7. Tag, Donnerstag, 20.05.2010

SHANGHAI – WUHAN
Noch ein freier Vormittag in Shanghai, zum Shoppen oder für einen Bummel über das Gelände der Expo (geöffnet 1.5.-31.10.). Mittags geht’s mit bis zu 300 Sachen im Hochgeschwindigkeitszug nach Wuhan. Nach so viel Tempo kommt Ihnen die Gelegenheit zu einem geruhsamen Spaziergang auf Wuhans Yangze-Promenade sicher nicht ungelegen.

Als hätten wir nicht damit gerechnet: Der freie Vormittag ist uns gestern Abend gestrichen worden. Der Zug fährt schon gegen neun Uhr morgens ab, was wohl bedeutet, dass wir verdammt früh aufstehen müssten, wollten wir noch einen freien Morgen in der Stadt genießen. Fraglich ist auch, ob das Expo-Gelände um diese Uhrzeit (also gegen sechs Uhr morgens) schon geöffnet ist. Ich gehe nicht davon aus…

Um 5:45h klingelt mein Wecker. Da wir wenigstens noch etwas von Shanghai sehen wollen, haben wir uns für 6:00h verabredet. Unser Weg führt uns auf den Bund, die Uferpromenade. Dort lassen alte Männer Drachen steigen und Gruppen von Leuten machen zusammen Tai Chi. Für uns ist das ein gelungener Start in den Tag, den Morgen mit Frühsport zu beginnen, auch wenn wir streng genommen ja nur zuschauen.

Der Bus fährt pünktlich 7 Minuten zu spät ab, denn obwohl es im Hotel vier Aufzüge gibt, schaffen wir es nicht pünktlich zum Bus. Die Chinesen sind wie wilde Tiere, wenn es um die Futteraufnahme geht. Jegliche Höflichkeit (wenn vorhanden) wird über Bord geworfen, plötzlich passen in den Aufzug auch doppelt so viele Leute, die Hauptsache ist, dass man schnell beim Frühstück ist. Hier versagt der Kommunismus und der Kapitalismus siegt, denn obwohl es Frühstück für alle gibt (Kommunismus), ist sich in dem Moment doch jeder selbst der Nächste (Kapitalismus).
Geschlagene 15 Minuten benötige ich daher, um vom 9. Stock in die Lobby zu kommen. Wenigstens bin ich nicht der Einzige mit diesem Problem, es kommen noch Gruppenmitglieder nach mir aus dem Lift.

Nun sitzen wir mittlerweile im Schnellzug auf dem Weg nach Wuhan. Es ist 11.00h und wir haben noch etwa fünfeinhalb Stunden Fahrt vor uns…

Wir erreichen pünktlich den Bahnhof von Wuhan. Die Fahrt war rasant, aber auch eindrucksvoll. Mit bis zu 250 km/h sind wir an privat betriebenen Feldern vorbeigerast. Diese Felder werden von der Regierung an Privatpersonen verpachtet, was diese damit machen, ist ihnen selbst überlassen. Wir sehen größtenteils Reis- und Gemüsefelder, ich bilde mir ein, zwischendurch auch das ein oder andere Mohnfeld gesehen zu haben.

Heute haben wir kein Programm, so dass wir direkt nach dem Abendessen in das Holiday Inn Riverside Wuhan einchecken und den Rest des Abends uns selbst überlassen sind. So ganz korrekt ist das allerdings nicht, denn wir streifen noch über einen typischen Markt, auf dem von Gemüse bis zu lebenden Hühnern und Gänsen alles verkauft wird. Die Hallen sind voll von Menschen, die Stände sind auf engstem Raum aufgebaut. Ein Hauch von Basar liegt in der Luft und wir bekommen einen Eindruck davon, wo und wie die Chinesen ihre Lebensmittel einkaufen.

Nachdem wir unsere Zimmer bezogen haben, ziehen Jan und ich los um die Stadt zu erkunden.
Was uns direkt bei der Ankunft aufgefallen ist, zieht sich den ganzen Abend über durch: Zwar fahren auch hier die Chinesen wie die gesengte Sau, doch wird nur sehr wenig bis gar nicht gehupt. Es herrscht schon fast eine gespenstische Stille in dieser Stadt. Auch frage ich mich, ob man hier überhaupt von einer Stadt sprechen kann, ist Wuhan doch mit knapp neun Millionen Einwohnern die mit Abstand kleinste Menschenansammlung auf unserer bisherigen Reise.
Dass wir hier fernab der westlich geprägten Welt sind, merken wir auch daran, dass die bereits in Peking und Shanghai kaum vorhandenen Englischkenntnisse hier noch einmal drastisch reduziert sind. Keines der Geschäfte ist in englischer Sprache beschriftet und unser Ziel erreichen wir auch nur deshalb, weil uns der Concierge im Hotel unser Ziel mit chinesischen Schriftzeichen aufgeschrieben hat.
Wir halten dem erstbesten Taxifahrer diesen Zettel unter die Nase und landen mitten in der Einkaufsstraße Wuhans. Hier pulsiert das Leben und wieder einmal fallen wir unfreiwillig auf, denn wir die einzigen Langnasen weit und breit. Wo sich die anderen Langnasen versteckt haben, wissen wir nicht, doch laut unserem Reiseführer leben in dieser 9-Millionen-Metropole cirka 30 Deutsche und 700 Franzosen. Dennoch sind wir Exoten, denn wir erkunden das „Hinterland“, also die kleinen Gassen abseits der belebten Einkaufsstraßen.
Auf dem Weg dorthin werde ich an einem Stand beinahe schwach, denn dort werden T-Shirts der weltberühmten italienischen Designer Golce&Dabbana angepriesen, die nach Aussage der Händler nicht nur preiswert sind, sondern sogar „better than original“. Ach so!
Den Abend lassen wir bei einem Kronenbourg 1664 im hoteleigenen Irish Pub ausklingen und ich mache mir schon fast Sorgen um meine Kondition, denn es ist gerade einmal 00:20h, als ich auf mein Zimmer gehe. Voller Vorfreude warte ich nun also auf den Weckruf um 8.00h.
Normalerweise würde ich ja jetzt sagen „Gute Nacht Deutschland“, da es bei Euch aber erst 18:23h ist, wünsche ich Euch noch einen schönen Abend!

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