Caminho Português – Tag 13: Von Negreira nach Olveiroa

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Kurz nach Tagesanbruch passiere ich diesen See. Eine wunderbare Kulisse für meinen heutigen Weg!

Ich verfalle merklich in alte Muster: Der Wecker klingelt um 05:30 Uhr, eine Stunde später laufe ich los. Es ist stockduster, ich kann die Pfeile kaum sehen. Als der Weg in den Wald führt, muss ich eine erste Zwangspause einlegen.

Jedes Jahr aus Neue lache ich mich kaputt über die Leute, die im Camping Village der Nature One mitten in der Nacht ihr Zelt im Schein einer Taschenlampen-App aufbauen. Jetzt bin ich derjenige, der durch den Wald rennt und versucht mit seinem Handy einen Lichtkegel zu erzeugen, der groß genug ist um auch nur im Ansatz irgendetwas zu erkennen. Die erste Stunde ist so echt mühsam, dann wird es langsam hell und je weiter die Dämmerung fortschreitet, desto mehr kann ich sehen. Dann komme ich auch langsam in Gang und von da an läuft es flüssig durch.

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Ja, ich gebe es zu: Auch ich habe mal eine Pause gemacht. Keine Ahnung mehr, wie diese Brücke heißt, aber es fand sich ein passierender Pilger um diesen raren Moment festzuhalten.

Ohne dass ich großartig hetze oder mich beeile, fliegen die Weiler nur so an mir vorbei und ehe ich mich versehe, liegt links von mir auch schon die Albergue von Vilaserio – an sich nichts besonders erwähnenswertes, diese Herberge markiert lediglich die erfolgreiche Absolvierung des ersten Drittels der heutigen 33,2 Kilometer langen Wegstrecke. Als ich dann etwas mehr als eine Stunde später auch Santa Marina durchquere und die Landstraße AC-403 kreuze, ändert sich das Bild drastisch. Von jetzt auf gleich verabschiede ich mich aus der Zivilisation und laufe die Berge rauf und wieder runter. Bin ich bis hierher regelmäßig anderen Pilgern begegnet, ist damit nun Schluss und ich befinde mich alleine auf weiter Flur. Die Natur ist beeindruckend und lässt sich kaum in Worte fassen, daher beginne ich penibel jeden Quadratzentimeter fotografisch festzuhalten.

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Nach vielen Kilometern in der absoluten Einöde heißt es: Willkommen in der Zivilisation!

Dann erreiche ich wieder die Zivilisation und passiere Ponte Olveira. „Zivilisation“ ist hier bitte relativ zu verstehen, Ponte Olveira besteht aus dreißig Einwohnern und zwei Herbergen mit insgesamt dreißig Betten. Dieser Ort geht fließend in Olveiroa über, mit 110 Einwohnern und 95 Pilgerbetten fast schon eine Metropole. Im Prinzip kann ich damit an den heutigen Tag einen Haken machen, aber als ich auf die am morgigen Tag anstehende Etappe schaue, die mit 31,5 Kilometern angegeben ist, fasse ich einen folgenschweren Entschluss: Nachdem es gerade so gut läuft und es gerade einmal zwei Uhr ist, schaffe ich es locker noch zur nächsten Herberge, die im vier Kilometer entfernten Logoso liegt. Ohne jetzt zu viele Worte zu verlieren: In Logoso beschließe ich dann, bis Hospital weiterzulaufen, das ist die nächste, weitere zwei Kilometer hinter Logoso liegende Herberge.

Dass dieses sehr idyllisch zwischen der häßlichen Eisenfabrik von Dumbria und der Hauptverkehrsstraße gelegen ist, ist zwar für den Gesamteindruck nicht gerade förderlich, interessiert mich aber nicht, denn langsam aber sicher machen sich meine Füße bemerkbar, die ich jetzt gerne hochlegen und schonen möchte.

Ich betrete also dieses Gebäude und das Unheil nimmt seinen Lauf: Zunächst einmal ist es unfassbar laut, denn es befinden sich mehr Leute in dieser Bar als eigentlich hineinpassen. Es sind aber keine Pilger oder sonstige Übernachtungsgäste, sondern Gäste der Betreiber, die gerade eine Party feiern. Als ich einige Minuten an der Bar gestanden habe, kommt ein alter Mann auf mich zu und schaut mich fragend an. Ich frage ihn mit den wenigen Brocken Spanisch, die ich mittlerweile erlernt habe, ob es noch ein freies Bett gibt, er sagt „Si!“, dreht sich um und ward nicht mehr gesehen. Einige Minuten später kommt eine ältere Frau auf mich zu, ich frage sie, ob sie Englisch spricht. Sie sagt: „Yes, of course! My English is perfect, I give English classes“. Als ich sie bitte, für mich in der staatlichen Herberge von Dumbria anzurufen und nachzufragen, ob es dort noch ein freies Bett gibt, versteht sie plötzlich kein Wort mehr und sagt ständig nur noch „Acqui!“, also „Hier!“. Leider hat das ganze ein Mann mitbekommen, der neben mir steht und der blöderweise auch noch fließend Englisch und Spanisch spricht, was ihr sichtlich unangenehm ist. Er teilt mir nach längerem Hin und Her mit, dass sie dort nicht anrufen wolle, weil in Dumbria heute ein Fest stattfinde und die Herbergen deswegen wahrscheinlich schon voll seien.

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Während der ganzen Zeit, die ich an diesem unbehaglichen Ort, der Albergue O Casteliño, verbringe, habe ich vor meinem geistigen Auge den Weg, der mir zuzurufen scheint: „Geh weg von diesem Ort, komm zu mir“. Ich höre auf den Weg.

Ich schaue ihn fassungslos an, denn auf genau diesem Kenntnisstand war ich bereits vor vielen Minuten. Zwar ist die Information das Fest betreffend neu, aber dass die Herberge möglicherweise belegt sein könnte, hatte ich aufgrund der fortgeschrittenen Zeit vermutet. Ihr verständlich zu machen, dass das ja genau das Detail sei, wegen dem ich sie gebeten hatte dort anzurufen (was sie auch noch entschieden ablehnt, als ich ihr Geld für das Telefonat anbiete), erspare ich uns beiden. Stattdessen schultere ich erneut meinen Rucksack und laufe los, denn bis wir das Ganze ausdiskutiert haben, bin ich schon lange bei der nächsten Herberge im knapp fünf Kilometer entfernten Dumbria angekommen. Zu der Herberge, die ich gerade hinter mir lasse, sollte ich noch zwei Dinge erwähnen: Für ihre Gäste haben die Besitzer in einem Nebenraum ein reichhaltiges Buffet aufgebaut, für mich wird es aber nichts warmes zu essen geben, da – wie sie mir später noch mitteilt – die Küche heute den ganzen Tag wegen des Festes in Dumbria geschlossen ist (Die Frage nach dem Zusammenhang klemme ich mir mal). Mein Bett für die Nacht wäre im gleichen Raum gewesen wie die Bar, in der sich die Party abspielt, lediglich abgetrennt durch eine Wand aus MDF-Platten, die nicht einmal bis zur Decke reicht – ich wäre also wahrscheinlich die gesamte Nacht unfreiwilliger passiver Teilnehmer der Party gewesen.

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Auch auf dem Caminho gilt es folgenschwere Entscheidungen zu treffen!

Das unbehagliche Gefühl, das mich schon bei Betreten der Albergue O Casteliño ereilt hat, spornt mich noch mehr an weiterzulaufen. Der Weg nach Dumbria führt ab diesem Punkt, an dem man sich zwischen dem Ziel Muxia oder Finisterre entscheiden muss, zwar auf Schotterwegen konstant steil bergauf, aber erstens entschädigt die Schönheit der sich eröffnenden Täler für diese Strapaze, zweitens schlafe ich lieber vor der Tür der nächsten Herberge auf dem kalten Boden (Isomatte habe ich ja keine dabei), als auch nur einen einzigen Cent hier zu lassen und drittens freue ich mich darüber, dass mit jedem zurückgelegten Meter die morgige Etappe nach Muxia kürzer wird.

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Eine Panoramaaufnahme vom Weg zwischen Olveiroa und Dumbria. Dass der Weg, den ich gerade gehe (rechts im Bild), der gleiche ist, der sich im späteren Verlauf die Berge hochkämpft (bei genauem Hinsehen links oben im Bild zu erkennen), brauche ich wohl nicht erwähnen. Vor mir liegt ein weiter Weg!

Ich bin gefühlt er zwei Kilometer gelaufen, da taucht vor mir ein markantes rot-blaues Gebäude auf – es ist die Albergue O Conco. Aus der Ferne sehe ich einen weißen Zettel in der Türe hängen und breche innerlich zusammen, denn das machen die Hospitaleros immer dann, wenn die Herbergen belegt sind. Als ich wenige Minuten später vor der Türe stehe, kann ich folgenden Text lesen: „Open from 13:00 to 22:00h. The door is open. There are free beds in the bedrooms. Choose one bed, please. We return soon. Price: 6€. Thanks.“

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Dieses Bild habe ich von der Internetseite der Herberge geklaut, man möge es mir verzeihen!

Überglücklich betrete ich das Gebäude, suche mir ein Bett und stelle mich danach für eine halbe Stunde unter die heiße Dusche – selten hat es so gut getan einen Strahl heißen Wassers auf die total verhärtete Schultermuskulatur zu bekommen. Als ich die Dusche verlasse, fühle ich mich wie ein neuer Mensch. Ich ziehe saubere, trockene Sachen an, wasche meine triefend nass geschwitzten Sachen, die ich heute den ganzen Tag über anhatte, dann schlüpfe ich in meine Sandalen und ziehe los den Ort zu erkunden. Bei einem etwas größeren Weiler mit gerade einmal 480 Einwohnern ist man da schnell durch. An einer Bar, deren Türe geschlossen ist und die drinnen stockdunkel ist, halte ich kurz an, denn gerade kommt ein älterer Mann, offensichtlich der Besitzer, heraus. Da er leider kein Wort Englisch versteht, kann ich nun also endlich mit meinen exzellenten und vor Eloquenz strotzenden Spanischkenntnissen punkten: Ich zeige auf die Bar und frage: „Abierto?“. Er schaut mich an und macht eine Geste, die soviel heißt wie: „Die einen sagen so, die anderen sagen so“. Meine äußerst eloquente Frage „Agua sin gas?“ veranlasst ihn dazu hineinzugehen, die Türe des anliegenden Supermarktes aufzuschließen und das Licht anzuschalten. Dass in diesem Moment auch erst mit einem lauten Brummen die Kühlung der Vitrine anspringt, in der das Frischfleisch fachgerecht bei Zimmertemperatur gelagert ist, übersehe ich geflissentlich.

Mir fällt plötzlich wieder ein, dass heute ja Sonntag ist und deswegen der Supermarkt eigentlich geschlossen hat. Ich kaufe mir eine Flasche Aquarius, zwei Dosen Coca-Cola und gönne mir außerdem noch ein Schokoladen-Blätterteit-Gebäck.

Was es sonst noch über diesen Ort zu berichten gibt: Man ist offensichtlich überglücklich, dass eine Berühmtheit wie ich den Ort besucht, denn im Stadion gleich neben der Herberge wird mir zu Ehren ein Fußballspiel veranstaltet und auf dem Vorplatz der Kirche beginnen Leute gerade damit eine Bühne aufzubauen, auf der heute Abend zu meiner Belustigung Musik und Tanz dargeboten wird. Das wäre zwar nicht nötig gewesen, aber ich nehme es wohlwollend zu Kenntnis.

DSC_0820Während ich, gerade als ich diese Zeilen schreibe, in meiner Residenz auf dem Balkon sitze, von dem aus ich später zum Volk sprechen werde, finden auf besagter Bühne bereits Proben für heute Abend statt und ich stelle fest, dass sich das durchaus vielversprechend anhört. Ich sitze also hier und mein Blick fällt auf einen Wegstein, der die noch zu laufende Distanz mit etwas mehr als 23 Kilometern angibt. Losgelaufen bin ich heute morgen in Negreira bei Kilometer 71, somit habe ich heute 48 Kilometer auf dem Tacho stehen. Vor meinem geistigen Auge erscheint wieder die Hospitalera aus Tui, mit erhobenem Zeigefinger und mahnendem Blick höre ich, wie sie es sagt: „Stupido!“.

DSCF6590Nachdem ich einige Zeit das Fußballspiel angeschaut habe (es ist übrigens ziemlich langweilig, exzessiv den Schiedsrichter anzupöbeln und zu beleidigen, wie es sich ja für ein Kreisklassenspiel gehört, wenn dieser mich nicht versteht), wundere ich mich ja schon ein wenig über die Regelabweichungen zum deutschen Fußball: Es gibt zwar einen Schiedsrichter, aber keine Linienrichter. Im Zweifelsfall wird erst ausgiebig diskutiert und anschließend demokratisch abgestimmt, ob ein Ball nun im Aus war oder nicht.

DSC_0824Im Anschluss an das Fußballspiel habe ich leider nicht mehr viel Zeit für das Volksfest, das bereits im vollen Gange ist, lasse es mir aber dennoch nicht nehmen noch eine Viertelstunde der Tanzdarbietung beizuwohnen, bevor ich zur Herberge zurückkehre, die ich zehn Minuten vor Zelleinschluss erreiche.

Nachdem ich noch ein feudales und reichhaltiges Mahl zu mir genommen habe (trockenes Brot und stilles Wasser), falle ich auch schon ins Bett.

Es war Abend, es wurde Morgen – ein neuer Tag!

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