14. Tag, Donnerstag, 27.05.2010

XIAN – BEIJING
Am Morgen Flug zurück in die chinesische Hauptstadt. Nachmittags frei für letzte Einkäufe: klassisch in der Antiquitätenstraße Liulichang oder auf dem Seidenmarkt, oder ganz zeitgenössisch: Chinadeko für zu Hause bei Dara, feinstes Jingdezhen-Porzellan bei Spin Ceramics … Oder Ihr Scout nimmt Sie noch einmal mit auf einen Ausflug: zum Sommerpalast am malerischen Kunming-See. Abends liegt Ihnen die Restaurantwelt Beijings zu Füßen! Ihr Scout bestellt Ihnen gerne ein Taxi und reserviert Ihnen auch gleich einen Tisch nach Ihrem Geschmack dazu – schick und scharf im Lord of Salt, Peking-Ente modern im Made in China oder oder oder …

Der Tag beginnt wie bereits viele Tage zuvor und auch das Grundgerüst ist das Gleiche; langsam werden wir Profis darin: Es heißt wieder einmal mitten in der Nacht aufstehen, Koffer packen (wenn nicht schon am Vorabend passiert), für mich gehört wieder mal Frühstück verpassen zum Programm, was allerdings nicht dramatisch ist, denn auf dem Flug gibt es ja schließlich auch Verpflegung.
Als wir gerade gut zehn Minuten mit dem Bus unterwegs sind und irgendwo in Xian im Stau stehen, kommt unsere Reiseleiterin zu Jan und mir und spricht uns darauf an, dass wir wohl am Vorabend nicht wie abgesprochen das Geld an der Rezeption hinterlegt haben. Sie hat dort nachgefragt, angeblich ist aber kein Umschlag für sie hinterlegt worden. Da wir es besser wissen, sagen wir ihr, dass es dort definitiv einen Umschlag mit umgerechnet etwa 300,- Euro geben muss.
Also drehen wir auf der Stelle um und fahren zurück zum Hotel und stürmen Richtung Rezeption. Oh Wunder, plötzlich gibt es diesen ominösen Umschlag, verborgen in einer Schublade an der Rezeption. Der Concierge schaut uns verlegen an und ich bin mir nach wie vor nicht sicher, ob das ein Unterschlagungsversuch gewesen ist oder einfach nur Missmanagement. Für uns jedenfalls ist es ein ärgerlicher Zeitverlust.
Am Flughafen ist es brechend voll und wir stehen uns bereits am CheckIn die Beine in den Bauch. Warum anscheinend jeder Chinese fluchtartig die Stadt Xian verlassen möchte, ist mir schleierhaft, doch möchte ich nicht der einzige verbliebene Mensch in der Stadt bleiben und stelle mich auch am Schalter an.
Da jeder, der am CheckIn steht, logischerweise im Anschluss auch durch die Sicherheitskontrolle muss, brauche ich wohl nicht erwähnen, was dort passiert… Richtig, wir stehen uns die Beine in den Bauch. Während der Rest der Gruppe sich schon anstellt, besorge ich mir noch ein kaffeeartiges Getränk, das dem Preis nach zu urteilen mindestens Perlenstaub enthalten muss. Als ich zurückkomme, hat sich nichts geändert, alle stehen noch immer an der gleichen Stelle und warten. Dummerweise hat das Boarding bereits begonnen und als wir durch die Kontrolle durch sind, behauptet meine Uhr, es seien nur noch sieben Minuten bis zum Abflug. Langsam werde auch ich ein wenig nervös, wir rennen also quer durch den Flughafen und erreichen just-in-time den Flieger. Natürlich sitzen wir ziemlich weit hinten und ich weiß jetzt wie sich ein Spießrutenlauf anfühlt…
Nach cirka zwei Stunden Flug kommen wir zeitig in Beijing an. Natürlich geht es noch nicht ins Hotel, wie wir ja bereits vor Tagen gelernt haben, wäre das Zeitverschwendung. Statt dessen stapeln wir uns, unsere zwölf Koffer und unser gesamtes Handgepäck in einen Kleinstbus mit siebzehn Sitzplätzen. Die Doktrin verbietet auch Mittagessen, Grund: siehe oben. Statt dessen fahren wir gleich zum Sommerpalast, einem Paradebeispiel für grenzenlose Dekadenz: Hier steht nicht nur eine Hütte oder ein schickes Haus, nein! Auf 290 Hektar stehen diverse Häuser, für jedes Mitglied der Kaiserfamilie eines, des Weiteren Audienzhäuser, auf der Bergkuppe wurde ein kompletter buddhistischer Tempel errichtet, auf den sich die Kaiserfamilie zweimal im Monat in Sänften hat herauf tragen lassen um dort zu beten. Der Gipfel an Dekadenz ist der Kunming-See, natürlich riesig groß (etwa Dreiviertel des gesamten Areals) und (wie zu erwarten war) künstlich angelegt.
Relativ zu Beginn der Führung gehen drei von uns auf mysteriöse Weise verloren, die Folge ist eine Palastrevolution: Da es in diesem Gedränge wenig Sinn macht, setzen wir durch, dass jeder den Palast auf eigene Faust erkundet. Auch wenn das zunächst für verwirrung sorgt, haben wir Erfolg und unsere Wege trennen sich erst einmal.
Nach dem Sommerpalast folgt der Kaffeefahrt x-ter Teil: Nach einer Perlenfabrik, einer Seidenstickerei, einer Terrakottafabrik (und und und…) besuchen wir nun die Seidenstraße, die nichts anderes ist als ein riesiges Gebäude, das einen gigantischen Basar beherbergt: Unzählige Stände sind dicht an dicht aufgereiht und uns bleibt nichts anderes übrig, als es systematisch angehen zu lassen, vom sechsten Stock beginnend kämpfen wir uns durch bis ins Erdgeschoss.
Erste Station ist ein Krawattenladen, wo Jan eine Krawatte kaufen möchte. Das Startgebot liegt bei 280 Yuan für eine Krawatte („echte Seide“), was etwa 42 Euro entspricht. Nach knallharten Verhandlungen ersteht er zwei Stück für zusammen 220 Yuan (33 Euro). Das ist ein guter Preis und so beeilen wir uns weg zu kommen, zumal grade eine von den Mädchen an dem Stand nichts anderes zu tun hatte als mir ihre Liebe zu gestehen und mir einen Heiratsantrag zu machen. Leider hätte sie aber nicht mehr in meinen Koffer gepasst und für’s Handgepäck war sie auch nicht geeignet.
Bei der zweiten Station bandelt Jan dann mit einem Mädchen im Teeladen an, denn das scheint eine gute Verhandlungstaktik zu sein. Und tatsächlich: Das Teeservice geht von 680 Yuan auf 280 Yuan runter. Respekt dafür an Jan!
Als wir uns alle wieder vor dem Laden versammelt haben, passiert etwas, womit ich nicht mehr gerechnet hätte: Wir fahren tatsächlich ins Hotel! Eine knappe Stunde haben wir dort Zeit, denn wir wollen noch ein letztes Mal gemeinsam essen gehen. Unsere Reiseleiterin organisiert uns ein Restaurant in der Nähe des Hotels und ich persönlich bin begeistert, denn ich wage zu behaupten, dass ich nie zuvor auf dieser Reise so gut gegessen habe. Da hat sie sich echt selbst übertroffen.
Beijing hat ein Hard Rock Café, und dort führt mich der Weg nun hin. Jan und ich besteigen das Taxi und nach etwa zwanzig Minuten (oder auch: geschätzten 2,25 Euro) sind wir schon da. Hurricane spielt auf, eine Amateur-Coverband mit einem breiten Sortiment von Bon Jovi über Rolling Stones bis hin zu den Eagles, doch sie sind genial. Wir setzen uns ins Café und bleiben dort etwa zwei Stunden.
Als wir wieder im Hotel ankommen, ist es bereits ein Uhr morgens und in einem Zustand geistiger Umnachtung bestellen wir uns einen Wake-up-Call für vier Uhr (jawohl, vier Uhr!). Als ich um halb zwei meinen Koffer fertig gepackt habe, überlege ich kurz, ob es überhaupt noch Sinn hat, sich hinzulegen, entscheide mich dagegen und gehe dann trotzdem ins Bett.

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