Impressionen einer Bahnreise, oder: Mit dem Bayernticket durch die Welt

“Seit ich in Rente bin, weiß ich gar nicht, was ich mit der ganzen Zeit machen soll.”
An der Kasse des Bahnhofssupermarktes stehend, reißt mich dieser Satz aus meinen Tagträumen zurück in die Realität. Er kommt von einem älteren Mann, der hinter mir steht, und scheint ein Hilfeschrei zu sein: “Bitte unterhalte Dich mit mir!”.
Er muss diesen Satz zu mir gesagt haben, denn außer uns beiden ist kein Mensch im Supermarkt. Ich lächle ihn an, nehme mein Wechselgeld vom Tresen, wünsche dem Mann einen schönen Tag und verlassen fluchtartig den Laden. Gerne hätte ich mich mit ihm unterhalten, zumal er einen sympathischen Eindruck machte, aber ich war mit der Situation überfordert.

Ich freue mich die ganze Woche auf das Wochenende, denn da habe ich endlich einmal Zeit für mich und für angenehme Dinge.Ich freue mich auf den wenigen Urlaub, den ich habe, denn da kann ich verreisen und andere Gegenden sehen. Doch das alles passiert mit dem Hintergrund, dass es einen Arbeitgeber gibt, der meine Rückkehr erwartet.
Wie aber muss das Gefühl sein, von einem Tag auf den anderen nicht mehr gefragt zu sein, nicht mehr nützlich zu sein? Keine Abwechslung mehr im Alltag durch die Arbeit und die Kollegen, mit denen man einen Großteil des Tages zusammen verbracht hat?
Die erlebte Situation verfolgt mich und wird mich sicher noch eine Zeit begleiten.

Jetzt sitze ich im Zug nach Würzburg. Dieses Wochenende ist Familienzusammenkunft und wird als Sternwanderung veranstaltet: Ich fahre von München aus rauf, meine Eltern reisen von daheim mit dem Zug an.
Ich habe gestern abend kurz überlegt mit dem Auto zu fahren um flexibler zu sein, ich bin gerne unabhängig, auch von der Bahn. Die gestern noch vorhandenen 10cm Schnee auf den Straßen hätten mich nicht abgehalten, den Job haben heute morgen die 20cm Neuschnee erledigt. Ich war froh, als ich endlich auf den P+R Parkplatz gerutscht bin. So sitze ich halt jetzt im Zug.

Es ist eigentlich unnötig zu erwähnen dass die Bahn Verspätung hatte, interessant ist in diesem Zusammenhang aber die Erklärung des Zugführers: “Sehr geehrte Bahngäste, wir sind mit zwanzigminütiger Verspätung in München eingetroffen…” (ach ne, echt? Hab ich irgendwie schon früher festgestellt) “… und sind deswegen zwanzig Minuten später aus München abgefahren.” Wahnsinnsbegründung, und so eloquent! Respekt! “… Über ihre Anschlusszüge in Ingolstadt und Nürnberg werde ich sie noch informieren.” Heißt wohl soviel wie: Die Züge werden Sie wohl nicht mehr bekommen, ich möchte Ihnen das aber jetzt noch nicht sagen um die Spannung aufrechtzuerhalten. Na herzlichen Dank! Ich mache es mir jetzt also erst mal bequem, und beobachte die junge Studentin mir gegenüber (könnte rein optisch betrachtet die Zwillingsschwester von Jessica Schwarz sein, die Ähnlichkeit ist frappierend), die ein Skript bearbeitet und dabei das Vorurteil (oder ist es eine Tatsache?) bestätigt: Frauen studieren nicht, Frauen unterstreichen und malen bunt aus.
Da kommt schon die nächste Durchsage: “Meine Damen und Herren, unsere Abfahrt in Petershausen verzögert sich um drei Minuten, wir werden von einem verspäteten ICE überholt.” Wenn das so weiter geht, wird’s ein langer Tag…

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