Caminho Português – Tag 16: Von Finisterre nach Santiago de Compostela

Nach dieser Nacht möchte ich eigentlich nur noch eines: So schnell wie möglich weg von diesem Ort, und so stehe ich mit geordnetem Sturmgepäck auf dem Rücken um 09:00 Uhr an der Bushaltestelle und erwarte sehnlichst die Ankunft und vor allem die anschließende Abfahrt des Busses nach Santiago de Compostela.

Der Bus fährt vor, die Tür geht auf, ich steige ein (einige andere auch noch), die Tür geht zu, der Bus fährt ab und kaum zwei Stunden später stehe ich am zentralen Busbahnhof von Santiago de Compostela. Mein erster und zugleich wichtigster Punkt auf der To-Do-Liste für heute ist der, ein Einzelzimmer zu finden. Ich bin von den letzten Nächten extrem geschlaucht und wünsche mir gerade nichts mehr als ein großes Bett, eine Türe, die ich hinter mir schließen kann, und vor allem: Ruhe beim Schlafen! Ich setze mich in ein Café, bestelle einen großen Milchkaffee und beginne mit meinem Handy die Suche nach einem Hotel.

Dabei werden mir wieder einmal eindrucksvoll die Grenzen meines technischen Verständnisses aufgezeigt: Ich gehe auf die Seite booking.com (um den Verdacht des Product Placements – neudeutsch für Schleichwerbung – aus der Welt zu schaffen: Es gibt natürlich noch viele weitere hervorragende Hotelbuchungsseiten, wie z.B. trivago oder HRS oder oder oder), gebe dort meinen Aufenthaltsort ein, den Zeitraum, für den ich suche, sowie die Information, dass ich ein Einzelzimmer für eine Nacht suche. Dann nimmt das Unheil seinen Lauf: Obwohl ich alles versuche, bekomme ich nicht mehr als eine Liste von Hotels in der Nähe angezeigt und einen grünen, unverschämt blinkenden Button, der mir sagt: „Wenn Sie die Verfügbarkeit und Preise sehen wollen, geben Sie bitte ihre Reisedaten ein.“ Als ob ich das nicht schon ganz zu Anfang getan hätte! Aber gut, ich beuge mich, drücke den grünen Button und es tut sich: Nichts. Nach einer Viertelstunde gebe ich entnervt auf, schultere meinen Rucksack und laufe zum Hostel „The Last Stamp“, in dem ich bei meinem letzten Aufenthalt bereits genächtigt habe. Das ist zwar wieder kein Einzelzimmer, aber immerhin weiß ich diesmal schon, was mich erwartet. Auch ohne Internet habe ich nun also eine Übernachtungsmöglichkeit gefunden, das hätte ich also überhaupt nicht gebraucht. Generell glaube ich ja, dass dieses Internet nur ein Hype ist und dass sich das langfristig nicht durchsetzen wird. Habe ich ja grade wieder bewiesen: Ohne geht es auch, und sogar schneller.

Nachdem ich mein Bett bezogen habe, mache ich mich auf den Weg in die Stadt, denn ich muss noch einmal zum Pilgerbüro. Diesmal allerdings nicht um eine Compostela abzuholen, sondern weil gleich daneben ein Verkaufsbüro von Alsa ist, der Busgesellschaft, die Fernbusreisen anbietet. Für 33 Euro erstehe ich eine Fahrkarte für den Bus morgen um 12:00 Uhr. Ich hätte auch schon um 10 Uhr fahren können, das ist mir dann aber doch zu früh, schließlich bin ich ja im Urlaub und da muss es morgens in der Früh noch nicht so hektisch werden. Der Bus um 17:00 Uhr wiederum wäre mir zu spät, ein bißchen anspruchsvoll ist man dann ja doch, also halt der um 12:00 Uhr. In nur etwa vier Stunden werde ich somit eine Strecke überbrücken, für die ich zuvor zehn Tage gebraucht habe. Verrückte Welt!

Alle Pflichttermine sind nun abgehakt, ich habe mein Busticket, ich habe ein Bett für die Nacht, und ein Lokal für das Abendessen habe ich mir auch schon gesucht: Wenn man am Hotel Parador die Treppe hinuntergeht, liegt es gleich an der Ecke, an der man rechts zum Pilgerbüro abbiegt. Auf großen Tafeln preisen sie dort das Tagesmenü für neun Euro an, wie üblich bestehend aus erstem und zweitem Gang, Dessert, Brot und Wein.

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Hätte ich beim Knipsen dieses Bildes doch bloß schon geahnt, vor was für einem Problem ich wenige Tage später stehen würde – ich hätte mir den Straßennamen notiert.

Den Rest des Tages verbringe ich mit ausgiebigem Shopping, was nicht ohne Tücken verläuft: Als ich vor einigen Tagen mit meinen Mädels hier war, habe ich diesen wirklich tollen Laden („The Pilgrim“) entdeckt und mit vorgenommen wieder hier her zurückzukehren. Um den Laden wiederzufinden, habe ich extra ein Foto gemacht. Dank diesem weiß ich nun zwar wieder, wie der Laden von außen aussieht, auch dass er die Hausnummer 15 hat, blöderweise ist auf dem Foto aber kein Straßenname zu sehen. Also laufe ich in jeder Straße der Altstadt von Santiago zum Haus mit der Nummer 15, bis ich irgendwann den Laden finde. Der Einsatz hat sich letztlich aber auf jeden Fall gelohnt, denn hier bekomme ich alles, was ich für mich und als Mitbringsel kaufen wollte.

Nachdem ich nun also mehr oder weniger gewollt die komplette Altstadt abgelaufen habe, gehe ich noch einmal zur Kathedrale, nehme in einer der Bänke Platz und bleibe eine kleine Ewigkeit in mich gekehrt dort sitzen. Danach laufe ich die paar Meter weiter zum bereits erwähnten Restaurant, trete ein, setze mich und tele der Kellnerin mit, dass ich gerne das vor der Tür beworbene Tagesmenü hätte. Sie bringt mir daraufhin eine Karte, auf der zwei Menüs verzeichnet sind: Ein Tagesmenü für 15 Euro und ein Spezialmenü für 25 Euro. Als ich ihr sage, dass ich gerne das Tagesmenü hätte, zeigt sie auf die Karte und sagt, dass das das Tagesmenü sei. Ich gebe ihr zu verstehen, dass ich das draußen beworbene Tagesmenü für neun Euro meine, worauf sich ihre Miene verfinstert, sie an die Theke geht, einen handgeschriebenen Zettel holt, auf dem genau das Menü steht, und mir diesen wortlos auf den Tisch legt. Mit einem Mal ist jegliche Freundlichkeit verflogen, was mir aber egal ist, denn ich will sie ja nicht heiraten, sondern nur etwas essen.

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Ein letzter Abend in Santiago de Compostela mit einem beeindruckenden Sonnenuntergang. Noch vor wenigen Tagen durfte ich bereits einen ähnlichen Anblick genießen, da war es allerdings der Sonnenaufgang, dem ich auf dem Weg nach Finisterre entgegen gelaufen bin.

Das Essen ist okay. Nicht gut und nicht dazu motivierend, noch einmal herzukommen, aber es ist okay. Vielleicht bin ich aber auch von dem gestrigen Menü in Finisterre zu sehr verwöhnt, denn heute habe ich wieder der gleiche bestellt. Gesättigt und von dem Wein leicht angebrütet laufe ich durch eine wunderschöne Abenddämmerung zurück zur Herberge, wo ich von einer barmherzigen Ohnmacht übermannt werde.

Es war Abend, es wurde Morgen – ein neuer Tag!

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