9. Tag, Sa, 22.05.2010

YANGZE-KREUZFAHRT TAG 1

Der heutige Tag steht vollkommen im Zeichen des Staudamms, schon früh machen wir uns auf den Weg. Seit gestern habe ich das Gefühl, die Welt ginge unter, denn es regnet in Strömen und ohne Unterlass. Als wir beim ‚Staudamm ankommen, hat sich das Wetter gebessert und wir haben einen tollen Ausblick auf dieses gigantische Bauwerk.
Auch wenn es nur schwer auszumalen ist, so bekommt man hier doch einen Eindruck davon, was Menschen hier geschaffen und angerichtet haben…


Exkurs Yangze-Staudamm
Der berühmte Yangze-Staudamm liegt nahe der Stadt Handouping. Erste Erwähnung findet er bereits in Unterlagen aus dem Jahr 1918, als Sun Yat-sen eine Skizze für eine Staudammkonstruktion vorlegte. 1955 gab es die erste intensive Analyse des Yangze-Gebietes in Verbindung mit einer Designstudie, die den Beginn des Drei-Schluchten-Programms einläutete. Es dauerte dennoch noch bis zum Jahr 1970, um die ersten Tests zu beenden und das Projekt zu genehmigen. Vom Parlament angenommen wurde die Bauresolution im Jahr 1992 und fünf Jahre später begannen die ersten Maßnahmen den Fluß zu stauen. Die Stauung war 2003 abgeschlossen: Das Reservoir nahm seine Funktion auf und der erste Generator wurde in Betrieb genommen. Die vorläufige Wasserhöhe von 172 Metern wurde im November 2008 erreicht.
Somit stand der erste Punkt einer langen Liste von Superlativen fest: Das Drei-Schluchten-Projekt hat die längste Periode gemessen von ersten Vorüberlegungen bis zur endgültigen Fertigstellung.
Durch dieses Projekt ist es möglich eine Wassermenge von 22,15 Milliarden Kubikmetern zu kontrollieren. Werden alle Schleusen geöffnet, so fließen in einer einzigen Sekunde 100.000 Kubikmeter.
Für die Schifffahrt ist die Schleusenanlage von großer Bedeutung. Es handelt sich um das weltweit größte Schleusensystem in einem Binnengewässer: Schiffe mit einem Gewicht von bis zu 16.000 Tonnen können über das zweispurige System in fünf Stufen 113 Meter nach oben bzw. unten befördert werden.
Die Konsequenzen sind unabsehbar:
Bisher haben über 1,3 Millionen Menschen ihre Heimat verloren und wurden zwangsumgesiedelt. Diese Zahl wird bis zum Jahr 2020 noch erheblich steigen, da rings um die Schleusenanlage das Erdreich aufweicht und somit in absehbarer Zeit abrutschen wird.
Im Rahmen des Projektes wurden Kulturgüter und -schätze von unermesslichem Wert zerstört, denn tausende Städte und Dörfer fielen den Fluten zum Opfer.
Ich frage mich, was eigentlich passiert, wenn der Damm bricht? Auch wenn das Projekt noch so gut durchgeplant und die Verarbeitung des Materials noch so akkurat erfolgt ist, so kann kein Ingenieur die Konsequenzen von Naturkatastrophen wie zum Beispiel Erdbeben verhindern. Neuesten Studien zufolge würden in einem solchen Fall bis zu 130 Millionen Chinesen (und damit immerhin zehn Prozent der Gesamtbevölkerung) dieser Katastrophe zum Opfer fallen.


Der weitere Tag verläuft ereignislos: Aufgrund technischer Probleme an der Schleuse verzögert sich die Abfahrt um drei Stunden, um die Zeit aufzuholen, werden wir wohl auch über Nacht fahren müssen. Normalerweise fährt das Schiff ausschließlich über Tag und liegt nachts irgendwo vor Anker. Für uns bedeutet das teils unerträgliches Warten, denn wir können wirklich absolut nichts machen, das Schiff dürfen wir nicht verlassen. Andererseits ist das nach dem doch sehr aufregenden und stressigen Programm der letzten Tage auch schon wieder eine willkommene Erholung.
Kurz vor der Abenddämmerung ist es dann endlich soweit: Wir sehen vor uns die gigantische Schleuse. Pro Schleuse werden wir dreißig Minuten benötigen, mit den üblichen Verzögerungen brauchen wir für die fünf Stufen etwas über drei Stunden. Meine Gefühle zu beschreiben ist unmöglich, denn durch diese Schleuse zu fahren ist ein gigantisches Erlebnis. Heute morgen haben wir die Schleuse noch von außen besichtigt, nun sind wir mitten drin. Wow!

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