Caminho Português – Tag 10: Von Padrón nach Santiago de Compostela

DSCF6497Heute steht die letzte Etappe unserer gemeinsamen Reise an und Vorfreude mischt sich mit Wehmut. Wir beschließen, den Weg des heutigen Tages gemeinsam zu gehen und ich kann sagen: Keine der vorangangenen Etappen hat so viel Spaß gemacht wie die heutige. Das mag aber wohl auch an mir selbst liegen, denn nachdem ich etwa 245 (in Worten: zweihundertfünfundvierzig) Kilometer auf dem Jakobsweg von Markierungsstein zu Markierungsstein gelaufen bin, stelle ich fünfzehn Kilometer vor Santiago fest, dass darauf jedes Mal auch eine Zahl eingraviert ist, die erstaunlicherweise immer kleiner und kleiner wird. Meine Frage an die anderen, ob damit die Kilometer zur Kathedrale von Santiago heruntergezählt werden, wird von den anderen mit laut schallendem Gelächter beantwortet – das heißt dann wohl soviel wie „ja“.

Mannomann, was bin ich aber auch wieder ein Schnellmerker. Die Steine stehen ja auch nur im Abstand von wenigen hundert Metern, da kann man so ein Detail ja wohl mal übersehen., Jedenfalls zaubert jeder der von nun an folgenden Steine ein dezentes Grinsen in die Gesichter meiner Mädels.

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Kann mir mal bitte jemand erklären, wie DAS gehen soll?

Nach hinten raus zieht sich der Weg ungemein, vor allem, nachdem wir die ersten Häuser erreicht haben, die das Stadtzentrum von Santiago ankündigen, wir aber noch kreuz und quer durch die Gassen geschickt werden. Dann ist es plötzlich so weit: Wir können die Turmspitzen der Kathedrale sehen und wenig später stehen wir auch schon auf dem Praza do Obradoiro, dem Vorplatz.

Instinktiv steuern wir alle die gleiche Stelle an, lassen unsere Rucksäcke und unsere Körper auf den Boden fallen und genießen die Atmosphäre:

Immer mehr Pilger strömen auf den Platz und machen Fotos von sich vor der Kathedrale, Eine Gruppe von Pfadfindern ist sogar noch fit genug, die Rucksäcke über die Köpfe zu heben und so für ein Foto zu posieren.

Kurz überlege ich, das Gleiche zu tun, lache mich dann selbst aus und bleibe erschöpft liegen. Die Gruppe Radfahrer, die ihre Drahtesel über den Köpfen in die Luft recken, ist auch beeindruckend. Nach etwa einer halben Stunde machen wir uns auf den Weg zum naheliegenden Pilgerbüro, wo wir uns für die folgenden zwei Stunden in die Schlange all derer einreihen, die wie wir ihre Compostela abholen wollen.

DSCF6507Als ich dann endlich als erster von unserer Gruppe an den Schalter mit der Nummer 1 gerufen werde (insgesamt sind heute vierzehn Schalter besetzt), treffe ich auf einer sehr nette und hochmotivierte Dame, die mich alles mögliche fragt, während ich das mir vorgelegte Formular ausfülle und sie meine Compostela schreibt. Dabei geht sie äußerst gewissenhaft vor: Das Dokument ist natürlich ein Vordruck, denn auch wenn die Compostela früher für jeden Pilger quasi frisch hergestellt wurde, wäre das heutzutage bei der Masse an Pilgern (letztes Jahr waren es knapp 250.000 registrierte Pilger) natürlich nicht mehr möglich. So wird nur noch der Name und das Datum der Ankunft in Santiago eingetragen. Auf meiner Compostela wird letztlich nur mein erster Vorname stehen, hauptsächlich aus Zeitgründen, dafür malt sie diesen aber mit Hingabe auf das Dokument. Nach einer netten und durchaus angenehmen Unterhaltung halte ich endlich das heißersehnte Dokument in den Händen, das die entscheidenden Worte enthält:

 

DSC_0770„Capitulum huius Almae Apostolicae et Metropolitanae Ecclesiae Compostellanae, sigilli Altaris Beati Iacobi Apostoli custos, ut omnibus Fidelibus et Peregrinis ex toto terrarum Orbe, devotionis affectu vel voti causa, ad limina SANCTI IACOBI, Apostoli Nostri, Hispaniarum Patroni et Tutelaris convenientibus, authenticas visitationis litteras expediat, omnibus et singulis praesentes inspecturis, notum facit: Dominum Romanum Wegmann hoc sacratissimum temptum, perfecto Itinere sive pedibus sive equitando post postrema centum milia metrorum, birota vero post ducenta, pietatis causa, devote visitasse. In quorum fidem praesentes litteras, sigillo eiusdem Sanctae Ecclesiae munitas ei confert.

Datum Compostellae die 25 mensis augusti anno Domini 2016“

Auf deutsch heißt das so viel wie:

DSC_0767Das Kapitel dieser segenspendenden Apostel- und Metropolitankirche von Compostela, Hüter des Siegels des Altares des seligen Apostels Jakobus, macht entsprechend seiner Absicht, allen Gläubigen und Pilgern, die aus der ganzen Welt aus frommer Neigung oder zur Erfüllung eines Gelübdes an der Schwelle unseres Apostels, des Patrons und Schutzherren der spanischen Lande, des heiligen Jakobus, zusammenkommen, eine gültige Urkunde zur Bestätigung ihres Besuches auszustellen, hiermit allen und jeden, die in die vorliegende Urkunde Einblick nehmen werden, bekannt, dass Herr Roman Wegmann dieses hochehrwürdige Gotteshaus aus Frömmigkeit ehrerbietig besucht hat. Zur Beglaubigung dessen überreiche ich ihm diese vorliegende Urkunde, versehen mit dem Siegel der genannten heiligen Kirche.
Ausgestellt in Compostela den 25. Tag des Monats August im zweitausendsechzehnten Jahr des Herrn“

Mit diesem Dokument in den Händen verlasse ich das Büro und treffe draußen auf meine Mädels, die allesamt (obwohl sie erst nach mir aufgerufen wurden) schon seit längerem fertig sind.

Den Rest des Tages erkunden wir das Stadtzentrum, direkt nachdem wir im Hotel The Last Stamp eingecheckt und uns unseres Gepäcks entledigt haben. Das, was ich jetzt hier im Nachhinein so locker herunterschreibe, hat uns in dem Moment mehr Adrenalinschübe verschafft als uns lieb war. Unsere italienisch-portugiesische Fraktion meldet sich zuerst an und wird gleich mit einer Hiobsbotschaft konfrontiert: Trotz der bei der Reservierung getätigten Zusage, dass sie auch am Tag der Ankunft noch von einer Nacht auf zwei Nächte verlängern können, ist das Hostel für die nächsten Tage komplett ausgebucht, eine Verlängerung um eine weiter Nacht somit doch nicht möglich. Sie müssen sich also für die zweite Nacht um eine andere Unterkunft bemühen.

Sylvia hat dankenswerterweise für uns drei bereits für zwei Nächte reserviert, ich habe dafür meine Kreditkartennummer beigesteuert. Um es kurz zu machen: Unsere Reservierung ist nicht auffindbar, zumindest so lange nicht, bis die junge Dame hinter dem Tresen auf die großartige Idee kommt, statt nach dem Namen die Kreditkartennummer zu suchen. Siehe da: Treffer. Geht doch! Nun möchte sie von jedem von uns zwanzig Euro haben, was dem Preis für eine Übernachtung entspricht. Als wir sie darauf hinweisen, dass wir bereits für zwei Nächte reserviert hatten, verneint sie dies zunächst, geht dann noch mal ihre Reservierungen (auf losen Zetteln!) durch, blättert nervös durch ein dickes Buch und stellt dann fest, dass wir recht haben. Sie ist wohl nicht der hellste Stern am Himmel und überdies auch noch total überfordert. Kann uns aber egal sein, denn wir haben ja nun endlich unsere Betten sicher.

Abends, nach der ausgiebigen Stadterkundung, gehen wir in einem kleinen netten Lokal noch etwas essen. Auf dem Praza do Obradoiro pulsiert das Leben und eine Menschenmenge feiert das Leben zur Musik einer Musikgruppe, die die Mauern des ehrwürdigen Pazo de Raxoi zum Beben bringen. Während die Mädels ausgelassen tanzen, genieße ich im stillen die Atmosphäre – nach Tanzen und ungelassenem Feiern ist mir heute nicht, zu sehr belastet mich das, was mich morgen erwarten wird. Irgendwann kehren wir dann in die Albergue zurück und fallen halbtot in die Betten.

DSCF6509Es war Abend, es wurde Morgen – ein neuer Tag!

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