6. Tag, Dienstag, 09.11.2010

VINALES – HAVANNA Naturschutzreservat Las Terrazas

Vormittags fahren wir mit unserem Scout José nach Las Terrazas, zum ersten Projekt für einen naturnahen Tourismus auf Kuba. Drei Stunden wandern wir durch die ehemaligen Kaffeeplantagen, wo einst Sklaven schufteten. Zwischendurch erfrischen wir uns bei einem Bad im Fluss. Abends Rückkehr nach Havanna – je nach Lust und Laune auf eigene Faust zum Dinner ins kleine Chinatown und zum nächtlichen Panoramablick von der Christusstatue.

Erneut geht es mitten in der Nacht los und ich habe die Befürchtung, dass die Uhrzeit 8.00h zum Standard werden könnte. Nachdem wir gestern noch gemütlich bei ein paar Bechern Cuba Libre zusammengesessen haben, fällt das Aufstehen erwartungsgemäß schwer.

Das Frühstück ist (wie bereits gestern) karg und besteht für mich aus trockenem Brot (ähnlich unserem Zwieback, etwas anderes gab es halt heute Morgen nicht) und Orangensaft, der allerdings entschädigt, denn er ist frisch gepresst.

Pünktlich nach Ablauf des akademischen Viertels stehen wir abfahrbereit am Bus und die Fahrt beginnt.

Die Wanderung führt uns nicht durch Kaffeeplantagen (ist ja keine Überraschung, dass das Programm nicht immer mit der Realität übereinstimmt), doch das, was wir sehen, ist für mich noch viel besser: Wir machen einen Trek durch unwegsames Gelände quer durch ein urwaldähnliches Gebiet in der Sierra del Rosario. Über Stock und Stein geht es, gelegentlich halten wir an und bekommen Informationen über die Flora und Fauna in dem Gebiet. Mein persönlicher Favorit ist der sogenannte „Touristenbaum“, eine Baumart, die eine rote Borke hat, welche sich leicht abpellt. Unser Führer sagt, dass der Baum nach den Touristen in Varadero benannt ist, die sich nie eincremen und deren Haut nach kurzer Zeit aussieht wie die Rinde dieser Baumsorte.

Die Wanderung endet an einem kleinen Fluss. Einige von uns nutzen hier die Gelegenheit kurz zu baden, bevor wir mit dem Bus zum Restaurant fahren.

Das Restaurant trägt den Namen El Romero und liegt unscheinbar mitten in der Kommune Las Terrazas. Der Tipp unseres Scouts, einen Blick in die Karte zu werfen, ist Gold wert, denn diese liefert eine Steilvorlage nach der anderen.

Fangen wir mit der Vorspeise an: Jeder von uns bekommt ein Brötchen, gereicht werden dazu drei kleine Schälchen mit verschiedenen Dips. Die Karte sagt dazu folgendes:

„Vorspeisen, 52. Malva:

Ceviche aus Lotus. Dieses Gericht bieten wir kostenlos an und ist Teil des Gedecks. Eine Zubereitung aus Lotus, Zitronen, Kurkuma, Zwiebeln und anderen aromatischen, heilkräftigen und energiespendenden Pflanzen.

Bevor Sie dieses Gericht essen, schlagen wir vor, dass Sie sich an den Händen fassen und mit geschlossenen Augen der Natur für Nahrung, Liebe, Gesundheit, Harmonie, Solidarität und Frieden danken.“

 

Das El Romero ist ein Rohkost-Restaurant, oder auch (wie es die Speisekarte formuliert) ein Gourmet der ökologisch-kubanischen Küche. Das Konzept an sich ist toll, denn alle Zutaten sind selbst angebaut, das Wasser ist mit einer ökologisch-natürlichen Filteranlage gereinigt, der Herd wird über eine Solaranlage betrieben. Das ist wohl auch der Grund dafür, warum die Speisen entweder komplett kalt oder lediglich lauwarm sind. Ist ja auch verständlich, die letzten Tage hat es schließlich überwiegend geregnet. Nein, mal im Ernst: Es ist ja schließlich ein ROHkostrestaurant, da erklärt es sich von selbst, dass das Essen kalt ist. Die Vegetarier in der Gruppe sind auch höchstbegeistert, was für mich ein Zeichen ist, dass das Essen wirklich gut war. Ich selbst fand halt die Portion extrem übersichtlich und bin immer noch der Auffassung, dass ein Teller voll Salat vor allem dann besonders schmackhaft ist, wenn man den Salat kurz vor Verzehr durch ein saftiges Steak ersetzt. Fleisch gab es nicht, passt wohl nicht ins Konzept eines ökologischen Lebens und Arbeitens.

Das Essen war eine interessante Erfahrung (, die ich aber nicht vorhabe zu wiederholen), ich bin überrascht, wie gut Ameisen geschmacklich mit Guaveneis korrespondieren.

Nach dem Essen fahren wir zurück nach Havanna, wo wir den Rest des Tages Freizeit haben um uns von den Strapazen des Hikes zu erholen.

Und was machen wir? Wir laufen, und zwar quer durch Havanna. Vom Hotel geht es erst zum Malecón, der ja sowohl bei Tag als auch bei Nacht ein Erlebnis sein soll. Um ehrlich zu sein, es lohnt sich nicht, dort hin zu gehen (also abends), denn das Leben tobt dort nicht wirklich. Es herrscht gähnende Leere, das Meeresrauschen und die Wellen, die gegen die Kaimauer schlagen, sind unüberhörbar. Sehr schön hingegen ist der Weg vom Parque Central zum Malecón, denn die direkteste Verbindung ist der Prado, der bei Nacht ein echtes Schmuckstück ist: Die verfallenen Häuser und Ruinen sind beleuchtet (nicht angestrahlt, sondern wie normale Häuser beleuchtet), wir schlendern über den Mittelstreifen des Prado, der von Bäumen gesäumt und mit Marmor gepflastert ist.

Wir laufen ein paar hundert Meter den Malecón entlang und kehren dann um, denn unseren letzten Abend in Havanna wollen wir ausnutzen. Außerdem überkommt uns ein leichtes Hungergefühl, somit laufen wir zur Calle Obispa, in der wir bereits gestern ein schönes Lokal gesehen haben.

Das Essen kostet laut Karte sechs Pesos, dafür gibt es dann Fleisch (wahlweise Rind, Huhn oder Schwein) mit Gemüse, Reis und Toastbrot. Der Preis ist gut. In den letzten Tagen, an denen unser Scout das Essen organisiert hat, haben wir zwar in etwa das Dreifache bezahlt, die Qualität war dafür jedes Mal hervorragend und – was das wichtigste ist – da unser Scout die Restaurants kannte, konnten wir sicher sein, keine Magenprobleme oder ähnliches zu bekommen; das Essen war folglich seinen Preis ebenfalls wert. Dennoch möchte ich heute mal die Erfahrung machen, was für eine Mahlzeit man für sechs Pesos bekommt.

Der Kellner ist sehr bemüht uns ein „Spezialangebot“ anzupreisen: Wenn wir zwei Mojitos (je drei Pesos), eine Nachspeise (einen Peso) und einen Kaffee (zwei Pesos) nehmen, bekommen wir oben genannte Hauptspeise für einen Peso, das ganze also für insgesamt zehn Pesos.

Wir sind zugegebenermaßen skeptisch, aber da wir bereits lange gelaufen sind und daher nicht noch mal das Lokal wechseln wollen, und ich überdies wenig Lust habe, mit dem Kellner zu diskutieren, bestellen wir eben dieses „Spezialangebot“. Ich finde, dass das eine gute Wahl war, es ist reichlich und qualitativ nicht schlecht.

Das Ambiente ist trashig, die Gesamtsituation skurril. Wer schon einmal miterlebt hat, was passiert, wenn das legendäre Traumschiff vor Hawaii ankert (wird ja gerne des Öfteren auf ZDF gesendet), wird verstehen was ich meine: Wir suchen uns einen Tisch für fünf Personen aus (was nicht schwer ist, denn außer uns ist nur noch ein Ehepaar anwesend) und setzen uns. Sofort versammelt sich vor uns eine Gruppe Kubaner, fünf Musiker und drei Mädchen, die zu der Musik singen und tanzen. Würde meine Tochter so vor fremden Leuten tanzen, ich würde sie ins Heim schicken, in eine Erziehungsanstalt oder besser noch ins Kloster.

Den alten Männern (mittlerweile ist eine weitere Reisegruppe eingetroffen) gefällt das natürlich außerordentlich, mit triefender Zunge machen sie Foto- und Videoaufnahmen von den freizügig gekleideten, meines Erachtens nach höchstens fünfzehnjährigen Mädchen. Ich fühle mich in meinen Thailandurlaub zurückversetzt.

Den Kaffee schenken wir uns (der ist eh in ganz Kuba absolut ungenießbar, was gut ist, denn so schaffe ich wenigstens einen kalten Entzug und werde fortan ein kaffeefreies Leben führen können), nach der Nachspeise und dem zweiten Mojito bezahlen wir und gehen zurück ins Hotel, wo wir den Abend an der Bar mit einem „Ernest Hemingway Especial“ (wer das Getränk nicht kennt, es besteht schätzungsweise aus folgenden Zutaten: Rum, Rum, Schnaps, Rum, Zitronenlikör für die Farbe und Zucker), wahlweise auch einer Cuba Libre (mit viel Cuba, das Libre wurde weggelassen. Es ist so wenig Cola darin, dass das Getränk praktisch durchsichtig ist, farblich und geschmacklich könnte es weißer Rum mit Cola, vielleicht aber auch purer siebenjähriger Havanna Club mit Eis sein) ausklingen lassen.

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