8. Tag, Montag, 03.03.2014: POLONNARUWA – KANDY – Felsenfestung Sigiriya

Schwindelfreie vor: Über Eisenstiegen erklimmen wir in der Morgenluft die Felsfestung von Sigiriya° und statten den berühmten Wolkenmädchen einen Besuch ab. Noch ganz benommen – von ihrem Antlitz oder doch von den Stiegen – kehren wir zurück auf die Landstraße und fahren zu den Höhlentempeln° im nahen Dambulla. Auch hier müssen wir ein bisschen kraxeln, aber sind wir dann oben angekommen, fängt uns jede der fünf Höhlen mit ihrer besonderen Stimmung ein. Anschließend geht’s in die Bergstadt Kandy.

DSCF5644Die Herren der Schöpfung sind schon beim Frühstück ganz wuschig, denn heute haben wir ein Date mit den durch ihre Schönheit beeindruckenden Wolkenmädchen. Dafür machen wir uns (wie mittlerweile schon gewohnt) um acht Uhr mit dem Bus auf den Weg, diesmal geht es nach Sigiriya.

Bei Sigiriya handelt es sich um einen riesigen Felsen, der sich mitten in den Wäldern zweihundert Meter hoch erhebt. Es ist somit ein Punkt, der von weitem sichtbar ist, und von dem aus man auch weit in die Ferne schauen kann. Wohl deswegen hat sich laut der Chronik Culavamsa seinerzeit König Kassyapa I. hier niedergelassen und auf dem Felsen seinen Regierungssitz erbauen lassen.

DSCF5653Bis er dies tun konnte, erlebte die Königsfamilie eine Geschichte voller Hass, Intrigen, Geldgier, Manipulation und Mord.
Kurz gesagt ging es darum, dass König Datthu Sena zwei Söhne hatte. Mogalla entstamme einer Beziehung des Königs mit einer Frau niederer Herkunft, Kassyapa war der Sohn des Königs und seiner Hauptfrau. 477 nach Christus putschte sich Kassyapa auf den Thron, woraufhin Mogalla nach Indien floh.
Manipuliert durch den Heerführer, der mit der Tochter des Königs verheiratet war und der Kassyapa einredete, der König verfüge über große Reichtümer, setzte Kassyapa seinen Vater gefangen und folterte ihn um an die Reichtümer zu kommen. Dieser begab sich darauf mit Kassyapa und dem Heerführer zu einem Stausee, schwamm darin und sagte: „Dies, oh Freunde, ist mein ganzer Reichtum“. Daraufhin sah Kassyapa rot, er ließ seinen Vater nackt in Ketten legen und lebendig in die Staumauer einmauern.
Aus Angst vor der Rache des wiederkehrenden Mogalla floh Kassyapa in Begleitung von 500 Frauen und 200 Männern auf den Felsen Sigiriya, wo er sich innerhalb von achtzehn Jahren eine prachtvolle Trutzburg erbaute. Es kam, wie es kommen musste: Mogalla rückte mit einer erdrückenden Überzahl von Kriegern an, Kassyapa sah keine Chance auf einen Sieg und beging Selbstmord. Mogalla wurde somit neuer König.

DSCF5659Nun ist es an uns, den Felsen zu bezwingen, es sind nur etwa 5800 Stufen, die uns vom Plateau des Königspalastes trennen. Hochmotiviert machen wir uns auf den Weg, zunächst über in den Stein gemeißelte Stufen, dann über Eisenstiegen, die in den Felsen getrieben wurden.
Dabei versuche ich krampfhaft diese Konstruktion zu ignorieren, ich sehe darüber hinweg, dass die Geländer, die schon krumm und schief sind, teilweise so verrostet sind, dass der Staubabrieb an der Handfläche kleben bleibt.
Ich übersehe galant die abgebrochenen Stellen in den Stahlstufen. Auch dass diese besagten Stahlstufen, die im Übrigen erschreckend stark nachgeben, nur wenige Millimeter dick sind, versuche ich zu verdrängen.
Das gelingt mir auch so lange, bis es sich vor mir staut, weil irgendein Japaner meint, ein Daumenkino von dem umliegenden Tal anfertigen zu müssen.
Den Gedanken an Maximallasten verdränge ich erfolgreich und schaue auch nicht nach unten, wo mich zweihundert Höhenmeter gähnender Leere auszulachen scheinen. Tiefe Dankbarkeit empfinde ich zwischenzeitlich für die Bauherren der Anlage, die zur Überbrückung einer Zwischenetage eine Wendeltreppe aus einer Londoner U-Bahnstation hergebracht und an den Felsen geschraubt haben. Dieses Gefühl von Sicherheit verschafft mir neuen Mut.

DSCF5649Die Treppe führt uns zu den weltberühmten Wolkenmädchen. Dabei handelt es sich um Wandmalereien, die angeblich Kassyapa dort gemalt hat und die somit über zweitausend Jahre alt sind. Der Detailreichtum ist beeindruckend, ebenso der Erhaltungsgrad der Gemälde, die mit Naturpigmenten auf den nassen Gips aufgetragen wurden. Eine Restaurierung war bis heute nicht nötig, was wohl auch daran liegt, dass die Bilder lange Zeit in Ruhe gelassen wurden. Trotz des Ansturms von Touristen kann ich nur hoffen, dass das Klima dazu beiträgt, dass dies auch lange noch so bleibt.
Nach dieser kurzen Verschnaufpause geht es weiter, eine Stufe nach der anderen nehmend erreichen wir irgendwann den Gipfel. Die Aussicht ist… wow! Kein Wunder, dass Kassyapa sich hier niederließ, denn von kann man direkt bis in die Unendlichkeit blicken. Wir wandeln entlang der Grundmauern, lassen die Eindrücke auf uns wirken und genießen es einfach hier zu sein. Ich verdränge dabei die Gedanken an den Rückweg…

DSCF5662Der Bus wartet schon auf uns und ich bin froh endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Da wir uns auf einer Tour nach dem Prinzip „Europa in drei Tagen“ befinden, haben wir keine Zeit durchzuatmen; es geht direkt weiter nach Dambulla zu den Höhlentempeln.
Die paar Höhenmeter, die es zu überwinden gilt, erscheinen uns nun schon fast lächerlich, zumal der Weg über massive Steinstufen führt. Merke: Es ist alles eine Frage der Perspektive.

Insgesamt können wir fünf Höhlen besichtigen, die Übrigen sind für Besucher gesperrt. Nacheinander schauen wir uns jede Einzelne an und es ist offensichtlich, mit wie viel Hingabe die Gläubigen hier die Höhlen ausgestaltet haben. Filigrane Decken- und Wandmalereien dienen als Kulisse für unzählige Buddha-Statuen, die hier an den Wänden entlang aufgestellt wurden. Es gibt hier liegende Buddhas, stehende Buddhas, sitzende Buddhas, Buddha ist hier omnipräsent.

Nach diesem Programmpunkt fahren wir weiter nach Kandy, unserem Tagesziel. Kandy heißt auf Singhalesisch „Große Stadt“ und ich kann wohl mit Fug und Recht sagen, dass sie das nicht ist. Der Stadtkern besteht aus zwei parallel verlaufenden Hauptstraßen, die über sechs Querstraßen miteinander verbunden sind und so ein Karree bilden. Es ist schon stockdunkel, als wir Kandy erreichen. Wenn ich vorne aus dem Busfenster schaue, sehe ich nichts als eine schwarze Wand mit zwei kleinen runden gelben Flecken. Das müssen unsere Frontscheinwerfer sein. Die Gesamtsituation hält den Busfahrer aber nicht davon ab in einem Affenzahn die Kurven zu nehmen. Ich schicke ein paar Stoßgebete gen Himmel und alles geht gut. Um halb neun erreichen wir Kandy, die „zweitlebhafteste Stadt Sri Lankas“, wie Viraj uns erzählt.
Es mag sich jetzt gemein anhören, es ist aber nicht zwingend so gemeint: In Deutschland ist in jedem Kuhkaff mehr los. Das liegt aber wohl daran, dass die Einheimischen abends generell früh ins Bett gehen. Wir beeilen uns mit dem Beziehen der Zimmer und treffen uns in der Lobby um gemeinsam nach einer Möglichkeit zum Abendessen zu suchen. Der Baedeker empfiehlt dafür fünf Restaurants, drei davon haben wir rausgesucht, die für uns in Frage kommen würden. Der erste Laden existiert seit kurzem nicht mehr, das Gebäude ist frisch entkernt. Die zweite und dritte Lokalität finden wir auch nicht – an den angegebenen Adressen sind keine Hinweise auf ein Restaurant zu finden, und da die gesamte Straße stockdunkel ist, erübrigt sich die Suche nach Alternativen. Beim Pizza Hut trennt sich die Gruppe auf, einige biegen ab, ich schlage mich mit C. durch zu einem Restaurant, das „The Pub“ heißt und wo wir zufällig drei Mädels aus unserer Gruppe antreffen.
Wir bestellen, die Kellner liefern, dabei schmeißen sie uns mit Speisen tot, der Tisch biegt sich, teilweise müssen wir anbauen, um die Massen bewältigen zu  können. Irgendwann – es ist für unsere Verhältnisse noch recht früh – wird an unserem Nachbartisch das Licht gelöscht, unsere noch halbvollen Teller werden abgeräumt und uns die Rechnung gebracht.
Wir zahlen und wollen das Restaurant verlassen, doch als wir die Treppe hinuntersteigen, stehen wir vor einem verschlossenen Rollltor.
FotoIch habe es ja schon öfter erlebt, dass ich in einen Laden nicht HEREIN gekommen bin, aber dass ich nicht HINAUS darf, ist dann doch eine neue Erfahrung.
So endet ein angenehmer und lustiger Abend.

Naja, fast. Denn wir entdecken noch die Roof Top Bar im sechsten Stock des Hotels, wo der Abend dann nach diversen Cocktails irgendwann gegen zwei Uhr in der Früh endgültig endet.

Kommentar verfassen

Ein Hauch von Menschlichkeit © 2014