12. Tag, Dienstag, 25.05.2010

CHONGQING – XIAN
Morgens gehen Sie in Chongqing wieder an Land, und mit dem Flieger geht es weiter nach Xian. Auf dem Weg in die Stadt zeigt Ihnen Ihr Scout das Yangling-Museum mit faszinierenden Grabfunden. Zwei Übernachtungen.

Um acht Uhr verlassen wir das Schiff und betreten wieder Festland. Unser Bus bringt uns nach Chongqing, wo wir das Flugzeug Richtung Xi’an besteigen werden. Auf dem Weg zum Flughafen machen wir einen Zwischenstopp im Stadtzentrum und besichtigen den Volksplatz.
Wir erfahren, dass wir eigentlich nicht nur den Vormittag in Chongqing verbringen, denn bereits die letzten beiden Tage sind wir auf dem Yangze durch das „Stadtgebiet“ von Chongqing gefahren.
Die Erklärung: Bis zum Jahr 1997 war Chongqing für chinesische Verhältnisse eine Kleinstadt mit cirka acht Millionen Einwohnern. Doch dann wurde die Stadt von der Regierung in einen Stadtstaat umgewandelt. Das Stadtgebiet misst heute von Norden nach Süden 490 Kilometer und von Westen nach Osten 450 Kilometer. Die Grundfläche ist nahezu identisch mit der von Österreich. Mit 33 Millionen Einwohnern ist Chongqing übrigens die größte Stadt der Welt und vier Mal so dicht besiedelt wie Österreich.
Unsere lokale Reiseführerin, die uns leider nur etwas über zwei Stunden begleitet, erzählt uns während der Fahrt ihre Familiengeschichte. Was man über die Ein-Kind-Politik denken mag, sei jedem selbst überlassen, aber solch ein plastisches Beispiel verstört mich doch sehr.

 


 

Exkurs: Ein-Kind-Politik
Seit 1980 gibt es in China die Ein-Kind-Politik, die vom Regime von der Partei rigoros umgesetzt wird. Ziel soll es sein, das Bevölkerungswachstum einzugrenzen.
Grundprinzip ist, dass bis auf wenige Ausnahmen jede chinesische Frau nur ein einziges Kind haben darf. Folgende Familien dürfen zwei Kinder haben: (a) Bauern auf dem Land (um die Bewirtschaftung des Hofes zu gewährleisten), (b) Frauen, die bereits ein behindertes Kind haben, (c) Angehörige einer Minderheit.
Wird eine Frau schwanger, auf die keine dieser Ausnahmen zutrifft, hat die Familie mit schwerwiegenden Strafen zu rechnen, die von der Verweigerung des Kinderhortplatzes über Verlust der Arbeit bis zu finanziellen Einbußen reicht. Die finanzielle Belastung beträgt 15-30% des Jahresgehaltes über sieben Jahre hinweg, für das zweite Kind und 30-40% für das dritte Kind über 14 Jahre hinweg.

Kinder sind jedoch in China die einzige Altersvorsorge, denn ein Sozialsystem wie in Deutschland gibt es nicht. Das bedeutet, dass ein Ehepaar später für sich, seine eigenen Kinder und für seine vier Großeltern sorgen muss.
Dadurch wird die Ein-Kind-Politik für viele Ehepaare ein gut kalkuliertes Rechenspiel, denn meistens lohnt es sich, mehrere Kinder in die Welt zu setzen, die Strafe dafür abzuzahlen, dafür aber die Last der Altersversorgung auf mehrere Kinder zu verteilen.


Unsere lokale Reiseführerin erzählt uns, dass sie ein illegales Kind ist, denn sie hat einen vier Jahre älteren Bruder. Als ihre Mutter mit ihr schwanger war, wurde sie über die ersten Monate hinweg im Haus versteckt und fristete ihr Leben im Dunkeln hinter zugezogenen Gardinen. Ihr Mann erzählte überall im Dorf herum, dass seine Frau abgehauen sei. Eines Nachts ist sie dann zu Verwandten in die Berge geflohen, da das Risiko entdeckt zu werden zu groß wurde. Dort blieb sie über ein Jahr, arbeitete auf dem Feld mit und gebar zwischendurch ihr Kind. Erst als ihre Tochter ein Jahr alt war, kehrte sie in ihr Heimatdorf zurück.
Hintergrund war der, dass sie zuvor schon einmal schwanger war und von Offiziellen zur Abtreibung gezwungen wurde.
Man sollte sich einmal vor Augen führen, dass wir hier nicht über das Mittelalter reden, sondern über das 20. Jahrhundert. Es ist unfassbar, dass solche Geschichten heutzutage noch vorkommen, aber so ist das halt in einem Land, in dem Menschenleben nicht sonderlich viel zählen und Zwangsabtreibungen an der Tagesordnung stehen.

 

Am Flughafen von Xi’an angekommen, steigen wir direkt in den Bus, der uns zum Hotel bringt. Direkt? Niemals, erst geht es in Yangling-Museum, dann auf irgendeine Stadtmauer, dann zum Essen und danach erst ins Hotel. Als wir dort ankommen, ist es bereits 20.00 Uhr und der Abend ist gelaufen.
Aber noch mal etwas ausführlicher:
Das Yangling-Museum befindet sich auf einem zwanzig Quadratkilometer großen Areal, das ausschließlich die Grabstätte des Kaisers, seiner Frau und ein oder zwei Konkubinen beherbergt. Die genauen Details habe ich leider nicht mehr parat, aber es ist wohl kaum entscheidend, der wievielte Kaiser das jetzt war.
Die Gräber sind ausgehoben und stehen zur Besichtigung zur Verfügung. Vor über 2000 Jahren haben über 700.000 Menschen daran gearbeitet, unzählige Terrakottakrieger, -tiere aller Art, -töpfe, -tiegel, -döschen, Bronzewaffen und so weiter herzustellen und alles in unüberschaubarer Menge.
Es ist beeindruckend und somit ein gelungener Vorgeschmack auf die weltberühmte Terrakottaarmee, die wir morgen sehen werden…

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