Caminho Português – Tag 14: Von Olveiroa nach Muxía

Als ich wach bin, bin ich wie gerädert – so bescheiden habe ich noch nie geschlafen, und das, obwohl wir nur zu zweit sind, mein temporärer Mitbewohner nicht schnarcht (was ich aufgrund des Einsatzes von Ohropax sowieso nicht mitbekommen hätte; die Information möchte ich Euch aber dennoch nicht vorenthalten) und auch von dem Straßenfest nichts zu hören war (wegen: siehe oben). Es ist 07:40 Uhr, als ich endlich aufstehe, mein Zeug zusammenraffe und mit dem Bündel in der einen Hand und dem Rucksack in der anderen Hand auf den Flur gehe um dort alles für den heutigen Tag zu packen.

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Der Bäcker ist wohl länger nicht mehr hier vorbeigekommen und die Bewohner sind – wie Nomaden – weitergezogen auf der Suche nach Nahrung.

Das Frühstück – bestehend aus Café con Leche – gedenke ich heute in Senante einzunehmen, dafür muss ich allerdings erst einmal acht Kilometer laufen. Als ich mich und mein Zeug soweit sortiert habe, marschiere ich los, beginnend bei dem Wegstein „Km 23.xxx“, der mir die noch verbleibende Distanz nach Muxía anzeigt.
Ich fühle, wie ich förmlich schwerelos über den Asphalt beziehungsweise über die Kieswege fliege und ehe ich mich versehe, bin ich knappe 1,5 Stunden später auch schon im Landeanflug auf meinen Kaffee. Bis hierher ist landschaftlich nicht viel passiert, außer, dass ich ständig durch eine unfassbar schöne Gegend laufe, die ich gerade sehr genieße, in der ich aber sonst nicht tot überm Zaun hängen wollte, so abgeschieden ist es hier. Wie auch schon während der vergangenen zwei Tage frage ich mich andauernd, wie sich die hier lebenden Menschen mit den elementarsten Dingen versorgen.

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Es ist ja zu befürchten, dass diese Gerätschaft noch immer verwendet wird. Vom Zustand her passt diese Kreissäge auf jeden Fall zu den Häusern dieser Region.

Klar, hinter jedem Haus gibt es einen Garten, Kühe, Ziegen und Schafe sind auch reichlich vorhanden, womit schon mal eine gewisse Grundversorgung gewährleistet ist. Aber alles andere? Mal abgesehen davon, dass ich kaum Autos oder sonstige motorisierte Vehikel sehe (außer natürlich der Bäcker, der hat einen kleinen Lieferwagen. Bisher bin ich praktisch jeden Morgen live dabei gewesen, wie er durch die Dörfer fährt und Plastiktüten mit Backwaren an die Türklinken der Häuser hängt) und die Menschen möglicherweise über einen Lieferdienst versorgt werden – wenn die mal vergessen etwas bestimmtes zu bestellen, dann gibt es das halt die ganze Woche über nicht, oder zumindest solange, bis der Lieferdienst das nächste Mal klingelt.

DSCF6611Während ich diesbezüglich vor mich hin sinniere, taucht vor mir auch schon Quintáns auf, was bedeutet, dass auch schon die nächsten sechs Kilometer geschafft sind. Ich habe das Gefühl, dass ich heute einen Lauf habe 8Notiz an mich selbst: Hierfür bitte fünf Euro ins Phrasenschwein schmeißen!). Jetzt sind es also nur noch zehn Kilometer und plötzlich jagt eine Sehenswürdigkeit die nächste: Ich passiere das ehemalige Kloster von San Martino de Ozón und den dazugehörigen Hórreo (der mit 27 Metern Länge größte Kornspeicher Galiziens), etwas weniger als eine Stunde später lasse ich das älteste Kloster an der gesamten Costa da Morte – das Benediktinerkloster Monasterio de San Xulián de Moraime – rechts liegen, nicht ohne zuvor die dazugehörige Kirche in Augenschein genommen zu haben, was sich alleine deswegen schon lohnt, weil ich direkt nach Betreten des Gebäudes erstmal eine breite Treppe hinabsteigen muss um zum Hauptportal der Kirche zu gelangen.

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Nach über 350 Kilometern Wegstrecke über Asphalt, Waldwege und Schotterstraßen genieße ich es sehr, die Etappe vor Muxía über Holzstege am Strand entlang zu laufen.

Dann steigen plötzlich mein Puls und meine Laufgeschwindigkeit ins Unermessliche, denn wie aus dem Nichts lugt plötzlich vor mir der Atlantik zwischen den Bäumen hervor und ich empfinde die unbändige Freude darauf, mit meinen geschundenen Füßen den feinen weißen Sand des Playa de Espineirido zu berühren, während ich über einen Bohlenweg die letzten (Kilo-)Meter gen Muxía bestreite.

Was soll ich jetzt, da ich diesen Ort intensiv besichtigt habe, im Nachhinein zu Muxía sagen? Mit immerhin 1600 Einwohnern ist es eines von den verschlafenen Fischerdörfern, wie wir alle sie aus diversen Rosamunde-Pilcher- (bzw. in diesem Fall eher Inga-Lindström-)Verfilmungen kennen: Idyllisch, sehr schön anzuschauen, aber für sehr viel länger als einen Tag definitiv ungeeignet. Nachdem ich den Ort in seiner gesamten Länge (1,2 Kilometer) und Breite (zwei Straßen) mehrfach durchschritten habe, beschließe ich meinen ursprünglichen Gedanken zu verwerfen. Von mehreren Mitpilgern, die sich als Wiederholungstäter outeten, habe ich nämlich gehört, wie wunderschön Muxía sein soll, und habe daher die Option in Betracht gezogen, noch eine weitere Nacht hier zu bleiben. Das lasse ich wohl mal eher…

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Das ist sie also, die Kapelle der Virgen de la Barca. Der Legende zufolge hat sich der Apostel Jakobus hier am äußersten Ende der damals bekannten Welt zurückgezogen, um zu beten. Zutiefst verzweifelt über die Egozentrik der Menschheit soll ihm hier die Gottesmutter Maria auf einem steinernen Boot erschienen sein und ihn ermuntert haben, die Missionierung fortzusetzen. Daraus leitet sich auch der Name der Kapelle ab: „Jungfrau vom Boot“. Am 25.12.2013 brannte die Kapelle infolge eines Blitzeinschlages vollständig aus und wurde notdürftig wieder aufgebaut.

Stattdessen laufe ich vor zum Kap, wo die altehrwürdige Virxe da Barca steht, oder besser: das ihr gewidmete Heiligtum.
Die Aussicht ist… tja, der Deutsche gebraucht hierfür gerne das Wort „unbeschreiblich“, das dadurch auch schon entsprechend ausgelutscht ist. Es ist aber nun mal wirklich nicht zu beschreiben, denn ich stehe selten an einem Kap am Atlantik und schaue über den Punkt hinaus, an dem die Welt endet. Ich bleibe eine kleine Ewigkeit sitzen und schaue aufs Meer. Hemingway hätte seine wahre Freude an diesem Motiv gehabt. „Der alte Mann und das Meer“ schrieb er ja in Teilen in der Bodeguita del Medio in Havanna. Nachdem ich dort in genau dieser Bar auf meiner Kuba-Reise ein, zwei, zwölf Daiquiris intus hatte, hatte ich das Gefühl ihm gegenüber zu sitzen und darüber zu reden. Und wer weiß: Vielleicht hatte er damals genau dieses Motiv vor Augen, das ich hier gerade inszeniere.

Ich schrecke hoch, es dämmert bereits. Ich muss wohl eingeschlafen sein, voll und ganz der Magie dieses Ortes erlegen. Ein wohliges Gefühl durchströmt meinen Körper – ich will jetzt nicht sagen, dass ich mich wie neugeboren fühle, aber auf jeden Fall ausgeschlafen und topfit. Den zu erwartenden Sonnenbrand nehme ich dafür gerne in Kauf.
DSCF6645In epischer Breite würde ich jetzt gerne darlegen, was ich den Rest des Tages noch alles gemacht habe, aber ich verweise hierzu auf meine anfänglich Anspielung auf Rosamunde Pilcher, denn dort wird ebenfalls in epischer Breit erzählt, dass im Grunde nichts passiert ist. Genauso verhält es sich bei mir am heutigen Tag. Ich gehe zurück zur Herberge, biege kurz vorher links ab und steige die Treppe zum Hafen hinab, betrete Timosus Bar, weil ich eigentlich gerne etwas essen möchte, beschließe unmittelbar beim Betreten der Lokalität, das auch definitiv tun zu wollen, aber nicht hier, setze mich – um die Situation für alle Beteiligten weniger peinlich zu gestalten – an einen der Tische (wobei alle Tische leer sind, bis auf einen einzigen, an dem die Frau und die Tochter des Besitzers vor einem Laptop sitzen und einen Haufen Klamotten im Onlineshop von Decathlon bestellen) und bestelle eine Cola, die ich auch prompt mit einem Glas (inklusive Eiswürfel und Zitronenscheibe) geliefert bekomme.
Nachdem ich das Glas in einem angemessen langen Zeitraum geleert habe (zu schnell hätte nach Flucht ausgesehen und das will ich vermeiden), steige ich die Treppe wieder hinauf, überquere die Straße, betrete und durchschreite die Herberge, nehme im Garten meine Wäsche von der Leine und verstaue diese in meinem Rucksack, verlasse die Herberge wieder, indem ich diesmal nicht geradeaus zum Hafen sondern nach links gehe, betrete drei Häuser weiter ein Restaurant und lasse mich dort zum Abendessen nieder. Anmerkung: Sollte hier der Eindruck entstehen, dass sich die gesamte erzählte Geschichte auf einer geografisch kleinen Fläche abspielt, so ist dies absolut erwünscht, weil der Realität entsprechend.
Ich bestelle das Pilgermenü für zehn Euro und bekomme dafür im ersten Gang eine vorzügliche Fischsuppe, die ich peinlicherweise halb auf dem Tisch verteile beim Versuch die Schalentiere zu öffnen. Werde das vor meiner nächsten dementsprechenden Bestellung ausgiebig üben.
Im zweiten Gang bekomme ich drei kleine Fische auf dem Grill gegart und mir auf einer Schiefertafel kredenzt, deren Name mir gerade entfallen ist. Ich weiß nur, dass ich das bisher noch nie gegessen habe, aber als „Lafer!Lichter!Lecker!“-Fan weiß ich natürlich sofort, was zu tun ist. Um drei Gänge (den Nachtisch habe ich verschwiegen) und eine Flasche Rotwein reicher wanke ich zurück zur Herberge und falle leicht angebrütet in eine gnädige Ohnmacht.
Es war Abend, es wurde Morgen – ein neuer Tag!

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