CinemaxX SneakPreview: High-Rise

Dienstag, 20:50h. Ich stehe im Cinemaxx an der Kasse, so wie jeden Dienstag – da ist nämlich Sneak Preview. An sich ein spannendes Konzept: Fünf Euro Eintritt zahlen (bzw. 6,50€ für die Loge), dafür wird im Vorfeld halt nicht gesagt, welcher Film gezeigt wird. In der Vergangenheit konnte ich dadurch wirkliche Blockbuster schon Wochen im Voraus sehen, des Öfteren bin ich aber auch böse auf die Nase gefallen. Ein reines Glücksspiel also.
Seitdem ich die Systematik der Filmauswahl verstanden habe, kann ich mit hundertprozentiger Trefferquote bereits vorher sagen, um welchen Film es sich handelt, insofern fällt für mich der Entscheidungsprozess recht kurz aus: Ich lese mir daheim schon mal die Inhaltsangabe und – wenn vorhanden – eine Rezension durch und gehe dann ins Kino – oder halt nicht.

Vor mir steht eine Gruppe bestehend aus zwei jungen Damen und drei jungen Herren, die das Prinzip der Sneak offenbar nicht so ganz verstanden haben. Jedenfalls reden sie wasserfallartig auf den armen Kinomitarbeiter an der Kasse ein und bombardieren ihn mit Fragen. Das Gespräch verläuft in etwa wie folgt:
sneakpreview„Was ist denn die Sneak Preview?“
„Eine Filmreihe, in der wir jede Woche einen Überraschungsfilm zeigen.““
„Ah, okay. Welcher Film kommt denn heute?“
„Kann ich nicht sagen, dann wäre es ja keine Überraschung mehr.“
„Der ist aber ja ab 18 Jahren freigegeben. Ist der brutal?“
„Weiß ich nicht.“
„Ist das ein Horrorfilm?“
„Weiß ich nicht.“
„Das musst Du doch wissen, dann kannst du uns das doch auch sagen.“
„Das Konzept der Sneak ist aber, dass man den Filmtitel im Voraus nicht kennt, dafür gibt es den halt für fünf Euro.“
„Aber wenn der gruselig ist, oder eklig…“

Ich beschließe, dass ich nicht mehr so viel Zeit habe im Leben und mir das echt nicht länger antun möchte.
„Heute läuft High-Rise“, sage ich.
Die Gruppe dreht sich kollektiv zu mir um.
„Woher weißt Du das?“ fragen sie mich. Auch der Mitarbeiter an der Kasse schaut mich jetzt interessiert an. Würden die auch David Copperfield nach seinen Tricks fragen?
„Ich weiß es halt. Heute läuft High-Rise mit Jeremy Irons, der Film spielt in einem Hochhaus und ist kein Horrorfilm.“ Hätte ich da bloß schon gewusst, wie sehr ich mich irre!
Die Gruppe dreht sich kollektiv um und kauft Karten für die Sneak Preview. Ich atme erleichtert durch, denn endlich darf auch ich an die Kasse.

Ortswechsel: Ich sitze im Kinosaal, das Licht geht aus, der Film fängt an, das Unheil nimmt seinen Lauf.
Kurz zusammengefasst erwartet den Zuschauer folgendes:
highriseDer Film spielt in einem Hochhaus, das grob in drei Bereiche eingeteilt werden kann. In den unteren Etagen vegetiert die Unterschicht mehr schlecht als recht vor sich hin, kontinuierlich geplagt von Platznot, Schuldenlast und dem Mangel am Nötigsten.
In den mittleren Etagen lebt die Mittelschicht, ständig darauf bedacht, die Unterschicht zu unterdrücken, ständig nach Beachtung durch die Oberschicht geifernd.
In den Penthäusern frönt die Oberschicht der Dekadenz, das Leben besteht aus wilden Parties, die nur durch Orgien unterbrochen werden. Dieses Leben wird in einem Höchstmaß an Ignoranz auf Kosten der Unterschicht geführt, die einerseits in Müllbergen versinkt (Plastischer als mit dem Zitat „Scheiße fällt von oben nach unten“ kann man das nicht ausdrücken), andererseits unter Strom- und Wassermangel leidet.
Bei einem erneuten Stromausfall kommt es zur Rebellion der Unterschicht, moralische Normen verlieren gegen den triebhaften Teil des Individuums, die Situation eskaliert vollkommen: Frauen werden zu einer Währung, eine Farbdose wird Auslöser für eine Schlägerei, es kommt zu Plünderungen, Vergewaltigungen, Mord und Totschlag.
Das ehemals elegante Hochhaus verwahrlost, Müllsäcke stapeln sich in den Gängen bis zur Decke, dazwischen liegen Leichen und ein funktionierender Fernseher; die verlesenen Nachrichten verhallen ins Leere.

hiddlestonSymptomatisch für den gesamten Film ist die Szene, in der Tom Hiddleston mit dem Rücken auf dem kalten, harten Boden liegt und auf die Trümmer und Müllberge um ihn herum schaut. Eine Träne bahnt sich ihren Weg aus seinem Augenwinkel und läuft seine Wange herunter. In diesem Moment hat er wohl realisiert, in was für eine ausweglose Situation er unverschuldet geraten ist. Der Film ist kompletter Müll, die Chance, etwas Ordentliches daraus zu machen, liegt in Trümmern und Hiddleston findet keinen Ausweg. Fast tut er mir ein wenig leid.

Was gibt es sonst noch über den Film zu sagen?
Die Filmmusik stammt von Clint Mansell, einem für den Soundtrack zu The Fountain mit dem World Soundtrack Award ausgezeichneten Komponisten. Das war allerdings bereits 2007. Was er davor oder danach gemacht hat, ist mir nicht bekannt, genauso wie mir dieser Komponist zuvor nicht bekannt war. Macht aber auch nichts. Zusammenfassend kann ich sagen, dass Mansell einen hervorragenden Job gemacht hat, denn der Soundtrack passt absolut zu dem Film und zeugt von einem stimmigen Gesamtkonzept.

erikmeijer

Erik Meijer

An dieser Stelle möchte ich Erik Meijer zitieren, einen bekannten Fußballspieler und Philosophen. Warum? Dazu gehen wir ein paar Jahre zurück, genauer gesagt ins Jahr 1997, Erik Meijer hatte gerade seine erste Saison bei Bayer Leverkusen absolviert. Am vorletzten Spieltag der Fußball-Bundesliga sicherte sich der FC Bayern München die Meisterschaft und verwies Bayer Leverkusen auf Platz 2. Das inspirierte Erik Meijer zu der legendären Aussage: „Nichts ist scheißer als Platz 2“.

Warum ich diese Glanzstunde deutsch/niederländischer Fußball-Rhetorik ins Gedächtnis rufe? Weil es die Kombination Film und Soundtrack gut beschreibt. Nur das ich mich in diesem Fall nicht entscheiden kann, welches dieser beiden Elemente eigentlich scheißer ist.
Schade, schade. Aus der Grundidee hätte man viel machen können. Hätte.

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