Wie versprochen tritt sie nach einiger Zeit mit einer Gruppe Touristen wieder ins Tageslicht. Ich schaue mich kurz um und bemerke, dass ich der Einzige bin, der auf die nächste Führung wartet. Mir ist das egal, ihr auch, also geht es auch schon los:

Bei der Höhle handelt es sich um ein Tunnelsystem von etwa dreihundert Metern, das aber nicht linear verläuft, sondern aus mehreren nebeneinander liegenden Räumen besteht. In der Decke befinden sich zahlreiche Löcher durch die Tageslicht fällt. Das kommt daher, dass die Pflanzen, die auf der Erdoberfläche wachsen, sich mit ihren Wurzeln in den Boden eingegraben und diesen an einigen Stellen zum Einsturz gebracht haben. Dadurch ergibt sich ein interessantes Lichtspiel, dass bei Mondschein noch viel eindrucksvoller sein soll. So lange möchte ich nicht warten, aber es ist auch so schon beeindruckend, denn der Raum, in dem ich stehe, hat schon etwas Sakrales. Sakral ist ein gutes Stichwort, denn diese Stimmung haben schon die Ureinwohner vor etwas über 3500 Jahren empfunden. Die Höhle diente damals bereits als Kultstätte für religiöse Zeremonien. Die Sklaven im 18ten Jahrhundert haben hier ebenfalls ihre kultischen Rituale durchgeführt, aus beiden Epochen sind noch heute zahlreiche Wandmalereien (insgesamt 47 Stück) erhalten.

Die Führerin deutet mir stehenzubleiben, was ich auch tue, denn sie hält die Taschenlampe an die Decke und ich kann somit den Weg nicht mehr sehen. Die Decke ist übersät von kleinen halbkugelförmigen Aussparungen, die das Wasser im Laufe der Jahrtausende in den Stein gewaschen hat. In einer dieser Kuhlen direkt über meinem Kopf und somit gerade einmal dreißig Zentimeter von meiner Nasenspitze entfernt entdecke ich ein schwarzes Etwas, dass von der Decke hängt – eine Fledermaus, ein Muttertier, wie die Führerin mir mitteilt. Ich frage sie, woran sie erkennt, dass es ein Muttertier ist, und sie leuchtet in die nächste Kuhle, in der sich acht sieben Tage alte Fledermäuse auf der Suche nach Wärme aneinander drücken. Tief beeindruckt verlasse ich die Höhle und setze mich für ein paar Minuten vor den Eingang.

Dann kommt auch schon der Bus Richtung Zentrum, ich steige ein und los geht die Fahrt, bei der ich mir die Luxusanlagen noch einmal anschauen kann. An der 42. Straße springe ich ab, denn dort sehe ich einen Supermarkt, in dem ich wohl etwas zu trinken kaufen könnte. Ich schaffe es, die Türe zu öffnen und etwa einen Meter in den Laden zu gehen, da werde ich auch schon von einer wichtig aussehenden Person freundlich, aber bestimmt, gebeten, unverzüglich den Laden zu verlassen. Da dämmert es mir erst, dass dies ein Supermarkt ausschließlich für Kubaner ist, ich bin also unerwünscht. Außerdem verfüge ich sowieso nicht über Pesos Cubanos und mit dem Peso Convertible kann man hier nicht bezahlen. Schön, dass im Sozialismus doch alle so gleich sind, dass es sogar zwei Währungen gibt, die das Volk in verschiedene Klassen trennen: Wer den Pesos Convertible hat, ist der König, alle anderen haben Pech gehabt.

Den Rest des Tages verbringe ich am Strand, ein paar von uns spielen ein paar Runden Beachvolleyball, wobei ich noch einmal alle meine Kenntnisse aus dem Schulsport reaktivieren kann.

Abends ziehen noch einige los, um in Varadero eine Disko zu besuchen. Aufgrund meiner Erfahrungen in der Höhlendisko entscheide ich mich dagegen und bin dabei nicht der einzige: Die übliche Gruppe sitzt wieder beisammen und wir verbringen einen schönen Abend bei Mondschein und Blick auf das Meer.

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