Caminho Português – Tag 11: Ein Tag in Santiago de Compostela

DSC_0794Heute gibt es den allerersten wirklichen Langschläfertag der gesamten Reise, denn dadurch, dass wir nicht zum nächsten Ort laufen, sondern im Last Stamp noch eine weitere Nacht bleiben, müssen wir nicht in aller Herrgottsfrühe auschecken. Also greift Plan B: ausschlafen.
Irgendwas mache ich aber trotzdem falsch, denn schon um kurz nach acht bin ich topfit und frisch geduscht – aber nicht aus einem Zwang heraus, sondern einfach weil es sich richtig anfühlt. Die Mädels schlafen noch tief und fest, weshalb ich beschließe in der kleinen Bar direkt gegenüber der Herberge zu frühstücken – kann ich machen, schließlich bin ich ja im Urlaub.

Unser erster und einziger Pflichttermin des Tages ist die Pilgermesse um 12:00 Uhr, denn wir wollen auf jeden Fall den Botafumeiro in Aktion sehen.

 

 

 


Exkurs: Botafumeiro

DSC_0791Eigentlich ist ein Botafumeiro recht unspektakulär, ist es doch nicht mehr als das galizische Wort für einen Weihrauchkessel. Aber es ist DER Weihrauchkessel: In der Kathedrale von Santiago de Compostela hängt ein Exemplar, das 1,60 Meter hoch ist und ungefüllt etwa 54 Kilogramm Gewicht auf die Waage bringt. In Bewegung gesetzt wird es mittels eines Seils, dessen Länge zwischen 30 und 66 Metern angegeben wird, durch die acht sogenannten Tiraboleiros. Diese bringen den Weihrauchkessel auf eine Geschwindigkeit von über sechzig Stundenkilometern, am tiefsten Punkt berührt er fast den Boden. In der Geschichte kam es zu mindestens vier dokumentierten Zwischenfällen: 1499 soll der Botafumeiro im Beisein von Katharina von Aragon das Fenster des Südportals durchschlagen und auf der Plaza de las Platerías aufgeschlagen sein. Weitere ähnliche Ereignisse soll es 1622, 1925 und 1937 gegeben haben. Da stellt sich doch wirklich die Frage, warum ein solch großer Kessel zum Einsatz kommen muss. Ganz einfach: Bis 1786 speisten und nächtigten die Pilger auch in der Kathedrale und Hygiene wurde damals nicht so groß geschrieben wie heute – der Botafumeiro wurde gebraucht um mit dem Weihrauch einen angenehmen Geruch in der Kathedrale zu verströmen.

(Vor Beginn der Pilgermesse wird in allen erdenklichen Sprachen darauf hingewiesen, dass Bild- und Tonaufnahmen der Botafumeiro-Zeremonie streng untersagt sind. Nun ja, daran gehalten habe ich mich nicht. Übrigens auch sonst kaum jemand. Leider ist die Qualität meiner Videoaufnahme nicht vorzeigbar, daher verweise ich an dieser Stelle auf Youtube.)

 


 

DSC_0792Da die Kosten für den Einsatz des Botafumeiro mit 300 Euro (Kohle, Weihrauch, Lohnkosten für die Tiraboleiros, Seilverschleiß) ziemlich hoch sind, gibt es das Spektakel nur freitags um 19:30 Uhr zu sehen, im Heiligen Jahr aber während jeder Pilgermesse. Das nächste Heilige Jahr findet zwar erst wieder 2021 statt, aber in diesem Jahr hat Papst Franziskus das Jahr der Barmherzigkeit proklamiert und da gelten die gleichen Regeln. Gut für uns, denn so bekommen wir eine Vorstellung des Botafumeiro geboten und können die Kathedrale durch die geöffnete Heilige Pforte betreten.
Also gönnen wir uns das volle Programm: Zusätzlich zu den genannten Punkten umarmen wir noch die Jakobsstatue und besuchen das Grab des Heiligen Jakobus. Nach einer anschließenden ausführlichen Besichtigung der Kathedrale verbringen wir den Rest des Tages damit, jeden – aber auch wirklich jeden – Souvenirladen der Stadt aufzusuchen. Zwischenzeitlich treffen wir uns noch mit Rocio, einer jungen Dame aus Sevilla, die wir bereits am ersten Abend im Kloster getroffen haben. Sie war gemeinsam mit ihrem Vater unterwegs, musste aber verletzungsbedingt aufgeben und ich bereits vor einigen Tagen mit dem Bus nach Santiago de Compostela gefahren. Wir gehen mit ihr etwas essen und trinken, dann setzen wir unsere Shoppingtour fort.
DSC_0797Dabei kommen wir auch zu einem sehr schönen kleinen Laden mit dem Namen „The Pilgrim“, der eigentlich alles hat, was ich an Souvenirs mitnehmen möchte. Allerdings kaufe ich diese nicht hier und heute, denn dann müsste ich sie ja bis nach Finisterre schleppen. Stattdessen mache ich ein Foto von der Fassade des Ladens um diesen in einigen Tagen wiederfinden zu können.
Abends treffen wir uns mit unseren Italienerinnen um ein letztes Mal zusammen zu essen, bevor es dann zwangsläufig heißt Abschied zu nehmen. Um drei Uhr in der Nacht werden Sylvia und Dorian sich auf den Weg zum Flughafen machen, die Italienerinnen fahren mit Sarah zusammen mit dem Bus nach Finisterre, während ich mich zu Fuß auf den Weg dorthin mache. Wir beschließen den Abend zu einer für meine Verhältnisse unverschämt späten Uhrzeit um 01:00 Uhr in der Früh, auch wenn ich mir nichts sehnlicher wünsche, als dass dieser Tag und unsere gemeinsame Zeit niemals zu Ende gehen würde. Dennoch muss ich auch heute wieder schreiben (und das ist mir nie so schwer gefallen):
Es war Abend, es wurde Morgen – ein neuer Tag!

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