4. Tag, Samstag, 04.11.2017: BANGKOK – Freizeit oder Ausflug

Ein freier Tag in der Hauptstadt. Oder mit Bengi auf einen Ausflug zu den beeindruckenden Tempelruinen der früheren Hauptstadt Ayutthaya. Und sich am Samstagabend ins Nachtleben stürzen? Klar – wir sind schließlich in Bangkok! Vom Streetfood-Dinner auf Plastikstühlen in den Gassen von Chinatown bis zum Clubbing in Südostasiens angesagtesten Locations ist hier alles möglich.

Ich bezichtige meinen Wecker lauthals – und mit wilden Beschimpfungen, die ich hier nicht wiederholen möchte – der Lüge als er klingelt, denn ich bin erst vor gefühlten fünf Minuten ins Bett gefallen. Innerhalb dieser fünf Minuten müssen aber auch diverse Tuk-Tuks über mein Bett gefahren sein, denn ich fühle mich wie gerädert. Aber alles Jammern hilft nichts: Ich habe mich für den Ausflug nach Ayutthaya angemeldet, also muss ich da jetzt auch durch. Während der Busfahrt merke ich, dass es den anderen genauso geht wie mir, nie zuvor ist es während einer Busfahrt so still gewesen.

Ich nutze die Ruhe um mich vorab schon mal ein wenig zu informieren, dann kann ich vor Ort vielleicht die ein oder andere mentale Auszeit nehmen.

Exkurs Ayutthaya: Geschichte

Wie wir bereits im Exkurs zu Bangkok gelernt haben, war Ayutthaya die zweite Hauptstadt Siams (1438-1767).

Die Stadt muss einmal sehr beeindruckend gewesen sein. Im 15. Jahrhundert war Ayutthaya größer als Paris oder London, um 1685 lebten in dieser Stadt mehr als eine Million Menschen. Überlieferungen zufolge waren europäische Besucher im 18. Jahrhundert überwältigt vom Glanz der Stadt und behaupteten nie etwas Ebenbürtiges gesehen zu haben, die Stadt wurde wegen ihres von prachtvollen Häusern und Palästen gesäumten Kanalsystems mit Venedig verglichen. Das war allerdings spätestens 1767 vorbei, als die Burmesen die Schwärmereien satt waren, vor Neid grün angelaufen mal kurz in Ayutthaya vorbeischauten und dabei die Stadt niedermähten: Tempel wurden zerstört, Kunstschätze von unschätzbarem Wert gingen für immer verloren; die Stadt wurde buchstäblich dem Erdboden gleich gemacht.

Vor einigen Jahren drohte die UNESCO, Ayutthaya den Status als Weltkulturerbe zu entziehen, wenn die Anlagen und Ruinen nicht besser gepflegt würden. Seitdem wird zumindest versucht, dem Verfall entgegenzuwirken.

Bereits wenige Kilometer jenseits der Stadtgrenzen von Bangkok eröffnet sich uns ein ganz anderes Thailand: Im Gegensatz zur Hektik der Großstadt scheint hier die Zeit stillzustehen, in der schier unendlichen Weite liegen versprengt einzelne Häuser, ab und zu taucht ein Dorf vor uns auf.

In Ayutthaya merken wir jedoch bereits bei Verlassen des Busses, dass sich eines nicht geändert hat: Das Klima. Die Luftfeuchte ist nach wie vor pervers, zusätzlich ist die Temperatur sprunghaft gestiegen. Die Sonne knallt erbarmungslos vom Himmel und wir haben das Gefühl bei lebendigem Leib gegrillt zu werden.

Ich kann mir vorstellen, dass Ayutthaya einmal eine beeindruckende Stadt gewesen sein muss, die Umrisse der Tempel sind stille Zeugen. Die Tempel in Thailand sind abgesehen vom Fundament komplett aus Holz gebaut und die Burmesen haben bei der Zerstörung der Stadt ganze Arbeit geleistet. Außer ein paar Steinhaufen ist daher leider nicht mehr viel zu sehen und welcher Steinhaufen einmal zu welchem Tempel gehört hat, kann ich auch nicht sagen.

In Ayutthaya angekommen laufen wir zum Wat Phra Si Sanphet, dem ehemals größten Wat der damaligen Hauptstadt. Mittlerweile ist die Anlage erstauntlich gepflegt, die Drohungen der UNESCO scheinen gefruchtet zu haben. An einigen Stellen werden derzeit rekonstruierte Strukturen wieder aufgebaut, aber insgesamt kann man wohl sagen: Wer auch immer in den vergangenen Jahrhunderten hier durchgepflügt ist, hat nicht einen Stein auf dem anderen gelassen.Von diesem Wat sind – abgesehen von drei Chedis – nur noch die Grundmauern erhalten, was aber völlig ausreicht um erahnen zu können, wie prunkvoll diese Stadt einmal gewesen sein muss.

Außer den Chedis sind lediglich noch eine Handvoll Buddhastatuen stehengeblieben, die eindrucksvollste davon ist sicherlich die 19 Meter hohe Statue im Wat Phanan Choeng, die von vielen kleineren Buddha-Figuren umrahmt und noch heute von vielen Thai verehrt wird.

Ich muss gestehen, dass ich irgendwann auch gar nicht mehr mitbekomme, wann und wo welcher Wat aufhört und der nächste beginnt, die Übergange sind praktisch fließend. Ansonsten verweise ich auf meinen Ayutthaya-Besuch im Jahr 2009.

Nun, da wir das heutige Pflichtprogramm hinter uns gebracht haben, habe ich noch drei Punkte auf meiner persönlichen Agenda: Ich möchte den Erawan-Schrein sehen, ich MUSS noch einmal auf die Khao San Road. Mit leerem Magen dürfte das allerdings ein eher kurzes Vergnügen werden, daher möchte ich vorher noch nach Chinatown.

In unserer Whatsapp-Gruppe schreibe ich meinen Plan und gebe Bescheid, dass jeder, der um 19:30h in der Lobby ist, herzlich eingeladen ist mich zu begleiten. Die verbleibende Zeit nutze ich um mich noch ein wenig frisch zu machen.

Als ich dann zur besagten Zeit die Lobby betrete, erwartet mich dort eine große Menschentraube: Tatsächlich ist die gesamte Reisegruppe erschienen. Einige möchten direkt nach Chinatown, ich verabrede mich mit ihnen um 21:00h am Chinatown Gate und ziehe mit den anderen los zur Hochbahnstation. Da wir mittlerweile echte Profis sind, läuft alles glatt und ehe wir uns versehen, stehen wir auch schon am Erawan-Schrein.

Exkurs: Geisterhaus

Es ginge an der Realität vorbei zu behaupten, dass alle Thai an Geister glauben. Dennoch findet sich vor fast jedem Wohnhaus ein Geisterhaus. Warum? Weil auf jedem Grundstück ein Geist wohnt. Wer also ein Haus baut, muss für den Grundstücksgeist ein neues Domizil errichten um diesen gütig zu stimmen. Und mal ganz ehrlich: Auch wenn ich nicht an Geister glaube, so möchte ich nicht der Einzige sein, der im Nachhinein Ärger mit seinem Grundstücksgeist bekommt.

Als in Bangkoks Innenstadt das Erawan-Hotel von einem ausländischen Konsortium errichtet wurde, haben die verantwortlichen Personen die Geister-Thematik nicht gekannt, vielleicht hat es sie auch nicht interessiert, so dass sie es als Aberglaube abgetan haben. Wie auch immer: Es wurde kein Geisterhaus gebaut. Die Legende besagt, dass es während der Bauarbeiten viele Probleme und auch Unfälle gab. Daraufhin wurde nachträglich ein Haus gebaut, das seither als Erawan-Schrein bekannt ist.

Nun ist es aber nicht damit getan, einfach nur ein kleines Häuschen zu errichten, vielmehr müssen einige Regeln beachtet werden:

Die Lage: Das Geisterhaus muss im Nord-Osten, Osten oder Süden des Grundstücks errichtet werden, und zwar so, dass es nicht durch das Wohnhaus beschattet wird.

Die Höhe: Es muss ein Podest geben, so dass das Haus mindestens auf Augenhöhe ist. Der Geist möchte schließlich beachtet werden.

Die Einrichtung: Ein Geisterhaus sieht meist aus wie ein kleiner buddhistischer Tempel, wobei „klein“ relativ ist: Manches Geisterhaus hat gar die Größe eines kleinen Wohnhauses. Ausgestattet ist es meist mit Opfergaben und magischen Figuren, davor brennen oft Räucherstäbchen.

Die Einweihung: Ein Geisterhaus wird, sobald es fertig gestellt ist, feierlich eingeweiht, denn der Grundstücksgeist möchte schließlich angemessen gewürdigt werden. Die Zeremonie findet an einem astrologisch errechneten Termin statt, jedoch niemals nach 11:00h, damit der Geist anschließend genügend Zeit zum Mittagessen hat. Baut man dem Geist eine schöne Bleibe und zeigt durch Einhaltung der Regeln seinen guten Willen, kann man darauf hoffen, dass der Geist auch für das Wohl des Haushaltes sorgt und Unglücke fernhält.

Der Erawan-Schrein ist das wohl bekannteste Geisterhaus Thailands. Als wir dort eintreffen, ist eine große Party in vollem Gange, eine Musikgruppe spielt traditionelle buddhistische Musik. Die Menschen drängeln sich um den Schrein, alle wollen ihre Opfergaben in den Schrein legen. Offensichtlich sind sie mit ihrem eigenen Grundstücksgeist nicht ausgelastet. Die Luft ist geschwängert von Räucherstäbchen und als ich einmal tief einatme, glaube auch ich den Grundstücksgeist zu sehen. Wir lassen die Atmosphäre einige Minuten auf uns wirken und nutzen die Gelegenheit um ein paar Fotos zu machen, dann brechen wir wieder auf: Wir sind nach einem langen Tag hungrig und können dem Ruf von Chinatown nicht länger widerstehen.

 

Zu Fuß und mit der U-Bahn fahren wir nach Chinatown. Als wir am Chinatown-Gate ankommen ist es bereits 21:15h, aber wir haben auch (ehemalige) Studenten in der Gruppe, die mit dem akademischen Viertel vertraut sind. Sie haben somit am Tor gewartet und wir finden uns auf Anhieb. Nach einem obligatorischen Gruppen-Selfie geht es auch schon los, wir stürmen das Stadtviertel. Hier reiht sich eine Garküche an die andere, ich bin zunächst erschlagen von den vielen verschiedenen Gerüchen. Uns wird bewusst, dass wir schon ziemlich lange nichts mehr gegessen haben und somit begeben wir uns auf die Suche nach einer Lokalität, die es mit zweiundzwanzig hungrigen Mägen aufnehmen kann. In einer Seitenstraße werden wir fündig: Die Garküche gehört einem Franzosen, die Ausstattung ist identisch mit der, die wir am ersten Abend hatten: Plastiktische und -stühle, Plastiktischdecken, Klopapierrollen auf den Tischen dienen als Serviettenersatz. Wir lassen uns nieder und bestellen die Karte einmal quer rauf und wieder runter. Das Essen ist reichlich, preiswert und schmeckt sehr gut. Einige lassen sich von den hygienischen Zuständen verunsichern, aber ich denke mir, dass man damit rechnen muss, dass eine Garküche kein Lebensmittellabor ist. Natürlich werden hier alle Teller mit dem gleichen Wasser gewaschen und die Handtücher, mit denen abgetrocknet wurde, haben auch schon mal bessere Zeiten gesehen. Aber ich behaupte einfach mal, dass es in manch einem deutschen Restaurant hinter verschlossenen Türen auch nicht anders zu geht. Nur, dass man es da halt nicht sieht. Wie gesagt: Das Essen schmeckt gut, das Bier auch, ich bin zufrieden.

Mit dieser Grundlage im Magen sind wir perfekt vorbereitet für das, was ich meinen Begleitern als nächsten Programmpunkt versprochen habe: Wir setzen uns in Tuk-Tuks und verabreden als Treffpunkt den Burger King an der Khao San Road. (In der Vergangenheit hat sich McDonald’s als böse Falle erwiesen, denn davon gibt es an beiden Enden der Straße je einen).

Was kann ich zu unserer Fahrt schreiben? Die Fahrt ist besser als jede bisher erlebte Achterbahnfahrt: Wer meint, ich würde fahren wie Sau, der hätte das mal miterleben müssen: Wenn beide Fahrspuren verstopft sind, was ist die logische Schlussfolgerung? Richtig: Die Gegenspuren sind noch frei, also benutzen wir doch diese. Wenn Gegenverkehr kommt, können wir immer noch schauen, wer der Stärkere ist (da wir in einem Tuk-Tuk saßen, wäre das im Zweifelsfall sowieso der Gegner gewesen).

Lichtanlagen und Geschwindigkeitsbegrenzungen dienen grundsätzlich nur als Handlungsempfehlung, ich konnte aber leider nicht ermitteln, nach welcher Formel sich die Höchstgeschwindigkeit errechnet. Zwei Vorschläge habe ich jedoch entwickelt:

1.) Höchstgeschwindigkeit = Geschwindigkeitsbegrenzung x Anzahl der Insassen

2.) Höchstgeschwindigkeit = Geschwindigkeitsbegrenzung x Anzahl der Reifen

Des Weiteren konnte ich herausfinden, dass der Wiederverkaufswert eines Fahrzeugs in Thailand deutlich höher ist, wenn die Blinker noch unbenutzt sind. Das muss der Grund sein, weshalb Blinker grundsätzlich nicht benutzt werden.

Zur Khao San Road habe ich ein Versprechen abgegeben, an das ich mich halten werde: Was auf der Khao San Road passiert, bleibt auf der Khao San Road. Was ich aber wohl sagen darf ist, dass wir königlich eskaliert sind und einfach eine verdammt tolle Zeit miteinander gehabt haben. Ich hoffe, dass wir das irgendwann mal wiederholen, gerne auch am gleichen Ort. Jeder, der schon einmal an diesem Ort war, kann wohl nachvollziehen, was wir dort erlebt haben.

Als wir mit dem Tuk-Tuk zum Hotel zurückkommen, ist es schon halb fünf und ich falle glücklich in eine gnädige Ohnmacht.

Es wurde Abend, es wurde Morgen, ein neuer Tag!

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