Deep in the Mud

5:30h. Mein Wecker klingelt. Es ist der 6. Januar, ein Feiertag in Bayern, ich habe heute frei und mein Wecker klingelt um 05:30h.

Meine Eltern haben die letzten Tage bei mir verbracht und fahren um 6:15h mit dem Zug wieder in Richtung Heimat. Als ich sie zum Bahnhof bringe und auf dem Vorplatz parke, überlege ich kurz, ob ich nicht einfach mitfahren soll. Oder in einen anderen Zug einsteigen, egal wohin der fährt. Aber das wäre feige, schließlich würde ich vor der Herausforderung flüchten und meine Mitstreiterin hängen lassen. Also fahre ich wieder heim, ordne meine Gedanken und meine für den heutigen Tag benötigten Utensilien, verfalle kurzzeitig in Panik, weil ich meine Funktionssocken nicht finde, dusche noch einmal sehr lange und sehr heiß, wohlwissend, dass ich die Hitze am Besten in jeder Faser meines Körpers speichere um möglichst lange davon zehren zu können.
9:30h. Mein Handy klingelt. Es ist eine Nachricht, die besagt, dass meine Mitstreiterin vor meiner Haustür im Auto sitzend auf mich wartet. Mist! Jetzt gibt es also keinen Weg mehr zurück. Ich steige ein, der Motor heult auf, das Auto setzt sich in Bewegung, es geht los. Fünfzig Kilometer trennen uns vom Zielort.

Fünfzig Kilometer, von denen ich jeden einzelnen Meter nutzen werde, mir Vorwürfe zu machen, wie ich nur so bescheuert sein konnte. Und: Warum ich wieder mal den Mund nicht halten konnte. Und: Warum ich – ohne vorher nachzudenken – direkt sagen musste: Ich bin dabei! Ich hätte es besser wissen müssen. Oder alternativ auf meine Murtaugh-Liste schauen, da steht’s auch drauf. Nun ist es dafür allerdings dezent zu spät.

Noch 48 Kilometer. Die leichte Schneedecke, die rechts von der Autobahn vorzufinden ist, macht mir irgendwie Sorgen. Insgeheim hoffe ich, dass es auf der Fahrerseite, wo Nicole sitzt, anders aussieht.

Noch 35 Kilometer. Ich schlage vor, dass wir unseren Plan ändern und stattdessen in die Therme nach Erding fahren, immerhin sind wir ja eh schon in die richtige Richtung unterwegs. Wir müssten nur einfach ein Stück weiterfahren. Blöderweise hat Nicole keinen Badeanzug dabei. Mist.

Noch 26 Kilometer. Nicole deutet auf die Digitalanzeige im Armaturenbrett und sagt: „Schau mal, es sind 2,5 Grad, hätte doch schlimmer kommen können“. In dem Moment springt die Anzeige auf 2,0 Grad. Ich klemme mir eine Antwort und schaue verzweifelt aus dem Beifahrerfenster.

Noch 20 Kilometer. Ob das eigentlich einen besonderen Grund hat, dass diese Veranstaltung von der Barmer GEK – einer Krankenkasse – gesponsert wird?

Noch 14 Kilometer. Wir haben die Autobahn verlassen und fahren die letzten Kilometer auf der B471. Links von uns liegt der mir wohlbekannte engelbert strauss workwearstore und ich bin versucht um eine Pause zu bitten, damit ich mir dort noch auf die Schnelle einen Neopren-Fatsuit mit eingebauter Webasto-Standheizung und Siebenmeilenstiefeln kaufen kann. Leider ist ja heute ein gesetzlicher Feiertag und der Laden hat zu. Wäre ja auch zu schön gewesen.

Noch 0,2 Kilometer. Wir sehen das Schild, welches uns darauf hinweist, dass wir unser Ziel erreicht haben. Die Regattastrecke Oberschleißheim liegt rechts von uns und ich stelle fest, dass mein Fluchtverlangen nachlässt. Anscheinend habe ich mich nun meinem Schicksal ergeben.

Nicole findet eine Parklücke, wir steigen aus, ich bekomme spontan Frostbeulen, steige gedanklich wieder ein, überwinde mich dann aber doch und hole meine Jacke aus dem Auto. Wie bescheuert das ist, bemerke ich erst später: In knapp einer Stunde werde ich mich eines Großteils meiner Bekleidung entledigen müssen und das erste, was ich beim Aussteigen mache, ist etwas anzuziehen? War blöd, habe ich selbst gemerkt.

Mudiator2016

Der Blick auf die Regattastrecke offenbart Böses: Laufparcours, Schwimmstrecke, Wasserrutschen – da wird einiges auf uns zukommen.

Zum Glück hatten wir keinen Fotoapparat dabei (der wäre eh ziemlich schnell ziemlich nass geworden), sodass ich mir ein Nachher-Foto ersparen kann. Auf dem Vorher-Foto, kurz vor dem Start der Ruderregatta, machen wir aber – wie ich finde – einen souveränen Eindruck!!

Über die Strecke kann ich nur sagen: Wahnsinn! Bei Temperaturen um den Nullpunkt (Luft) bzw. kurz vor Eisbildung (Wasser) 18 Kilometer durch die Pampa zu laufen, ständig nass, ständig am Limit, mit einem Puls bei 200 – das ist echt hart. Vor allem der Moment, als wir beschlossen haben, die Ruderstrecke nicht mit Schwimmreifen (wie vom Veranstalter gedacht) zu queren, sondern schwimmend ohne Reifen, gehört nicht zu den Höhepunkten meines Lebens. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass ich Johanna K. mein Leben verdanke, die mich mit ihrem Schwimmreifen auf die andere Seite gebracht hat, denn sonst wäre ich mit Beinkrämpfen im eiskalten Wasser untergegangen. Lektion des Tages: Selbstüberschätzung kann böse enden.

Die gesamte Tortur könnt ihr nacherleben, wenn ihr auf das folgende Foto klickt, der Link bringt euch auf die Polar Flow-Seite:

 

Feiertagsspaziergang

 

Aber: Wir sind angekommen und können auch an den Mudiator einen Haken machen.

Nächstes Ziel: Mal schauen…

Ach ja: Da ist das Ding!

Mudiator-Urkunde

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