5. Tag, Freitag, 28.02.2014: ANURADHAPURA – Entdeckungen im Dschungel

Kulturprogramm in üppigem Grün! In Anuradhapura° sind sogar Bäume Sehenswürdigkeiten, zumindest wenn es sich um den angeblich ältesten Baum der Welt handelt … Der Ort selbst war einst eine der bedeutendsten Städte Asiens – davon zeugt heute noch der Heilige Bezirk. Wir radeln zu den Klosterruinen, lernen das geniale Bewässerungssystem früherer Zeiten kennen, kapitulieren beim Nachzählen der gut 1600 Säulen des Messingpalasts und treffen uns zum Fotoshooting vor der strahlend weißen Ruwanweli-Dagoba wieder.

Kulturprogramm ist die richtige Bezeichnung für das, was wir heute erleben.

Wir fahren nach Anuradhapura, vom dritten Jahrhundert vor Christus bis ins frühe elfte Jahrhundert nach Christus die erste Hauptstadt Sri Lankas. Es war zu der Zeit eine blühende Metropole, bis im Jahr 1017 die Tamilen zu Besuch kamen und eine Abrissparty vom Feinsten feierten. Über lange Zeit durfte sich der Dschungel das zurückholen, was ihm vorher von den Menschen abgerungen worden war.
1982 entdeckte die UNESCO die Ausgrabungsstätten und erklärte sie zum Weltkulturerbe. Zu Recht, wie wir heute selbst sehen werden.

Bezüglich der Etymologie des Namens Anuradhapura gibt es zwei Versionen.
Die erste leitet den Namen von dem singhalesischen Wort „anuva“ ab, das neunzig bedeutet. Es waren jedoch insgesamt 119 Könige, die in dieser Stadt ihren Regierungssitz hatten, und nicht 90, weshalb die Theorie verworfen wurde. Heute gilt die Erklärung, dass der Stern Anuradha Namensgeber ist. Anuradha bedeutet in der indischen Astrologie Gott des Lichts.
Für uns startet nun ein wahrer Marathon, denn den Chinesen mit ihrem Reiseprinzip „Europa in vier Tagen“ Konkurrenz machend haben wir uns folgende Sehenswürdigkeiten auf die Agenda geschrieben:

  1. Isurumuniya
  2. Ruwamweliseya
  3. Sri Maha Bodhiya
  4. Bronzepalastanlage
  5. Thuparamaya
  6. Elefantenteich
  7. Lankaramaya
  8. Zwillingsteiche
  9. Samadhi Buddha Statue
  10. Mondstein
  11. Abayagiriya
  12. Jethawannaramaya
  13. Jethawamaramayma – Museum

Auch wenn alle zugegebenerweise vor allem aufgrund ihres Alters und (damit verbunden) ihres Erhaltungsgrades beeindruckend sind, möchte ich nur ein paar davon hervorheben.
Ich muss gestehen, dass aufgrund des Zusammenspiels von Sonne, Hitze und Kulturoverkills irgendwann auch die Motivation leidet und die Aufmerksamkeitskurve eine Talfahrt macht. Insofern ist die Idee unseres Scouts, für die Überbrückung der Distanzen Fahrräder anzumieten, Gold wert. So können wir unseren gepeinigten Füßen unterwegs ein wenig Erholung gönnen.
Gepeinigt ist an dieser Stelle übrigens nicht untertrieben, denn Tempelanlagen werden grundsätzlich barfuß betreten – und Tempelanlagen sind weitläufig und immer mit Sandboden. Über die Wirkung von Sonne auf Sand brauche ich wohl nicht viel sagen, außer: „Aua“.

Zurück zu den Sehenswürdigkeiten:

DSC06064Den Bronzepalast können wir nicht betreten, denn das Areal ist großräumig eingezäunt. Macht aber nicht, denn zu sehen gibt es eh nicht viel.
Wir müssen unsere Vorstellungskraft zu Hilfe rufen, was es aber noch beeindruckender macht. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass wir vor dem Bronzepalast stehend nichts weiter sehen als ein Quadrat von vierzig mal vierzig Steinsäulen, jede von ihnen etwa zwei Meter hoch. Sie stellen gewissermaßen das Fundament dar, denn der Palast war aus Holz errichtet und üblicherweise grub man zunächst Steinsäulen in den Boden ein, um die Termiten von der Holzkonstruktion fernzuhalten.
Der Bronzepalast war eine architektonische und bautechnische Meisterleistung, hatte er doch immerhin zehn Stockwerke mit 1000 Zimmern. Bewohnt wurde er von Mönchen – die einfachen residierten in den unteren Stockwerken, die alten und als heilig geltenden in den oberen Stockwerken. (Ich muss ja gestehen, wäre ich einer von den heiligen Mönchen und müsste an den Jungspunden vorbei jeden Tag mehrfach zehn Stockwerke hochlatschen, ich hätte denen ja mal gesagt, was ich davon halte. Und kraft meiner Heiligkeit wäre mein erstes Dekret eh folgendes gewesen: „So möge der Pöbel mir einen Lift bauen“.)
Das Gebäude führte mit seiner eigenen Existenz eine Art On-Off-Beziehung, denn von seiner Errichtung im zweiten Jahrhundert vor Christus bis hin zu einer letzten Rekonstruktion im zwölften Jahrhundert nach Christus hat es mehrere Zerstörungen über sich ergehen lassen müssen. Die erste Lebensphase währte zum Beispiel gerade einmal fünfzehn Jahre, bis ein Bewohner auf die Idee kam, eine Öllampe auf den Holzboden fallen zu lassen. War bestimmt einer von den heiligen Mönchen…
Das Schicksal des Bronzepalastes scheint für die Buddhisten generell und die Mönche im Speziellen eine wichtige Lektion gewesen zu sein in Bezug auf die Frage, was passieren kann, wenn man mit seinen Besitztümern nicht anständig umgeht.

DSC06053Beim Sri Maha Bodhiya machen sie es daher sehr penibel. Um ihn herum haben sie extra eine Terrasse gebaut, und um die Terrasse herum einen ganzen Tempel. Zusätzlich gibt es mehrere Wächter, die nichts anderes machen, als darauf aufzupassen, dass dem Sri Maha Bodhiya nichts zustößt. Ein solcher Wächter zu sein ist übrigens ein hochangesehener Beruf, der seit Generationen vom Vater an den Sohn weitergegeben wird.
Um das Theater zu verstehen, das um dieses Objekt betrieben wird, sollte ich der Vollständigkeit halber erwähnen, dass es sich um den ältesten Baum der Welt handelt.
Der Legende nach saß Buddha unter einem Ficus religiosa, einem indischen Bodhi-Baum, als er das Stadium der Erleuchtung erlangte. Ein Zweig dieses Baumes wurde im Jahr 230 vor Christus von Snghamitta, der Schwester von Mahinda, nach Sri Lanka gebracht. Seitdem ist der Baum nie unbewacht gewesen.
Das Alter von über 2000 Jahren ist übrigens wissenschaftlich bestätigt.

DSC06078Den Rest des Tages verbringen wir damit, mit dem Fahrrad von einem Tempel zum anderen zu fahren, und diverse Stupen anzuschauen. Jeder Stupa ist auf seine Weise faszinierend, die Menschen haben hier viel Arbeit und Hingabe reingesteckt. Vielfältig sind auch die Geschichten zur Entstehung.
So wurde beispielsweise die Ruwanweli-Dagoba von König Duttha Gamami errichtet.

Version 1: Er hatte gerade die Tamilen besiegt. Die Dagoba baute er aus Dankbarkeit.
Version 2: Ihm wurde bewusst, wie viele Tausend Menschenleben der sinnlose Krieg gekostet hatte, er empfand tiefste Reue und errichtete deshalb den Tempel.

DSC06028Hervorheben möchte ich abschließend noch das Felsenkloster Isurumiya Vihara.
Hierbei handelt es sich um ein Kloster, das aus dem dritten Jahrhundert vor Christus stammt. Die Einsiedlerhöhle ist als einziges noch im Original erhalten, die Höhle wurde von Hand aus dem Felsen geschlagen und mit filigran gemeißelten Mustern und Ornamenten verziert.

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Zwei Attraktionen gibt es hier zu sehen, nämlich zum Ersten einen Fußabdrucks Buddhas auf dem Felsgipfel, zum Zweiten das berühmte Relief „Die Liebenden“ aus dem fünften oder sechsten Jahrhundert.

 

 

 

Dem Bildungsauftrag soll damit Genüge getan worden sein. Wir lassen unsere Fahrräder zurück und machen uns auf den Weg in unser Hotel, wo wir einen kurzen, aber gemütlichen Abend am Pool bei einem Buffet-Abendessen, dem ein oder anderen Bier und netten Gesprächen verbringen.

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