Caminho Português – Tag 8: Von Pontevedra nach Tivo

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So sind mir meine Schuhe mittlerweile am liebsten: Weit weg von meinen Füßen. Ansonsten ist dies wieder ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich als Erster eingetroffen bin.

Ausschlafen – langsam gewöhne ich mich daran. Wir sind die letzten im Schlafsaal, das ist aber auch in Ordnung, denn so muss ich im Waschraum nicht anstehen. Diese Gelassenheit am Morgen hatte ich in den ersten Tagen nicht, da bin ich ja immer schon um 06:00 Uhr losgegangen und habe die Strecke runtergespult. Zum Auspowern war das perfekt, mit jedem Schritt habe ich das, was mich belastet, in den Asphalt (oder sonstigen Weg) prügeln können. Jetzt zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu schöpfen ist für mich ein sehr wichtiger Teil des Caminhos.
Wenn da doch bloß diese temporäre anatomische Anomalie nicht wäre: Ich schaue an mir herunter und sehe, dass mein linker Fuß die Dimension eines Elefantenfußes erreicht hat, so stark ist mein Knöchel mittlerweile angeschwollen. Aber: Alles Klagen hilft nicht, ich muss weiter. Ich ziehe meine Wollstrümpfe an, schnüre die Schuhe und mache eine hilfreiche Entdeckung: Ich kann den Schuh so schnüren, dass er auf den Spann drückt, somit spüre ich den schmerzenden Knöchel nicht mehr. Gesund ist das bestimmt nicht, aber zur Zeit die einzige Möglichkeit, die ich habe, denn Aufgeben kommt nicht in Frage, erst recht nicht so kurz vor dem Ziel.
Und dann geht es auch schon los: Den Anfang des Weges kenne ich schon von gestern, denn er führt mitten durch die Altstadt, zumindest so lange, bis ich auf der Ponte do Burgo den Rio Lerez quere. Die Strecke führt mich über Stock und Stein (und natürlich den obligatorischen Asphalt) durch mehrere Weiler am achtzig Hektar großen Feuchtgebiet Marismas bzw. Xunquieira da Alba entlang, inzwischen laufe ich wieder über die mir schon sehr vertraute Via Romana XIX. Die nächste Zeit passiert nichts besonderes, die Abwechslung von Einöde mit absoluter Einöde bin ich mittlerweile ja gewohnt.

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Die Igrexa de San Mamede. Weder das Internet noch der Wanderführer haben auch nur ein Wort über dieses schöne Bauwerk zu sagen. Die einzige Erwähnung ist die, dass die Herberge von Barro links hinter der Kirche liegt. Die Kirche finde ich natürlich sofort, bei der Herberge ist das schon deutlich schwerer.

An einer Weggabelung habe ich die Wahl dem Hauptweg zu folgen oder alternativ einen kleinen Umweg an der Herberge von Barro vorbei zu gehen. Ich entscheide mich für letzteres, nicht etwa um dort unterzukommen (schließlich bin ich ja gerade erst losgelaufen), sondern um meinen obligatorischen Stempel abzuholen.

In der Herberge ist keine Menschenseele, obwohl die Tür sperrangelweit aufsteht. Ich trete ein, gehe zur Rezeption, warte eine gefühlte Ewigkeit, laufe dann das komplette Gebäude ab – nichts. Niemand da. Also kehre ich in die Rezeption zurück und setze den Stempel halt selbst in mein Credencial.
Nach einer weiteren Stunde des Laufens überquere ich die Hauptstraße N-550, an der sich der Jakobsweg bereits seit einigen Tagen entlang schlängelt, lasse das Straßenschild „Santiago de Compostela 40km“ links liegen und mache mich auf zum Parque Natural Ria Barosa, von dem alle, denen ich begegne, schon seit Tagen reden und der auch in meinem Wanderführer explizit erwähnt wird. Das unheimlich schöne Gelände erkunde ich ausgiebig und gönne mir danach ein unverschämt dekadentes Mittagsmahl, bevor ich zum Endspurt aufbreche. DSCF6419Es gibt Lammrippchen (über offenem Feuer gegart) und einen riesigen gemischten Salat und Brot und Cola und zum Schuss noch ein Zitronensorbet, das alles mit Blick auf die Wasserfälle, die zu meinen Füßen in einem kleinen Teich enden. Mittlerweile (ich bin bereits gut zweieinhalb Stunden hier) ist es recht voll, viele Pilger nutzen diese Gelegenheit für ein Bad, einige haben den Felsen zu einer Wasserrutsche umfunktioniert, vor allem die Männer führen sich auf und freuen sich wie kleine Kinder. Um überhaupt nicht erst der Versuchung zu erliegen, habe ich wohlweislich in Ponte de Lima auch meine Badehose in das Päckchen gelegt und gen Heimat geschickt, denn weiche Haut an den Füßen ist der reinste Nährboden für Blasen und die kann ich gerade überhaupt nicht gebrauchen. DSCF6422Stattdessen erklimme ich lieber die Felsen und schaue mir das Gelände an. Mich erwarten die Ruinen von über zwanzig alten Getreidemühlen, die wie eine Perlenkette an dem Fluss aufgereiht sind. Jede einzelne Ruine begutachte ich ausgiebig bevor ich sie betrete, denn ich möchte nicht riskieren, dass ich von den Felsen einer zusammengebrochenen Mühle verschüttet werde. Wahrscheinlich würde ich hier nie gefunden werden, denn der Weg hierauf ist recht beschwerlich (genauer gesagt: eigentlich überhaupt nicht vorhanden, ich klettere einfach die Felsen hoch) und wie gesagt: Die Wasserfälle für ein Bad zu nutzen ist sehr verlockend, weshalb ich (mal wieder) alleine bin auf weiter Flur. Nach etwa drei Stunden verabschiede ich mich von diesem schönen Ort und ziehe los, die letzten vier Kilometer des Weges zu bezwingen.

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Die Zentralwäscherei von Tivo – es gibt nur ein Waschprogramm, die Temperatur variiert aufgrund der Anzahl der Sonnenstunden am Waschtag.

In Tivo erwartet mich eine weitere neue Erfahrung: Als ich in der Albergue Catro Canos ankomme und frage, wo ich meine Wäsche waschen kann, zeigt die Hausherrin nach draußen auf die Straße. Dort steht ein Brunnen – einer von denen, die ich schon gefühlte tausend Mal am Wegrand habe stehen sehen. Die Aussage ist klar, also gehe ich rüber und lege los. Würden jetzt jeden Moment ein paar  Waschweiber mit Schürze und Kopftuch dazu kommen – ich würde mich nicht wundern, sondern vielmehr den neuesten Klatsch und Tratsch mit ihnen austauschen, wie sich das halt so gehört beim Waschen am Dorfbrunnen. Ist ja auch klar, dass während meiner Waschorgien meine Wegbegleiterinnen eintreffen, mich bei der Verrichtung meiner Hausarbeit sehen und sich gleich das Maul darüber zerreißen. Ich dachte immer, dass das andersherum funktioniert: Leute laufen vorbei und die Waschweiber lästern. Aber das ist halt der Caminho, hier ist vieles anders und der Caminho hat seine eigenen Gesetze.

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Exklusive Backstage-Aufnahmen aus der Pilger-Suite im Catro Canos: Unser Zimmer für eine Nacht. Es war die perfekte Konstellation: ein Sechserzimmer, das heißt: Wir sind unter uns und verbringen eine ruhige, schnarchfreie Nacht.

Das Ergebnis überzeugt mich nicht wirklich, dafür ist das Wasser deutlich zu grün gefärbt von den Algen im Becken, was mir aber reichlich egal ist, denn ich habe in den vergangenen Tagen schon mehrfach (eigentlich jeden zweiten Tag) unter Beweis gestellt, dass ich die Technik der Handwäsche beherrsche.

Habe ich bereits erwähnt, dass die Herberge mitten im Nirgendwo liegt? Das ist im Prinzip eigentlich auch nichts besonderes mehr, es kommt in derart dünn besiedeltem Gebiet eher selten vor, dass das Leben pulsiert. Aus Mangel an Alternativen nehmen wir unser Abendessen hier in der Herberge ein, wobei ich erstmals in den Genuss der legendären Pimientos de Padrón komme. Lecker! Nach dem Mahl ziehen wir um in den Garten, wo die italienisch-portugiesische Fraktion sich mittlerweile zum Essen niedergelassen hat. Wir trinken noch diverse Gläser Rotwein zusammen, irgendwann falle ich dann tot ins Bett und werde von einer barmherzigen Ohnmacht übermannt.

Es war Abend, es wurde Morgen – ein neuer Tag!

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