Caminho Português – Tag 3: Von Barcelos nach Ponte de Lima

Fazit der vergangenen Nacht – Worauf ich mich freue:

  1. Eine anständige Matratze auf einem Lattenrost
  2. Einschlafen ohne Ohrstöpsel
  3. Aufwachen zu einer akzeptablen Zeit
  4. Eine heiße Dusche

Auf der linken Seite des Schlafsaals herrscht Ordnung. Diese (eigentlich) typisch deutsche Eigenschaft darf ich in den folgenden Tagen noch öfter wahrnehmen.

Was ich bekomme: Nichts davon. Ich fühle mich wie gerädert als um 05:00 Uhr mein Wecker klingelt vibriert. Der Schlafsack klebt an mir, sodass ich zunächst nicht in der Lage bin aufzustehen. War aber auch nicht anders zu erwarten, denn wir residieren mit zwanzig Personen in einer Dachkammer, da kann es schon mal warm werden. Vor allem, wenn beide Dachfenster und die Terrassentüre hermetisch verschlossen werden. Mein Einwand („Es sind schon viele erstunken, aber noch keiner erfroren“) hat offensichtlich keinen Anklang gefunden und so herrschen nun halt saunaähnliche Temperaturen hier im Schlafsaal.

Irgendwann schaffe ich es dann doch mich aufzuraffen, ich schlafwandle in den Waschraum, drücke den Duschknopf, bereue das sofort wieder und überlege, ob das Duschwasser vielleicht wärmer wäre, wenn ich mich einfach vor die Haustür in den Regen stelle, beschließe dann, dass mir das total egal ist, trockne mich ab und gehe zurück in den Schlafsaal.

Der Vorteil an der aktuellen Schlafsituation ist, dass ich keinerlei Verlangen spüre mich nochmal „nur ein paar Minuten“ hinzulegen. Stattdessen packe ich in Ruhe mein Zeug zusammen und stehe um kurz vor sechs vor der Tür der Herberge.

Als ich die ersten gelben Pfeile sehe, die mir inzwischen schon fast vertraut sind, marschiere ich los, bekomme aber nach kurzer Zeit das leichte Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Die Bestätigung liefert mein GPS-Gerät: Der Weg, den ich gerade laufe, führt nach Süd-Westen, Santiago liegt aber im Norden. Dahin richte ich nun auch meinen Weg aus und laufe solange geradeaus, bis ich wieder die Pfeile sehe. Später, nach Tagesanbruch, werde ich im Wanderführer nachlesen, dass ich anfänglich eine Variante gelaufen bin, die etwa zwei Kilometer länger ist als der Hauptweg. Das geht ja schon mal gut los…

So hätte die heutige Etappe aussehen können, wäre ich nicht (vor allem ganz zu Anfang) noch ein paar Extrakilometer gelaufen. Aber so ist das Leben: Es gibt nicht immer zielstrebig geradeaus.

Irgendwann wird es hell und von da an läuft es flüssig – der Weg ist (so es denn hell genug ist diese zu sehen) mit gelben Pfeilen sehr gut markiert. Die ersten zwei Stunden bin ich alleine auf weiter Flur, viele scheinen gestern Barcelos übersprungen und eine Unterkunft in Portela de Tamel aufgesucht zu haben. Dass ich das definitiv nicht mehr geschafft hätte, merke ich heute: Es ist nicht nur so, dass ich etwas mehr als zwei Stunden dorthin brauche, es ist zusätzlich dadurch beschwerlich, dass es in recht kurzer Zeit einhundertneunzig Höhenmeter bergauf geht. Selbst jetzt – zu Beginn meiner Etappe – komme ich da ganz schön ans Schnaufen.

Was mich jedoch antreibt ist die Tatsache, dass nach neunzehn Kilometern eine Herberge auf dem Weg liegt, die Casa da Fernanda, und ich somit die Möglichkeit habe, hier eine Nacht zu pausieren (was der Wanderführer auch empfiehlt). Etwa eine Stunde hinter Portela de Tamel treffe ich auf die ersten Pilger, die genau das getan haben, und so fange ich an, das Feld von hinten aufzurollen.

Eine Pilgerin heftet sich an meine Fersen, da wir ungefähr das gleiche Tempo laufen, und wir kommen ins Gespräch. Ich stelle erstaunt fest, was man so alles in relativ kurzer Zeit über fremde Personen erfährt. Wobei „relativ kurz“ hier wirklich relativ ist, denn wir werden den gesamten Tag miteinander verbringen.

Sie kommt aus Ungarn, genauer gesagt aus Budapest, ost dreiundzwanzig Jahre alt und studiert Medizin. Nebenher würde sie gerne im Rettungsdienst arbeiten, was den Medizinstudenten in Ungarn aufgrund eklatanten Fachkräftemangels durchaus erlaubt ist, allerdings nur den männlichen Studenten der Medizin. Ihr Name Amarilla heißt „gelb“ auf Spanisch. Ihre Großmutter liebte den Klang des Namens und wollte ihn ihrer Tochter, der Mutter von Amarilla geben, was aber aufgrund der politischen Situation im Ungarn der Sechzigerjahre nicht ging – der Name wurde nicht als Name anerkannt. Ihre Mutter gab also ihr – der Großmutter zuliebe – den Namen. Amarilla hasst die Farbe gelb und bekam daher von ihrer Mutter die Erlaubnis, den Namen jederzeit ändern zu dürfen.

Amarilla hat einen ausgeprägten Hundefetisch: Egal, ob in einen Straßencafé unter dem Tisch zu Füßen des Besitzers liegend oder als total verdreckte Flohschleuder am Wegrand vor sich hinvegetierend – jeder Hund wird bewundert, angesprochen und gestreichelt, ob er will oder nicht. Ich hätte echt mal messen sollen, wieviel Zeit dafür draufgegangen ist.

Während unserer Unterhaltung verliere ich so derart die Orientierung, dass ich auf der Landkarte nicht im Entferntesten nachvollziehen kann, wo wir uns gerade befinden. Das einzige, das ich irgendwann relativ sicher sagen kann, ist, dass wir die Casa da Fernanda verpasst haben müssen, womit sich die Option der Etappenunterbrechung wohl erledigt hat.

Habe ich schon einmal erwähnt, dass meine Füße mich umbringen? Als wir einen Trinkwasserbrunnen mit zwei Bänken erreichen, kann ich der Versuchung nicht widerstehen: Wir setzen uns, ich ziehe miene Schuhe aus und leide eine halbe Stunde still und leise vor mich hin. Mittlerweile glaube ich mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen zu können, dass wir noch etwa siebzehn Kilometer Wegstrecke vor uns haben. Da kommt ein deutscher Pilger förmlich auf uns zugeflogen, hält an, lacht und fragt, ob das unser Ernst sei hier eine Pause zu machen. Als ich ihm mitteile, dass ich total am Ende sei, meint er, das sei auch kein Wunder bei meinem Rucksack und ich solle die Hälfte meines Gepäcks mit der Post heimschicken. Und auf den Weg machen solle ich micht auch, denn bis zu unserer Zielstation Ponte de Lima seien es nur noch sieben Kilometer.

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Die Brücke, die im 1. Jahrhunder vor Christus durch die Rümer gebaut wurde und seither den Rio Lima gefahrfrei passierbar macht. Im Jahr 1125 erteilte Gräfin Teresa, Tochter von Alfonso VI., König von Kastilien und León, der „Terra de Ponte“ (etwa: „Gebiet der Brücke“) das Markt- und Stadtrecht, woraus die Stadt Ponte de Lima bis heute ableitet sich als älteste verbriefte Stadt Portugals bezeichnen zu dürfen.

Als ich das höre, fällt mir eine Last von den Schultern. Wir gehen los und errechen bald darauf Ponte de Lima. Dabei bin ich so motiviert, dass wir die städtische Jugendherberge, die etwa einen Kilometer vor dem Zentrum liegt, locker passieren und noch gute zwei bis drei Kilometer bis zur Albergue de Peregrinos Casa do Arnado laufen. Vom Erreichen des Ziels bis zur Öffnung dauert es noch knappe vier Stunden. Wir parken unsere Rucksäcke in einem Café gleich nebenan und machen uns auf die Stadt zu erkunden.

Ich vergesse zeitweise meine schmerzenden Füße, denn in Ponte de Lima gibt es so viel zu sehen und bestaunen, wie auf der gesamten bisherigen Tour noch nicht – dass dieser Ort eine weitreichende Geschichte hat, wird an jeder Ecke sichtbar und deutlich.

Auf dem Caminho laufe ich die letzten Meter unter Bäumen durch eine schön gestaltete in beeindruckende Platanenallee. An deren Ende den Blick nach links zum Flußufer schwenkend erblicke ich eine Reihe von Soldatenfiguren, die dort am Ufer stehen. Bei genauerer Betrachtung fällt auch die auf der anderen Seite des Flusses stehende Statue auf, ein einzelner Soldat auf einem Pferd. Die Geschichte dazu ist wie folgt:

pontedelimaletheIm zweiten Jahrhundert vor Christus machte sich Konsul Decimus Junius Brutus Callaicus mit seinen Soldaten auf den Weg den Norden der Iberischen Halbinsel zu erobern. Als die Soldaten am Rio Lima ankamen, verweigerten sie die Überquerung denn sie erinnerten sich an die Schriften der Antike.

Schon Vergil erwähnte einen Fluss namens Lethe, der einer der Flüsse in der Unterwelt der griechischen Mythologie ist. In seinem Werk „Aeneis“ erfährt erfährt der trojanische Prinz Aeneas, als er seinen Vater Anchises im Totenreich besucht, von diesem Folgendes:

„Die Seelen nun, denen das Fatum andere Leiber bestimmt, / schöpfen aus Lethes Welle heiteres Nass, so trinken sie langes Vergessen.“

An dieser Stelle herzlichen Dank an meinen Lateinlehrer, der mich damals in der mündlichen Latinumsprüfung mit einem Ausschnitt aus diesem literarischen Werk gequält beglückt konfrontiert hat. So viele Jahre hat es gedauert zu erfahren, wofür die Arbeit damals gut war.

Zurück zum Thema: Die Schriftsteller der Antike schrieben diese Eigenschaft, nämlich dass derjenige, der vom Wasser der Lethe trinkt vor dem Eintritt ins Totenreich seine Erinnerung verliert, auch dem Fluss Limia zu, vor dem ich gerade stehe und vor dem damals eben auch Konsul Decimus Junius Brutus Callaicus mit seinem Gefolgsleuten stand.

Die Schriften kannten auch seine Soldaten und somit weigerten sich diese beharrlich den Fluss zu überqueren. Zumindest solange, bis der Konsul zur Tat schritt: Er querte den Fluss und rief von der anderen Flussseite jeden einzelnen seiner Soldaten beim Namen. Hätte er tatsächlich den Fluss Lethe gequert, hätte er sich wohl kaum an die Namen erinnern können.

Die Soldaten, die überrascht waren, dass ihr General sich ihrer Namen erinnerte, überquerten daraufhin den Fluss ohne Furcht. Diese Handlung bewies, dass der Fluss Limia nicht so gefährlich war, wie er in den lokalen Mythen beschrieben wurde. Um zukünftig die Querung des Rio Lima zu beschleunigen (der Konsul hatte wohl auch keine große Lust, jedes Mal vorreiten und den Haiopei machen zu müssen), bauten die Römer im Anschluss die Brücke. Erste Vorboten von Ponte de Lima waren geboren.

PonteDeLimaPostOffice

So sieht es aus, wenn mir sprichwörtlich eine Last von den Schultern genommen wurde. Vielen Dank dafür an die portugiesische Postgesellschaft!

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass ich den Tipp meines Mitpilgers ernst nehme und in Ponte de Lima als allererstes das Postamt aufsuche: Ein ganzer Haufen sinnloser Dinge (Wer braucht schon einen iPod und eine Badehose?) wandert in ein Päckchen und so machen sich beinahe zwei Kilogramm Gepäck vorzeitig auf den Rückweg nach Deutschland.

Von dieser Last befreit laufen wir durch die Stadt, bewundern alte Gemäuer, wie zum Beispiel den Torre da Cadeia Velha aus dem 16. Jahrhundert, der bis in die 1960er-Jahre als Gefängnis diente und nun die Touristeninformation beherbergt, flanieren durch die schönen Gärten des Parque Temático do Arnado und freuen uns des Lebens.

Als um 17:00 Uhr die Restaurants öffnen, gönnen wir uns ein Pilgermenü und kehren direkt danach in die Pilgerunterkunft zurück, wo ich sofort bei Kontakt mit der Matratze in eine gnädige Ohnmacht falle.

Es war Abend, es wurde Morgen – ein neuer Tag!

Ach ja, fast hätte ich es vergessen: Ich habe vor der Nachtruhe noch Wäsche gewaschen und draußen auf der Terrasse zum Trocknen aufgehängt. Das war blöd, was ich aber erst am nächsten Tag feststellen werde.

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