Caminho Português – Tag 6: Von O Porriño nach Cesantes

Zu der heutigen Etappe bekommt der Wanderführer trotz blumigster Beschreibung gerade einmal zwei Nettoseiten Text zusammen. Ich werde nicht im Entferntesten soviel hinbekommen. Im Prinzip ist alles mit folgenden drei Worten gesagt: Hirn ausschalten, laufen.

Es geht zunächst mäßig steil nach Mos, das nur aus folgenden Gründen überhaupt Erwähnung fndet:

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Der Pazo dos Marqueses de Mos stammt aus dem 17. Jahrhundert und war der Stammsitz der Markgrafen von Mos. Im 19. Jahrhundert abgebrannt, wurde es in den 1980er-Jahren wiederaufgebaut und dient seitdem als Sitz einer Stiftung. Die Story ist dünn, ich weiß, aber mehr gibt es zu dem Gebäude nicht zu sagen.

– Der Pazo dos Marqueses de Mos ist ganz nett. Nicht überwältigend, aber nett.

– In Mos gibt es das einzige Café auf dem Weg. Daher halten alle Pilger für eine kurze Rast dirt an. Der Mann hinterm Tresen, eh schon nicht der schnellste Vertreter der Fraktion, ist total überfordert. Als ich noch alleine bin, dauert es ungelogen geschlagene zehn Minuten, bis ich mich mit einem Milchkaffee und einem Blätterteiggebäck an einen Tisch setzen kann; später, als es merklich voller ist, muss ich ebenfalls zehn Minuten warten, nur um zwei Kalkgetränke zu bezahlen, die ich selbst aus dem Kühlschrank geholt habe um sie mitzunehmen. Er musste also nicht mal etwas suchen oder zubereiten, er musste nur kassieren. Ging nicht, hat ihn überfordert.

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Die Capela de Santiaguiño muss so klein sein, dass man sie leicht übersehen kann. Mir jedenfalls hat sie sich nicht gezeigt. Das stelle ich allerdings erst fest, als ich schon wieder im Abstieg begriffen bin und diese wundervolle Aussicht auf Redondela genießen darf.

– Das Café in Mos ist der einzige Ort auf der heutigen Etappe, an dem man den obligatorischen Stempel bekommt. Natürlich auch von besagtem Mann, natürlich nicht ohne erheblichen Zeitaufwand in Form von Wartezeit. Alles in allem verbringe ich gut eine Stuinde in dem Café, bevor ich meinen Rucksack schultere und die nächste Bergetappe zur Capela de Santiaguiño in Angriff nehme.

Kaum habe ich diese erreicht, beginnt auch schon wieder der Abstieg nach Redondela, das gleich mit Unterquerung des geschichtsträchtigen Viaducto de Madrid erreicht ist.

Das Viaducto de Madrid hat eine kuriose Geschichte erlebt: Insgesamt ist es in etwa vierhundert Meter lang und fünfzig Meter hoch.

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Viaducto de Madrid

Nachdem – aus welchen Gründen auch immer – niemals eine bauliche Abnahme stattgefunden hatte, kam es zu erheblichen Zahlungsverzögerungen. Einer der Finanziers wollte sich womöglich selbst von der korrekten Höhenangabe überzeugen und maß in schneller vertikaler Fortbewegung nach. Anders ausgedrückt: Er stürzte sich das Viadukt hinab und beging Selbstmord.Sollte jemand eine gewisse Ähnlichkeit zum Eiffelturm feststellen: Ein Schelm, wer Böses denkt. Gustave Eiffel hatte sich zwar auch für dieses Projekt beworben und ein Modell eingereicht, beauftragt wurde dann aber ein Mitbewerber Eiffels und heute bezeichnet man das Design als „nach dem Vorbild Eiffels“.

Es ist ungefähr Viertel vor zehn, die Herberge in Cesantes macht erst um zwölf auf. Cesantes liegt drei Kilometer hinter Redondela, ich habe also noch ewig Zeit. An der Albergue von Redondela versuche ich einen Stempel für mein Credencial zu bekommen, die macht aber erst um drei Uhr auf. Ich laufe also ohne Stempel durch die Stadt zum Hafen, denn Redondela soll laut Beschreibung als überregionaler Fischumschlagplatz bekannt sein. Vielleicht finde ich ja ein Fischrestaurant dort, denke ich mir. Den genauen Weg kenne ich nicht, kann ihn aber schon bald deutlich riechen.

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Der überregional bedeutsame Fischumschlagplatz. Ohne Worte…

Um es kurz zu machen: Es handelt sich um ein algenverseuchtes, stinkendes Drecksloch und (Überraschung!) es gibt auch weit und breit nichts, was auch nur im Entferntesten als Café oder gar Restaurant gezeichnet werden könnte, und somit gibt es hier auch nichts zu essen. Also laufe ich halt an der Küstenstraße entlang Richtung Cesantes, abseits des offiziellen Jakobswegs, was es hinten raus wieder  schwer für mich macht mich nicht zu verlaufen. Und siehe da: Ich verlaufe mich (natürlich) derart, dass ich irgendwann nicht einmal mehr sagen kann, in welche Richtung das Meer liegt. Den einzigen Mann, den ich nach ewiger Zeit auf der Straße sehe (was soviel heißt wie: Ich sehe nicht einmal andere Pilger, was soviel heißt wie: Ich bin nicht mal ansatzweise auch nur in der Nähe des offiziellen Weges), frage ich nach dem Weg. Okay, stimmt nicht ganz: Ich halte ihm den Wanderführer unter die Nase und zeige auf die Adresse der Herberge.

DSC_0724Er sagt mir, das müsse in der Nähe sein, denn ich sei schon in Cesantes. Mehr wisse er aber auch nicht. Das ist zumindest das, was ich verstehe, denn er redet ohne Unterlass auf Spanisch auf mich ein, sagt dann irgendwann auf Englisch „My wife“, läuft zum nächstgelegenen Gartentor, öffnet es, verschwindet im Haus, kommt mit seiner Frau wieder raus, ich zeige ihr die Adresse, sie macht ein undefinierbares Geräusch und schaut an mir vorbei ins Nichts. Dann gibt sie mir gestenreich zu verstehen, ich müsse immer dem Weg folgen, bis ich auf eine große Autostraße (hier macht sie ein Motorengeräusch nach und bewegt ihre Hände so, als habe sie ein Lenkrad zwischen diesen) treffe, an der ich dann rechts abbiegen müsse. Was sie dann sagt, dürfte auf Deutsch wahrscheinlich so viel heißen wie „Siehste dann schon“. Ich bedanke mich brav, laufe los und bin kaum zwanzig Minuten später an der Herberge, wo ich unmittelbar nach der Ankunft eine ausgiebige Regenwasser(!)dusche (was ein Luxus!) genieße.

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Pilgerkunst am Wegesrand. Irgendwo kurz vor Redondela.

Danach gehe ich zur Rezeption um mich anzumelden. Das Mädel auf der anderen Seite des Tisches spricht kein Wort Englisch, ich sage ihr, dass auf den Namen Sylvia drei Betten reserviert sind, sie geht ihre Listen durch, findet den Namen, liest die Bettennummern ab, die daneben verzeichnet sind, zeigt mir an, dass ich ihr folgen soll und kurz darauf stehen wir vor den Betten. Diese sind belegt. Nicht nur mit Gepäck, sondern auch mit den dazugehörigen Pilgern, die tief und fest schlafen. Verwirrt und hilflos schaut das Mädel mich an und zuckt mit den Schultern. Wir gehen zurück zur Anmeldung, wo kurz darauf auch die Hausbesitzerin eintrifft. Diese spricht fließend deutsch, ich sage ihr den Namen, sie geht ihre Listen durch, findet den Namen, liest die Bettennummern ab, die daneben verzeichnet sind, zeigt mir an, dass ich ihr folgen soll und kurz darauf stehen wir vor leeren Betten. Gottseidank!

Nachdem ich mich häuslich eingerichtet habe, juckt es mir dann doch in den Füßen, ich laufe die drei Kilometer nach Redondela zurück, suche die dortige Herberge erneut auf und laufe anschließend die drei Kilometer nach Cesantes wieder zurück, glücklich über meinen zusätzlichen Stempel aus Redondela. In Cesantes gibt es noch weniger als nichts, der Ort, in dem wir für heute unterkommen, hat gigantischen achtzig Einwohner. Das macht die Planung für den Rest des Tages ziemlich einfach, denn wo nichts ist, kann man auch nichts machen. Abendessen und Frühstück wird in der Herberge angeboten, ich brauche mich den Rest des Tages also nicht mehr groß bewegen. Guter Plan, wird von mir auch genauso umgesetzt.

Es war Abend, es wurde Morgen – ein neuer Tag!

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