Caminho Português – Tag 2: Von Vilarinho nach Barcelos

Eigentlich könnte ich mir ja die Zeit nehmen, den Tag entspannt angehen zu lassen, aber nachdem ich eh um 05:00 Uhr bereits hellwach bin, trage ich meinen Rucksack aus dem Zimmer in die Küche um ihn dort entspannt zu packen. Nach meinem großen Weckruf mag ich niemanden mehr stören. Frühstück fällt aus wegen ist nicht – ich habe zwar etwas dabei, aber so früh am Morgen kann ich noch nichts essen. So verlasse ich um kurz vor sechs das Kloster und starte (wie episch! Ist aber wirklich so passiert…) mit dem ersten Hahnenschrei in den Tag.
Nachdem ich gestern in der Hitze einfach stur mit Tunnelblick geradeaus gelaufen bin, möchte ich heute möglichst weit kommen, bevor es heiß wird, und noch Zeit haben, die ein oder andere Sehenswürdigkeit am Wegrand angemessen zu würdigen.
Der Weg führt mich – Überraschung! – wieder über Straßen, mal Asphalt, mal Kopfsteinpflaster, dann wieder Asphalt (, der zum Laufen definitiv angenehmer ist). Auf den ersten zwölf Kilometern bis Rates passiert überhaupt nichts. Die Straßen sind leer, die Weiler scheinen verwaist, kein Mensch weit und breit.

Die Igreja Românica de Rates (auch genannt; Igreja de São Pedro de Rates) stammt aus dem 12./13. Jahrhundert und hat damit bereits deutlich mehr Regen abbekommen als ich heute.

In Rates fülle ich meine Wasservorräte auf, hier ist der erste Tante-Emma-Laden, seitdem ich Vilarinho verlassen habe. Gott hat das wohl als Zeichen verstanden, denn kaum lasse ich mich vor dem Laden nieder um mein feudales, reichhaltiges Mahl (trockenes Brot und stilles Wasser) zu genießen, fängt es auch schon an zu regnen. Also packe ich meinen Rucksack wasserdicht ein und ziehe meine Regenjacke an, die ich übrigens für den Rest des Tages tragen darf.

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Die Capela da Senhora das Brotas steht seit dem 15./16. Jahrhundert mitten in der Pampa. Gewidmet ist sie (Überraschung!) der Senhora das Brotas, der Jungfrau der Blüten. Diese gilt als Schutzheilige der Tiere. Aufgrund mangelnder Alternativen bleibt der Kapelle nicht anderes übrig als sich die Zeit mit Pedra Furada zu vertreiben.

Die halbseitige Beschreibung von Sehenswürdigkeiten in Rates stammt offensichtlich von dem Drehbuchautor der Rosamunde-Pilcher-Filmreihe. Er ist es ja gewohnt, um Nichts viel Theater zu machen. Das Einzige, was ich finde, ist die Igreja Românica de Rates, die (a) geschlossen und (b) ziemlich unspektakulär ist.
So lasse ich Rates hinter mir und nehme Kurs auf Petra Furada. Plötzlich jagt ein Highlight das nächste:
(1)    Ich laufe durch einen Wald.
(2)    Ich laufe auf Kies- und Schotterwegen.
(3)    Mir begegnen zum ersten Mal unterwegs Menschen. Wobei „begegnen“ nicht ganz korrekt ist, aber ich werde von drei Radlern überholt, von denen der letzten mir „Bom Caminho“ zuruft.

Der Pedra Furada, auf deutsch: durchlöcherter Stein. Der Legende zufolge hat eine Heilige, die darunter lebendig begraben worden war, diesen mit ihrem Kopf durchbrochen. Das ist dann auch schon die ganze Geschichte. Recht dünn, aber für einen Ort wie Pedra Furada (nach dem Stein benannt), reicht es dann doch völlig aus.

Tief beeindruckt von diesem Erlebnis fliege ich die letzten fünfzehn Kilometer durch die Landschaft, mache in Pedra Furada noch ein Foto von dem Stein und erreiche kaum zwei Stunden später Barcelos, allerdings auf der letzten Rille.

Von dem Plan noch zehn Kilometer weiter bis nach Portela de Tamel zu laufen um damit die morgen anstehende Mörderetappe nach Ponte de Lima (grob geschätzte fünfunddreißig Kilometer) abzukürzen verabschiede ich mich, als ich um 12:20 Uhr halbtot in die Albergue Cidade de Barcelos falle.

Gleich nebenan ist ein kleines Bistro, für das in der Unterkunft geworben wird: Das Pilgermenü beinhaltet eine Hauptspeise, ein Kalkgetränk und einen Espresso und kostet sechs Euro. Da kann man nichts falsch machen, denke ich mir und gehe rüber. Dort erklärt sich mir auch, warum – abgesehen von der räumlichen Nähe – für dieses Lokal geworben wird: Hinter dem Herd steht die Frau, bei der ich zuvor in der Unterkunft eingecheckt habe.

Es gibt zwei Menüs zur Auswahl: Rindersteak oder Lachs. Instinktiv entscheide ich mich für den Lachs, werde an einen Tisch geführt (was echt putzig ist, da der Laden bis auf einen weiteren Pilger gähnend leer ist). Während ich gerade dabei bin, den ersten Tag literarisch nachzubereiten, kommt das Essen: Zunächst eine Kartoffel-Lauch-Suppe in XXL-Portion, die so köstlich ist, dass ich mich am liebsten reingelegt hätte. Gleich im Anschluss wird mir eine wahre Schlachtplatte kredenzt, anders lässt sich die Masse an Pommes und Salat nicht beschreiben. Mitten drauf thront ein etwa drei Zentimeter dickes Lachs-Kotelett. Dazu bekomme ich noch eine Dose Coca-Cola und nach dem Essen einen Espresso, alles zusammen für schlappe sechs Euro – das deckt (ohne, dass ich mich da jetzt sonderlich gut auskenne, nicht mal im Ansatz den Einkaufspreis, zumal der Lachs frisch vom gleichen Tag ist – die Kühlbox vom Fischgroßmarkt steht noch hinter mir auf dem Tisch.
Nach dem Essen laufe ich noch ein wenig durch Barcelos, vor allem habe ich die Erkenntnis, dass die Bezeichnung „Wirtschaftszentrum“ relativ zur Umgebung ergibt, vor allem, wenn es sich mitten im Nichts befindet.

An Hässlichkeit nicht zu überbieten: Der Hahn von Barcelos, das Nationalsymbol Portugals. Faszinierend ist die Vielfalt, mit der diese Hässlichkeit an den Tourist gebracht wird – es gibt Statuen, Ohrringe, Anhänger, T-Shirts und und und…

In der Stadt werde ich gebeten, einen Fragebogen zum Tourismuskonzept der „Lenda do Galo“, der Legende des Hahns auszufüllen. Bei dem Hahn handelt es sich um das allgegenwärtige Nationalsymbol Portugals. Es ist praktisch derart allgegenwärtig, dass ich während meiner bisherigen Wanderung noch nicht ein einziges Mal damit konfrontiert wurde. Mir sagt somit weder der Hahn noch die Legende etwas, aber da der Mann mir doch ein wenig leid tut und ich ihn nicht vor den Kopf stoßen möchte, fülle ich den Fragebogen halt aus. Danach Kehre ich hundemüde in die Herberge zurück, lege mich hin und werde gegen halb neun von einer barmherzigen Ohnmacht übermann.
Der Wecker wird morgen wieder unbarmherzig um 05:00 Uhr seine Arbeit aufnehmen, dann aber hoffentlich mit Vibrationsalarm.
Es war Abend, es wurde Morgen – ein neuer Tag!

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