Caminho Português – Tag 15: Von Muxía nach Finisterre

Die heutige Etappe wird hart und bedarf daher intensiver Vorbereitung. Zunächst einmal schlafe ich bis um sieben Uhr, mache mich und mein Gepäck startbereit, nehme ein Frühstück zu mir und bin um 07:40 Uhr startklar.

DSCF6667Gleich zu Beginn bekomme ich eindrucksvoll gezeigt, wo der Hammer hängt, denn es geht bergauf. Steil bergauf. 270 Höhenmeter auf einer Strecke von knapp zwei Kilometern mag sich jetzt erstmal nicht nach viel anhören, aber ich trage zwölf Kilogramm Gepäck auf meinen Schultern und habe Beine, die sich anfühlen als trüge ich Zementschuhe. Dazu knallt die Sonne schon jetzt um 08:00 Uhr gnadenlos vom Himmel, so dass selbst der Schatten beschlossen hat heute hitzefrei zu nehmen. Anders kann ich mir nicht erklären, dass es auf dieser Bergetappe (genauso wie übrigens auf der gesamten Reststrecke auch) nicht einen einzigen Quadratzentimeter Schatten gibt.
Ich treffe am Fuß des Berges auf Carlos. Er kommt aus Mexiko und ist hier mit dem Fahrrad unterwegs. Die folgenden Kilometer liefern wir uns einen erbitterten Kampf, bei dem wir uns keinen Meter schenken, den ich aber letztlich für mich entscheiden kann. Auch wenn ich schimpfe wie ein Rohrspatz, als ich mich den Berg hinaufkämpfe: Mit einem Fahrrad ist der Aufstieg garantiert noch beschwerlicher, denn aufsitzen ist bei der Steigung schlichtweg nicht drin und ein bepacktes Fahrrad schieben macht auch keinen Spaß. Oben auf der Bergkuppe einigen Carlos und ich uns auf ein „Unentschieden“, als ich mich erst mal königlich verlaufe und ihn dann auf dem Rückweg an einer Kreuzung wiedertreffe. Danach geht es erstmal konstant bergab und Carlos ist mit seinem Fahrrad nicht mehr aufzuhalten und einzuholen. DSCF6672Die heutige Etappe führt konstant durch das absolute Nichts. Wenn mal ein Weiler (hier nie größer als drei oder vier Häuser) auf dem Weg liegt, kündigt sich dieser bereits lange im Voraus durch einen bestialischen Gestank an. Ich meine, Landwirtschaft ist ja schön und gut und wichtig und so, und ich kenne das ja auch aus meiner Heimat, aber das hier ist echt eine Zumutung: Es stinkt bestialisch, in etwa so als wäre hier bereits vor längerer Zeit irgendetwas gestorben. Meinen Würgereiz unterdrückend möchte ich jedes Mal schneller werden, alleine meine Beine verweigern den Gehorsam. DSCF6673

Erst kurz vor Lires treffe ich Carlos wieder in einem kleinen Container sitzend, der mit einem Snack- und Getränkeautomaten ausgestattet ist. Meine Wasservorräte habe ich zwar schon aufgebraucht, aber bis Lires sind es nur noch zwei Kilometer. Dort muss ich eh Halt machen und den Pflichtstempel des heutigen Tages abholen, der mich dazu qualifiziert, die offizielle Urkunde zu erlangen, die bestätigt, dass ich zu Fuß nach Finisterre gelaufen bin.
In Lires gibt es nichts, aber auch absolut überhaupt gar nichts. Als ich das Dorf betrete, halte ich Ausschau nach einem kleinen Laden, in dem ich den Stempel erhalte und vor allem – bei den aktuellen Temperaturen sehr wichtig – meine Wasservorräte auffüllen kann, denn meine Trinkflaschen sind von innen staubtrocken. Als ich das Schild passiere, das den Ortsausgang markiert, kehre ich um und laufe den Weg wieder zurück. Irgendetwas muss ich übersehen haben, denn ich bin an keinem Laden oder Café vorbeigekommen.

DSCF6675An einem Haus klebt ein kleines Plakat, dass ich auf dem Hinweg verpasst habe. Kein Wunder, denn eigentlich handelt es sich dabei um ein laminiertes DIN A4-Blatt, auf dem folgendes steht: „Selle su credencial en la mesa del patio“. Aha, ich soll also den Stempel vom Gartentisch nehmen und mein Credencial selbst abstempeln. Klare Anweisung, eigentlich. Sehr schön und vor allem äußerst kreativ finde ich die deutsche Übersetzung: „Dichtung carte des Camino de Santiago in der terrasse tabelle“. Danke Google, das ist echt süß! Nachdem ich den Stempel in meinen Pilgerpass gesetzt habe, wird mir eines erst so richtig bewusst: Ich habe kein Wasser mehr und es gibt hier in Lires nichts, was auch nur im Entferntesten an eine Bar, ein Café oder gar einen kleinen Laden erinnert. Lires liegt etwa auf der Hälfte der Strecke und auf den folgenden fünfzehn Kilometern bis Finisterre sind zwar zwei kleine Weiler auf der Karte zu sehen, aber keines der sonst üblichen Symbole für eine Verpflegungsstation. „Achten Sie darauf ständig einen Liter Wasser als Reserve dabeizuhaben“, so steht es in meinem Reiseführer. Hatte ich ja, habe ich aber aufgebraucht, nachdem ich die 1,5 Liter getrunken habe, die ich zusätzich zur Reserve dabei hatte. Und außerdem hatte ich Lires fest eingeplant als Wasserstelle, denn wo es einen Stempel gibt, gibt es immer auch eine Bar. Dass es überhaupt nichts gibt, ist ein Novum.
DSCF6679Ich bin heilfroh, als ich etwa 1,5 Stunden und sieben Kilometer später eine Holzbank und einen Holztisch sehe, die unter einem mit Holzlatten und Kunststoffplane notdürftig zusammengezimmerten Unterstand stehen und mit einem Schild markiert sind, auf dem „Pilgrim Information“ geschrieben steht. Der daneben gemalte gelbe Pfeil weist zum Wohnhaus, wo ich dann auch hingehe. „Do you sell water?“ ist alles, was ich mit staubtrockener Kehle noch zustande bringe. „No, we don’t sell water, but you can have a glass“, sagt die Frau des Hauses und reicht mir ein Glas. Ich stürze es runter als sei ich gerade zwei Wochen durch die Wüste zu einer Wasserstelle gelaufen. Das Bild, das ich abgebe, muss so aussehen wie die R’activ-Werbung aus den frühen Neunzigerjahren, jedenfalls schaut sie mich mitleidig an und füllt meine Flaschen auch noch für mich auf. Damit schaffe ich es dann auf jeden Fall bis nach Finisterre.
DSCF6682Die letzten Kilometer sind noch einmal richtig übel, denn nicht nur meine Beine sind kurz davor den Dienst zu quittieren, sondern in dem Moment, als ich den Atlantik sehe und noch fünf Kilometer an ihm entlangwandern muss darf, fängt auch mein Kopf an mich zu fragen, ob ich eigentlich noch ganz sauber bin. Den ganzen Tag über konnte ich meinen Kopf mit seinen Hausaufgaben beschäftigen und jetzt quengelt er wie ein kleines Kind: „Sind wir bald da? Ich hab Durst, ich muss mal! Wann ist „bald“?“. Dann entdecke ich an einer Straßenkreuzung eine kleine Bar, in die ich sofort hineinstürze (okay, mit Entledigung meines Rucksacks und kurzem Durchatmen dauert das schon ein paar Minuten) und eine eiskalte Coca-Cola bestelle. Anstatt mir die übliche Schale mit Erdnüssen auf den Tresen zu stellen, verschwindet der Wirt in einem dunklem Raum hinter dem Tresen und kommt mit einem kleinen Porzellanschälchen zurück aus dem eine Gabel hervorschaut. Darin dampfen munter Oktopus- und Kartoffelstücke vor sich hin – ich fühle mich wie im Paradies! Frisch gestärkt nehme ich die letzten zwei Kilometer in Angriff, die mich durch flimmernde Luft über vor Hitze fast weichem Asphalt immer entlang des weißen Sandes der Playa do Langosteiros nach Finisterre bringt.
Finisterre ist auf den ersten Blick laut, dreckig, voller Menschen. Der zweite Blick bestätigt das – ganze Reisebusse fahren an mir vorbei in Richtung des Leuchtturms am Kap. Wie schön ruhig und beschaulich war doch im Vergleich dazu Muxía!
Zunächst begebe ich mich auf die Suche nach einer Unterkunft, mein Reiseführer gibt dazu ein paar Tipps. Die Herberge, die sich am besten anhört, nehme ich, checke ein und werde das am nächsten Tag bitter bereuen. Doch zunächst nehme ich eine ausgiebige Dusche um meine gepeinigten Knochen wieder einigermaßen zu versöhnen und zu einer weiteren Zusammenarbeit mit mir zu bewegen.
DSCF6684Dann mache ich mich auf den Weg den Ort zu erkunden. Bei der staatlichen Herberge hole ich mir die ehrlich verdiente Finisterrana ab, für deren Stempel ich ja – wie bereits berichtet – ein paar Extrakilometer gelaufen bin.
Dann laufe ich durch den Hafen, bis ich wieder einen der mittlerweile so vertrauten gelben Pfeile sehe. Ein Wegstein markiert die Distanz bis zum Ende der Welt mit knapp drei Kilometern, das ist gut machbar. Die kurvige Straße schlängelt sich am Berg entlang und mit jedem Meter nimmt die gefühlte Verkehrsdichte – sowohl an motorisierten Vehikeln aller Art als auch an Fußgängern – merklich zu, bis ich am Ziel ankomme: Ein Souvenirladen reiht sich an den nächsten, dazu gibt es noch zwei Gastronomiebetriebe zwischen Parkplatz und Leuchtturm zu passieren – das alles auf gerade einmal einhundert Metern.

DSC_0855Ich passiere die 0,0-Kilometermarkierung natürlich nicht ohne das obligatorische Foto von mir am Stein als Beweis für die Nachwelt zu machen, dann laufe ich am Leuchtturm vorbei zu den Felsen, klettere so weit wie möglich hinunter, setze mich und schaue ins Nichts. Ich weiß nicht mehr, welches Volk es genau war – ich glaube, es waren die Kelten, die in genau diesem Punkt, an dem ich jetzt sitze, das Ende der Welt sahen (daher auch der Name Finisterre: aus dem Lateinischen „Finis terrae“ = Ende der Welt) und alles, was sich dahinter befindet nur das „Meer des Vergessens“ nannten.
Ich bleibe einige Stunden hier sitzen und beende meine Hausaufgaben. Dafür brauche ich Ruhe und die Magie dieses Ortes – außerdem möchte ich nicht, dass mich jetzt jemand sieht oder stört. Es ist schon kurz vor sechs als ich aufstehe, mich von diesem Ort verabschiede und den Rückweg ins Dorf antrete. DSCF6696Etwa auf halber Strecke entdecke ich einen Wegweiser, der mir auf dem Hinweg nicht aufgefallen ist, genauso wenig wie der Schotterweg, der sich im rechten Winkel von der Straße abzweigend den Berg in Richtung Klippe schlängelt. „Cemeterio“ steht auf dem Schild, ein Friedhof also. Als ich hinunterschaue, kann ich auf der Klippe mehrere Steinquader entdecken, die ich schon vielfach auf dem Caminho gesehen habe: Hier in Portugal und Spanien werden die Toten eher selten wie bei uns unterirdisch begraben, sondern in bienenwabenähnlichen Bauten in mehreren Etagen über der Erde. Aber kein Ort war so magisch wie dieser hier: Nach dem Übergang vom Leben in eine andere Welt hier seinen Frieden zu finden, mit bester Aussicht auf das Meer des Vergessens – das ist schon echt episch!
Zurück im Ort wird es Zeit für das Abendessen. Im Hafen gibt es hierfür massenhaft Gelegenheit, alle Restaurants bieten das Dreigängemenü für zwölf Euro an. Ich bestelle im ersten Gang eine Fischsuppe, im zweiten Gang eine Meeresfrüchtepaella und zum Dessert eine Zitronencreme. Zuerst bekomem ich einen Brotkorb und eine fast noch ganz volle Flasche Rotwein auf den Tisch gestellt und als ich endlich verstehe, dass das alles für mich vorgesehen ist, weiß ich schon wo die Reise hingeht.

DSC_0863Die Fischsuppe entpuppt sich als stattliche Terrine, aus der ich meinen Teller dreimal fülle, bevor ich kapituliere. Die Kellnerin grinst mich zufrieden an, als sie das Schlachtfeld abräumt. Wahrscheinlich hat sie mit dem Koch gewettet, ob ich die Portion schaffe, und hat gewonnen. Den Paellaberg, der danach den Tisch in die Knie gehen lässt, bezwinge ich alleine schon deswegen, weil es eine Schande gewesen wäre dieses Gericht zurückgehen zu lassen. Um es kurz zu machen: Das war die beste Paella meines Lebens! Die Zitronencreme danach: Ein Traum. An mehr erinnere ich mich leider nicht, denn mit einer Flasche Rotwein im Kopf wanke ich aus dem Lokal in Richtung Herberge.

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Ganz wichtig auf den letzten Metern vorm Ziel: Niemals schneller als 10 Stundenkilometer pilgern, hier gibt es eine Radarkontrolle!

Ach ja, die Herberge. Das hatte ich ja schon verdrängt. Im Schlafsaal sind jeweils immer zwei Stockbetten aneinandergeschoben, nur getrennt durch eine 25 Millimeter dicke Pressspanplatte. Dass es aufgrund der hochwertigen Bauweise der Stockbetten jedes Mal einen Riesenkrach macht, wenn sich jemand im Bett herumdreht, daran habe ich mich bereits gewöhnt. Mit Ohropax in den Ohren bekommt man davon (fast) nichts mit. Aber das hier ist eine andere Situation, denn wenn ich einer umdreht im Schlaf, bringt das gleich zwei Stockbetten ins Wanken und drei andere Pilger dürfen daran teilhaben. Ich kann Euch zwei Dinge zu dieser Nacht sagen: Mindestens einer in unserer Viererkoje hatte einen sehr unruhigen Schlaf und ich habe noch nie auf dem gesamten Caminho so beschissen geschlafen wie in dieser Nacht. Wie ich am nächsten Morgen aussehe und wie ich mich fühle, möge sich nun jeder selbst vorstellen. Zunächst einmal heißt es wie jedes Mal:
Es war Abend, es wurde Morgen – ein neuer Tag!

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