Caminho Português – Tag 7: Von Cesantes nach Pontevedra

Wieder steht eine kurze Etappe auf dem Plan – dadurch, dass wir gestern statt in Redondela zu bleiben bis nach Cesantes gelaufen sind, beträgt die heute zu bewältigende Distanz gerade einmal fünfzehn Kilometer.

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Am Anfang ist der Weg noch menschenleer, so wie ich es aus den ersten Tagen gewohnt bin. Aber kaum bin ich um die Kurve gelaufen…

Wieder nur zwei Seiten Wegbeschreibung, wieder schalte ich das Gehirn aus und laufe los, allerdings nach einem kleinen Frühstück – es gibt Toast mit Marmelade und Kaffee, das ganze wird zur Verfügung gestellt in einem Frühstücksraum, der für vierzehn Leute gedacht ist, in dem aber bereits alleine zwanzig Italiener sitzen, natürlich nicht ohne dass jeder lautstark mit jedem diskutiert, aber das kenne ich ja schon von den Laufpassagen. Nachdem wir uns also tapfer ein paar Scheiben Toast, Kaffee und Kakao (der heißt in Spanien übrigens Cola Cao und bei mir dauert es wieder mal etwas länger, bis ich verstehe, dass es sich dabei um Kakao handelt) erkämpft haben, nehmen wir das Frühstück zu uns und dann geht es auch schon los.

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… fühle ich mich auch schon wie bei einer Besteigung des Mount Everest. Willkommen auf der Pilgerautobahn!

Für meine Verhältnisse ist es schon sehr spät, denn als ich die Herberge verlasse, zeigt meine Uhr irgendetwas kurz nach acht Uhr an. Fünf Stunden soll es laut Wanderführer bis nach Pontevedra dauern, da kann ich nur drüber lachen, trotz zwei leichter Bergetappen. Das Lachen bleibt mir im Hals stecken, als ich auf grobem Granitpflaster ungünstig wegrutsche und mit den linken Fuß seitlich kräftig anschlage. Etwas ähnliches ist mir bereits am vierten Tag passiert, als ich von Ponte de Lima nach Tui gelaufen bin: Der strömende Regen hatte an dem Tag dafür gesorgt, dass die Felsen auf dem Weg extrem rutschig sind, was dazu geführt hat, dass ich in einem unachtsamen Moment abgerutscht bin und mir das Fußgelenk verstaucht habe. Es ist also nicht so, dass mein gepeinigter linker Fuß nicht eh schon geschwollen und farbenfroh geschmückt ist.

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Wer von Arcade kommend die Ponte Sampaio überquert, landet unweigerlich in einem kleinen Dorf namens Pontesampaio (die Begründer dieses Ortes waren ja echt mit Kreativität gesegnet) – einem schönen kleinen Örtchen mit unfassbar engen und unfassbar steilen Gassen. Wer hier wohnt, muss gut zu Fuß sein.

Dazu gesellt sich nun also auch noch ein unverschämt bösartiger, stechender Schmerz dazu, der mich den Rest der Reise begleiten wird. Passt aber irgendwie auch gut zu meinem schmerzenden rechten Zeh, den habe ich mir nämlich am zweiten Tag angeschlagen, seitdem ist er blau. Na super! Für den Rest der Etappe fahre ich die Geschwindigkeit daher deutlich herunter.

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Meist geht es auf dem Pilgerweg über Stock und Stein, hier aber eher über Stege. Willkommen im Nirgendwo!

Habe ich in den vergangenen Tagen Wald- und Feldwege nach Möglichkeit vermieden und stattdessen Asphaltstraßen gesucht, habe ich heute auf eben diesen höllische Schmerzen. Daher bin ich nicht unglücklich, als ich plötzlich an einer Kreuzung stehe, an der zwei gelbe Pfeile den Weg weisen – einer zeigt nach rechts, der andere nach links. Ich lasse die Asphaltstraße diesmal rechts liegen und schlage mich in die Büsche – und zwar sprichwörtlich: Es ist sofort totenstill und ich komme mir vor, wie in einer anderen Welt.

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Eine der vielen Möglichkeiten auf einer Alternativroute ein paar Runden Pilger-Limbo zu spielen. Challenge accepted!

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Das Tor zur Welt: Diesseits noch das absolute Nichts, dass ich die letzten Kilometer durchwandert habe, jenseits die ersten Häuser von Pontevedra.

Am Lauf des Rio Tomeza entlang laufe ich durch einen kleinen Wald und spiele auf dem Weg ein paar Runden Pilger-Limbo: Die Bäume sind teilweise so niedrig quer über den Weg gewachsen, dass mir nichts anderes übrig bleibt als darunter hindurch zu klettern. Bei der Eleganz, die ich an Tag lege, bin ich wirklich froh alleine hier zu sein. Andererseits darf ich nicht klagen, denn mit dem Gepäck auf dem Rücken ist das das perfekte Training für meinen nächsten Tough Mudder im September. Trotz meiner eingeschränkten Mobilität komme ich bereits um 11:40 Uhr in Pontevedra an. Dass die Herberge noch nicht geöffnet hat, brauche ich mittlerweile wohl nicht mehr erwähnen, auch nicht, dass ich wieder der erste bin, der seinen Rucksack vor dem Tor abstellt. Die paar Minuten bis zur Öffnung verbringe ich im nahegelegenen Café, wo ich allerdings keinen Kaffee bekomme, denn das Personal ist bei der sengenden Hitze offenbar nicht gewillt, das Gebäude zu verlassen um die draußen auf der Terrasse sitzenden Gäste zu bewirten. So stärke ich mich halt mit meinen eigenen Lebensmitteln, denn darauf hinweisen, dass ich das nicht darf, wird mich vom Personal wohl auch niemand – dafür müsste ja jemand herauskommen.

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Die einzige Verpflegungsstation auf weiter Flur – Improvisiert bis zum Umfallen (im wahrsten Sinne des Wortes, denn bei dem leichtesten Windzug hat der Vorbau schon anständig geschwankt), aber mit tollem Service – es gibt Kaffee und Gebäck, also alles, was der Pilger unterwegs braucht.

Als um zwölf Uhr das Rolltor lautstark geöffnet wird, stürme ich los – total unnötig, denn ich bin immer noch der erste an der Herberge und auch der einzige. Das Gute daran ist, dass der Boiler für die Duschen auf jeden Fall noch randvoll sein dürfte mit heißen Wasser, wovon ich mich nun auch umgehend persönlich überzeugen werde. Eine halbe Stunde später verlasse ich porenrein, tiefenentspannt und total verschrumpelt die Dusche, schnappe mir meine Schmutzwäsche und gehe zum Waschraum, die Waschmaschine ignoriere ich dabei geflissentlich. Ich finde ja, dass Duschen auf einem Festival kein Heavy Metal ist, genauso wenig passt eine Waschmaschine zum Pilgern. Die Wäsche in der einen Hand und die Kernseife in der anderen begebe ich mich zum Waschbrett. Im Nachhinein kann ich sagen: Die Wäsche ist sauber, Waschmaschine wäre allerdings deutlich schneller gewesen.

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Die Capela da Virxe Peregrina, das wichtigste Heiligtum der Stadt. Erbaut ab 1778 im Barockstil hat der Grundriss die Form einer Jakobsmuschel. Das Taufbecken ist eine riesige echte Muschel aus dem Pazifik. Eins muss man der Marketingabteilung des Jakobswegs ja lassen: Das Branding haben die in den letzten Jahrhunderten knallhart und stringent durchgezogen.

Als ich fertig bin, sind auch Sylvia und Dorain bereits eingetroffen. Nach einer kurzen Siesta, die ich nutze um die Dokumentation des gestrigen Tages nachzuholen machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Dort sind die Straßen wie leergefegt, ist ja auch noch Siesta bis um 17:00 Uhr, was uns aber nicht davon abhält einige Sehenswürdigkeiten in der Stadt angemessen zu begutachten. Dabei treffen wir auch Sarah aus Köln, der Sylvia und Dorian vor einigen Tagen bereits begegnet sind. Gemeinsam steuern wir die beiden einzigen Läden der Stadt an, die Wanderschuhe verkaufen, denn Dorian hat seit einiger Zeit Probleme beim Laufen, da müssen dringend neue Schuhe her.

Mit Ende der Siesta erwacht die Stadt plötzlich zum Leben, der Platz vor der Capela da Virxe Peregrina ist voller Menschen, der Papagei Ravachol fast schon nicht mehr zu sehen.

Wir laufen noch einmal zur Real Basilica de Santa Maria A Maior mit ihrem beeindruckenden Hauptportal. Da waren wir zwar vor etwa einer Stunde schon einmal, aber auch Kirchen haben in Spanien Siesta und wir standen vor verschlossenen Türen. Jetzt dürfen wir rein und erklimmen sogleich den Turm, von dem man einen beeindruckenden Blick auf die ganze Stadt hat.

Nach erfolgreich absolviertem Kulturprogramm und Schuhkauf belohnen wir uns mit einem Abendessen in einem Tapas-Restaurant in der Calle Real, dem 100 Montaditos. Das Konzept kannte ich so bisher noch nicht: Von einer riesigen Karte werden alle Komponenten einzeln zusammengestellt, das ganze dann mit jeweiliger Stückzahl in ein Formular eingetragen und fertig ist die Bestellung. Die Herausforderung liegt für mich darin, dass ich alleine aus fünfunddreißig verschiedenen Sandwiches auswählen kann, daneben gibt es noch die gleiche Anzahl an Brötchen und Burgern. Die Karte ist natürlich auf Spanisch, ich verstehe daher kein Wort und bestelle im Blindflug.. Ich glaube, die anderen machen das genauso. Sylvia baut vorsorglich einen dritten Tisch an – als das Essen geliefert wird, stellt sich heraus, dass wir den auch dringend benötigen, denn jetzt biegen sich drei Tische unter den Speisen. Nach geschlagener Schlacht gehen wir pappsatt zu einer naheliegenden Cocktailbar um den Abend bei einem Kaltgetränk ausklingen zu lassen. Fünf Minuten vor Zelleinschluss erreichen wir die Herberge und passieren den grinsenden Aufpasser. Ein unfassbar schöner Tag neigt sich unweigerlich dem Ende.

Es war Abend, es wurde Morgen – ein neuer Tag!

 


 

Exkurs: Der Ravachol

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Gaaaaanz wichtig in Pontevedra: Der Besuch bei Ravachol. In Spanien wird das Karneval-Spektakel traditionell mit der Beerdigung einer Sardine beendet, in Pontevedra wird stattdessen der Loro Ravachol verbrannt. Wie es zu diesem Brauch kam? Nun, das war so: Ravachol war in der Tat ein Papagei, der in der Apotheke des Feijao Pancet lebte, und zwar gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Der Apotheker war ein wichtiges und hochangesehenes Mitglied der Gesellschaft und versammelte daher regelmäßig bedeutende Schriftsteller und Philosophen zu Diskussionsrunden. Ravachol beteiligte sich gerne an diesen mit Zwischenrufen wie „Wehe, wenn ich meine Rute hole“ oder „Hier wird nicht angeschrieben“, wodurch er es zu einiger Berühmtheit brachte. An Karneval im Jahr 1913 begab es sich, dass Ravachol verstarb, was von der gesamten Stadt ausgiebig und intensiv betrauert wurde. Seit 1985 wird ihm zu Gedenken das Karnevalsspektakel mit der Verbrennung des Loro Ravachol begangen.

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