Caminho Português – Tag 17: Von Santiago de Compostela nach Porto

So habe ich die Kathedrale von Santiago leider nicht sehen können, da sie derzeit flächendeckend eingezäunt ist. Bei meinem letzten Frühstück in dieser wuseligen Stadt stoße ich jedoch im Internet auf dieses Bild, das ich der Welt nicht vorenthalten möchte.

Heute klingelt zum ersten Mal während meiner gesamten Zeit auf dem Caminho kein Wecker; ich schlafe aus und zwar unverschämt lange: Als ich wach werde, ist es schon 09:15 Uhr und spätestens jetzt erweist sich meine Entscheidung bezüglich der gewählten Abfahrtszeit also goldrichtig: 10:00 Uhr wäre stressig geworden. So aber habe ich noch richtig viel Zeit, also packe ich meine Sachen soweit zusammen, dass ich später nur noch meinen Rucksack nehmen und sofort losgehen kann. Dann verlasse ich das Hostel, überquere die kleine Gasse und betrete das Lokal, in dem ich schon so oft war in letzter Zeit, um mir dort zum letzten Mal in Santiago ein Frühstück zu gönnen. Danach hole ich meine Habseligkeiten aus dem Hostel ab und laufe los zum zentralen Busbahnhof von Santiago de Compostela. Das Charmante daran ist, dass es für mich (fast) unmöglich ist mich zu verlaufen, denn vom Hostel aus muss ich lediglich zwanzig Minuten immer der gleichen Gasse folgen und schon bin ich da. Einfach, nicht wahr? Ich schaffe es dann auch tatsächlich auf direktem Weg dorthin, bin allerdings viel zu früh da.

Der Alsa-Bus, der aktuell auf Fahrgäste wartet, fährt nach Paris, da ist die Verlockung schon sehr groß jetzt einfach da einzusteigen und loszufahren. Alternativ könnte ich aber auch einen Bus nach Hamburg oder Budapest nehmen. Mir war bis dato gar nicht bewusst, von wo aus überall Santiago per Bus angesteuert wird (Kein Kunststück, wenn ich bedenke, dass ich bis vor zwei Monaten nie gedacht hätte, selbst einmal nach Santiago zu laufen). Bei einem Gespräch zwischen zwei jungen Männern, die neben mir stehen, schnappe ich zufällig die Reiseroute von einem der beiden auf: Er fährt von Santiago nach Vigo, steigt dort um in einen Bus nach Karlsruhe, steigt dann erneut um und fährt mit dem nächsten Bus nach Stuttgart, nur um dort mit Bus Nummer drei nach Nürnberg zu fahren, von wo aus er dann einen Bus nach München nimmt. „Der ist noch jung“, denke ich mir, „der hat noch Zeit im Leben“. Braucht er in dem Fall auch, denn der Bus fährt um 11:30 Uhr hier in Santiago ab und wenn nichts schief läuft und er jeden Anschluss erwischt, wird er planmäßig um 22:45 Uhr in München ankommen – allerdings erst am morgigen Tag, womit die Fahrt einfach mal über 35 (in Worten: fünfunddreißig) Stunden dauert.

Mit meiner Wahl, übermorgen abend bequem in Porto das Flugzeug zu besteigen und über Brüssel innerhalb weniger Stunden nach München zu gelangen, bin ich nach wie vor sehr zufrieden. Wahrscheinlich kommen wir auch ungefähr zur gleichen Zeit an…

Mit der Zeit füllt sich die Plattform immer mehr mit Menschen, dann kommt der Bus an, der über Porto nach Lissabon fährt, ein Mann, der natürlich Deutscher ist (er kommt aus Düsseldorf), drängelt sich von ganz hinten durch die Schlange nach vorne, ständig laut rufend: „I think I was the first here at the bus station“. Seine Frau zeigt auf mich und und sagt zu ihrem Mann: „Der Mann dort war vor uns da, also darf er auch zuerst einsteigen“, woraufhin ich ihr mitteile, dass es mir völlig egal ist, als wievielter ich einsteige, solange ich einen Sitzplatz im Bus bekomme (was eh klar ist, denn es werden ja nicht mehr Tickets verkauft als Plätze vorhanden sind). „Hach ja, schön, diese deutsche Gelassenheit“ höre ich sie noch sagen (sie ist Inderin), grinse leise in mich hinein und suche mir einen Sitzplatz im Bus. Die Türen schließen sich, der Bus fährt los. Wir halten in einigen der Städte, die ich auf dem Hinweg laufenderweise durchquert habe. Als der Busfahrer erneut anhält und laut „Valença“ ruft, stelle ich sofort meine Armbanduhr eine Stunde zurück, denn jetzt gilt wieder portugiesische Zeit. (Achtung, Spoiler: Wer findet den Fehler? Dazu später mehr…)

Wir erreichen Porto pünktlich auf die Minute um 15:15 Uhr und ich gehe sofort in die Metrostation um mir eine Fahrkarte zur Haltestelle São Bento zu kaufen. Nachdem ich or ut zwei Wochen ja schon einmal kurz hier war, weiß ich jetzt wie das funktioniert.

Am Automaten neben mir stehen zwei junge Damen aus Deutschland, die offensichtlich total überfordert sind. Nachdem ich das Schauspiel einige Zeit verfolgt habe, kann ich nicht anders als mich einzumischen und so erzähle ich ihnen alles, was ich weiß: Dass das Papierticket 60 Cent extra kostet, dafür aber wiederaufladbar ist und die nächsten Fahrten dadurch günstiger sind. Dass eine Fahrt in der Innenzone 1,20 Euro kostet, maximal eine Stunde dauern darf und dass das Ticket bei jedem Umsteigen erneut am Bahnsteig entwertet werden muss, dass dadurch aber jederzeit eine Unterbrechung der Fahrt möglich ist. Und ja, dass eine Fahrt wirklich nur 1,20 Euro kostet. Die beiden bedanken sich überschwänglich bei mir und fragen mich, ob ich in Porto lebe. Wie süß!

Nachdem ich also die gute Tat des Tages vollbracht habe, fahre ich nach São Bento, laufe zur  Kathedrale rauf und hole mir an der Touristeninformation einen Stadtplan. Dort erfahre ich, dass die Straße, in der mein Hotel liegt, gleich an der Station, an der ich gerade ausgestiegen bin, beginnt, ich brauche also nur so lange laufen, bis das Hotel auf der rechten Straßenseite liegt. Unfassbar, wie gut es tut, statt „Herberge“ oder „Unterkunft“ oder „Hostel“ das Wort „Hotel“ zu schreiben. Das Zimmer ist zwar nur unwesentlich größer als ein Wohnklo, aber es hat eine Türe, die ich hinter mir schließen kann und dann bin ich alleine im Zimmer. Ich habe ein eigenes Bad, vor dem ich nicht morgens ewig anstehen muss um dann in Windeseile eine kalte Dusche zu nehmen, während der nächste Wartende bereits von außen an die Türe klopft. Und das beste überhaupt: Ich habe ein riesiges Doppelbett ganz für mich alleine. Um ehrlich zu sein: Normalerweise würde ich aus diesem Hotelzimmer rückwärts wieer rausgehen, aber unter den aktuellen Umständen und dafür, dass es mitten im Stadtzentrum liegt und gerade einmal 45 Euro kostet, ist es absolut in Ordnung.

Den Rest des Tages verbringe ich damit, durch die Gassen der Altstadt zu schlendern, ohne Ziel und weitab der Touristenmagnete. Als es dunkel wird, kehre ich zum Hotel zurück und lege mich entspannt ins Bett, nicht ohne ausgiebig die Stille um mich herum zu genießen.

Es war Abend, es wurde Morgen – ein neuer Tag!

Traurige Nachricht des Tages: Meinen treuesten Begleiter auf dieser Reise, mit dem ich allen Wetterlagen getrotzt und von dem ich jeden Tag eine Menge gelernt habe, muss ich wohl in Santiago aus den Augen verloren haben, denn als ich in Porto meinen Rucksack auspacke, ist mein Reiseführer nicht mehr da…

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