Caminho Português – Tag 5: Von Tui nach O Porriño

Same procedure as every day: Mein Wecker klingelt um 05:00 Uhr. Ich bin sofort hellwach, schaue mich um und stelle fest, dass ich einer der letzten im Schlafsaal bin. Verwirrt schaue ich auf meine Armbanduhr, die 06:00 Uhr anzeigt.

Technik: 1 – Roman: 0. Ich habe beim Grenzübertritt zwar meine Armbanduhr umgestellt, nicht aber meinen Wecker. Damit hänge ich nun also schon mal gut eine Stunde hinter dem Zeitplan, bin aber (das muss ich zugeben) extrem fit und erstaunlicherweise komplett schmerzfrei an Beinen und Füßen. Vielleicht ist morgens später aufstehen ja doch die richtigere Taktik?

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Eine der vielen Grenzerfahrungen am Jakobsweg: Kunst. Unfassbar häßliche Kunst. Aber die Portugiesen stehen wohl drauf.

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Noch ein weiteres Beispiel für Kunst am Wegesrand. Das hier ist allerdings eine Art Werbeplakat: Der Künstler bittet mit diesem überdimensionalen Plakat um Spenden für seine Restaurierungsarbeiten von Kunstwerken in Santiago de Compostela.

Heute ist das sowieso in Ordnung, denn die Tagesetappe ist mit etwa siebzehn Kilometern angenehm kurz, praktisch ein erweiterter Spaziergang. Außerdem öffne die Herberge in O Porriño ihre Pforten erst um 15:00 Uhr, da ist also genug Zeit.
Als ist loslaufe, wird es schon langsam hell. Nach einem Kilometer durch das morgendliche Tui passiere ich das Tuihostel, eine weitere private Unterkunft am Caminho. Die Tür geht auf, Sylvia und Dorian kommen heraus. Wir laufen ein paar Meter zusammen, dann trennen sich unsere Wege.
Die heutige Etappe führt größtenteils über die Römerstraße XIX durch schöne Waldpassagen, zwischenzeitlich queren wir über die Ponte des Febres den Río San Simón, was dann aber auch schon das eigentliche Highlight der Etappe darstellt. Laut Reiseführer hätte ich heute auch in Valença starten sollen, dann wären die Ponte Internacional und das angrenzende Tui das Highlight gewesen. Ist es jetzt aber halt nicht.
Kurz hinter Orbenlle teilt sich der Weg: Die alte Variante führt über Asphaltstraßen durch die Vororte von O Porriño, die neue Variante durch Wälder und Wiesen. Da ich durch die ständigen Kopfsteinplaster- und Kieswegabschnitte gerade merkliche Fußprobleme habe, entscheide ich mich für die risikoärmere Variante und laufe durch die Stadt. Wie wenig es über die heutige Etappe zu schreiben gibt, merkt man daran, dass es der Wanderführer für beide Varianten zusammen gerade einmal auf vier Textseiten bringt, und das, obwohl er wirklich jede Kurve namentlich erwähnt.

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Diese Familie habe ich auf dem Weg getroffen und auch in den folgenden Tagen des Öfteren mal gesehen. Erstaunlich, wieviel Optimismus die drei ausgestrahlt haben – vor allem, wenn man weiß, dass die drei in der vergangenen Nacht keinen Platz in einer Herberge bekommen haben.

Nach einem flüssigen Durchmarsch komme ich um 10:20 Uhr als erster an der Herberge an. Ich stelle meinen Rucksack vor die Tür und setze mich an der Rückseite auf die Terrasse an einem kleinen Bachlauf. Irgendwann kommen zwei weitere Pilger, ich bitte diese kurz auf meine Sachen aufzupassen und gehe zurück in den Ort. Für ihr Talent die Nadel im Heuhaufen (in diesem Fall: interessante, nennenswerte Gebäude, Plätze oder sonstiges) zu finden sei der Autorin meines Wanderführers ein Orden verliehen, denn sie listet schon erstaunlich viel auf. Bis auf das Rathaus finde ich davon jetzt aber nichts wirklich spektakulär. Immerhin: Ich kaufe hier in einem kleinen Laden meine Jakobsmuschel, denn erstens gab es bisher nirgends eine zu kaufen und zweitens wird es jetzt langsam mal Zeit, denn kurz vor der Herberge (genauer gesagt: zweihundert Meter vorher) habe ich die magische Hundert-Kilometer-Marke überschritten. Ab hier wird es also endgültig ernst, wobei es egal ist, ob bis hierher bereits einhundert Kilometer zurückgelegt wurden oder zweihundertfünfzig oder eintausend. Der Zähler wird für alle aus Null gesetzt und die Karten neu gemischt. Die Spielregeln sind dabei recht einfach:
1. Laufen ist Pflicht und damit ausdrücklich erlaubt.
2. Alles, was nicht „Laufen“ genannt wird, ist nicht erlaubt.
3. Jeden Tag sind als Nachweis für die gelaufene Strecke zwei Stempel einzusammeln: einer in der Zielherberge, einer irgendwo unterwegs. Es dürfen auch gerne mehr als zwei Stempel sein, aber nicht weniger.
Einfach, nicht wahr?

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Anstellen nach Pilger-Art: Nachdem ich meinen Rucksack an der Tür abgestellt habe, einfach nur um ihn loszusein und mich auf die Terrasse setzen zu können, gesellen sich mit der Zeit immer mehr Gleichgesinnte dazu. Das Ergebnis: Eine astreine Warteschlange!

Wieder an der Herberge angekommen, laufe ich an einer akkuraten Warteschlange von Rucksäcken vorbei. Auch wenn diese bei mir zunächst ein breites Grinsen in Verbindung mit dem Kommentar „Typisch Deutsch“ hervorruft, ist sie dennoch notwendig, weil es in der Herberge nur zweiundfünfzig Betten gibt. Neuankömmlinge müssen daher nachzählen, wie viele Rucksäcke (bzw. eigentlich ja Pilger) schon einen Platz in der Herberge für sich beanspruchen. Stehen dort bereits zweiundfünfzig Rucksäcke, dann heißt es: Weiterlaufen und eine andere Herberge suchen.
Mittlerweile sind auch Sylvia und Dorian eingetroffen, wir suchen unsere Plätze auf entspannen ausgiebig und machen uns später auf den Weg in die Stadt.
Die Aktivitäten des restlichen Tages in Kurzform:
1. Kaffee und Kuchen beim Bäcker
2. Eis vom Süßwarenladen zwei Straßen weiter
3. Abendessen in einem Restaurant gegenüber vom Bäcker (siehe Punkt 1)
4. Eis vom Süßwarenladen zwei Straßen weiter (siehe Punkt 2)
5. Zurück zur Herberge. Schlafen.

Es war Abend, es wurde Morgen – ein neuer Tag!

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Dieses Schild befindet sich am Eingang des Restaurant, in dem zu Abend essen. Erstaunlich, wenn ich ohne Spanisch-Kenntnisse den spanischen Satz besser verstehe als die deutsche Übersetzung.

Zu erwähnen sei noch, dass wir beim Abendessen zu dritt an einem Vierertisch saßen. Eine Frau, die alleine am Nachbartisch saß, haben wir eingeladen, sich zu uns zu setzen. Sie stellte sich vor als Giuliana aus Mailand. Sie lud ihrerseits kurz darauf zwei weitere Damen an den Tisch ein, der daraufhin spontan zu einem Sechsertisch erweitert wurde. Neu zur Runde gesellten sich Ana aus der Nähe von Lissabon und Josephina aus Bologna. In dieser Konstellation verbrachten wir dann auch die restlichen Abende bis zur Ankunft in Santiago de Compostela. Ich möchte an dieser Stelle aber nicht vorgreifen, immerhin dauert es noch eine Woche, bis wir dort ankommen werden.

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