Go wild, freak out

Der Tag fängt schon toll an:

Um vier Uhr morgens klingelt der Wecker, also kurz nachdem ich schlafen gegangen bin. Die Arbeit ruft, Antreten ist auf sechs Uhr terminiert. „Herzlichen Glückwunsch“ denke ich mir, auch in dem Bewusstsein, dass der Tag nicht nur verdammt früh anfängt, sondern obendrein auch noch verdammt anstrengend wird. Ich quäle mich also aus dem Bett, mache mich fertig und bin pünktlich um fünf Minuten nach vier im Büro. Das klappt aber auch nur, da um diese Uhrzeit noch kein Bäcker aufhat und daher das Frühstück ausfällt. Der Tag zieht sich wie Kaugummi, und ich beschließe, die Mittagspause ausfallen zu lassen und dafür eine Stunde früher ins Wochenende zu starten.

So weit, so gut: Um kurz nach zwei verlasse ich das Büro, fahre nach Hause, tausche mein Auto gegen mein Fahrrad, fahre zur Avis-Mietstation und betrete das Büro. Mich erwartet ein mies gelaunter, hoch motivierter Mitarbeiter, der erstmal eine gepflegte halbe Stunde benötigt, um die Unterlagen fertig zu machen. Ich überlege kurz ihn zu fragen, warum ich überhaupt zwei Tage zuvor das Auto gebucht habe, wenn er doch jetzt gefühlte zwei Tage braucht, bis ich den Schlüssel in der Hand halte. Den bissigen Kommentar klemme ich mir, denn plötzlich ist er fertig, drückt mir den Schlüssel in die Hand, sagt mir, das Auto stehe „irgendwo draußen rum“ (ach nee!), und als ich schon fast draußen bin, höre ich noch so etwas wie „übrigens achthundertfünfzig Euro Selbstbeteiligung“. Moment! Aus gutem Grund habe ich doch im Internet die Super Cover-Option mit null Euro Beteiligung gebucht. Diese Äußerung meinerseits führt zu einem genervten Schnauben seinerseits und so dauert es noch einmal eine halbe Stunde bis ich den Schlüssel in der Hand halte. Diesmal sagt er mir freundlicherweise noch, dass „da einige Beschädigungen am Auto“ seien, unter anderem eine verkratze Felge vorne links. Aber das könne mir „ja jetzt egal sein, mit der Super Cover“. Kurz überlege ich, ihn zu fragen, warum ich da vorher (ohne die Versicherung) nichts von erfahren habe, aber erneut klemme ich mir den bissigen Kommentar.

Ich fahre also mit dem Auto nach Hause, packe schnell das gesamte bereitgestellte Zeug ein, kämpfe eine Ewigkeit mit dem eingebauten Navi, haue mir eine anständige Hardbass-Compilation auf die Ohren und dann geht es los. Als hätte ich es geahnt fahre ich – nachdem ich mich quer durch die Stadt und schon einige Zeit über die Autobahn gekämpft habe – auf den nächsten Rastplatz um mein Gepäck zu überprüfen. Überraschung: Die Luftmatratze fehlt! Also geht es wieder zurück nach Hause, die Luftmatratze wird eingepackt und die Reise beginnt wieder von vorne.

Die Autobahnen in Deutschland sind ein Krampf, denn wenn es keinen Stau gibt, dann gibt es zumindestens eine Baustelle. Ich übe mich somit in Sprit-sparender Fahrweise, die daraus besteht regelmäßig abrupt von 160km/h auf 90 km/h abzubremsen. Innerhalb einer gefühlten Ewigkeit schaffe ich es dann doch mal voranzukommen und irgendwann sehe ich auf der rechten Fahrbahnseite das vertraute IMAX-Kino und direkt daneben das Flugzeugmuseum, auf der linken Fahrbahnseite die Rhein-Neckar-Arena, gesponsert von meiner Lieblings-Software-Firma. Es ist Zeit für eine kurze Pause, also verlasse ich die Autobahn und steuere den Kaufland an, um noch einen Sixpack Wasser zu kaufen. Immerhin ist es in den letzten sechs Jahren zur Tradition geworden, dass ich auf der Nature One morgens mit Saskia dusche, und so soll es auch dieses Jahr sein.

Als ich schwer bepackt mit jeder Menge wichtiger Dinge (u.a. Pappteller, Plastikgeschirr – eben alles, was man für ein umweltfreundliches Campingwochenende so braucht -, totem Tier, Sagrotan usw.) den Supermarkt verlasse und mich meinem Auto nähere, bemerke ich, dass die Fahrertür meines Autos total im Ar*** ist und überhaupt nicht mehr richtig schließt. In dem Moment kann ich einfach nicht anders: Ich muss grinsen und denke mir: Kann mir ja jetzt egal sein, mit der Super Cover. Nachdem ich den Schaden eine Weile bewundert habe, setze ich meine Reise fort. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass mich ein ungutes Gefühl nach einer halben Stunde auf den Rastplatz treibt… Und richtig: Mein Portemonnaie ist unauffindbar, muss mir wohl aus der Tasche gefallen sein. Aber da ich Sinsheim ja wirklich sehr schön finde, fahre ich doch mit Freuden noch einmal zurück zum Kaufland!

Nach mehreren Auseinandersetzungen mit dem Auto und dem darin eingebauten Navi erreiche ich nach einer Ewigkeit die Pydna. Doch halt! Da hatte ich wohl einen Wunschtraum, daher hier noch einmal die ausführliche Langfassung: Wie gesagt, ich habe unterwegs einige Auseinandersetzungen mit dem Navi und irgendwann beschließe ich, dass wir getrennte Wege gehen. Das ist okay, schließlich wird das Festival mittlerweile großflächig angekündigt: sowohl die Polizeikontrollen als auch die riesigen Schilder weisen mir den Weg. In Extase lasse ich mich treiben und passiere ungehindert die erste Kontrolle. Stutzig werde ich, als ich die zweite Kontrollstation passiere und plötzlich ganz alleine bin auf meiner Fahrbahnseite – dafür kommen mir haufenweise Autos entgegen. Na toll, da habe ich es doch tatsächlich geschafft, mich im siebten Jahr erstmals zu verfahren. Wobei „verfahren“ gar nicht der richtige Ausdruck ist, immerhin bin ich komplett an der Pydna VORBEIgefahren. Sch**ße, verdammte! Den Umweg hat der Tank meines Autos auch schon bemerkt, denn die Kontrollleuchte geht an und fordert mich auf, unverzüglich für Nachschub zu sorgen. Halten wir also fest: bei einer Strecke von vierhundertfünfzig Kilometern können schon mal knappe sechzig Liter durch den Motor laufen!

Das ich gerade richtig genervt bin, ist blöd, denn auf dem Rückweg von der Tankstelle Richtung Pydna werde ich auf der Straße plötzlich angehalten und schon leuchtet mir jemand mit der Taschenlampe ins Gesicht – die traditionell alljährlich stattfindende Fahrerüberprüfung hat mich mal wieder als Freiwilligen ausgewählt. Der Lichtstrahl wandert von meinem Gesicht langsam durch das Auto und da passiert es: Unaufhaltbar bahnt sich etwas den Weg meine Kehle hoch, die Synapsen in meinem Gehirn arbeiten auf Hochtouren und jagen Signale durch meinen Körper, verzweifelt bemüht, das Schlimmste zu verhindern, ich bekomme feuchte Hände und Schweiß rinnt meine Schläfen herunter, die Pulsader fängt an zu vibrieren, doch egal wie sehr ich mich doch in diesem Moment bemühe, es zu unterdrücken, es gelingt mir nicht. Und dann passiert es: „Entschuldigung, aber dieses Jahr habe ich mein Auto leider nicht für Euch aufgeräumt“. Zack, voll auf die Zwölf, und schnell noch einhundert Gummipunkte auf der Blödheitsskala mitgenommen. Merke: Niemals blödschnacken gegen einen Polizisten, der (naturgemäß) in der besseren Verhandlungsposition ist. Und so kommt, was kommen musste: „Na, dann macht es ja jetzt auch nichts mehr aus“. Im nächsten Moment stehe ich auch schon am rechten Fahrbahnrand, alle Türen und den Kofferraum offen und habe ausgiebst Zeit, die Natur zu genießen, denn bei der Fahrzeugkontrolle lassen sich die feinen Herren nun natürlich Zeit…

Als ich weiterfahren darf, ist es so weit: Ich sehe es: Diese Anmut, mit der sich die Autos in friedlicher Eintracht vereint durch die Natur schlängeln, dieses Gefühl, das mir sagt: „Du bist ein Teil des Ganzen“, die wummernden Bässe, die durch die unberührte Natur wabern, im Hintergrund die Lichtblitze, die den Nachthimmel durchzucken und mir zurufen:“ Komm hierher, komm ins Licht“. Die Fahnen, die unaufhörlich an den Fahrzeugen wehen und mir den Weg ins dreizehnte Land weisen, es ist alles so perfekt! Auch wenn ich weiß, dass ich hier noch einige Stunden verbringen werde, bevor ich das Camping Village erreiche: Ich werde wild, ich flippe aus, so sehr möchte ich ein Teil von ihm sein: dem schönsten Stau der Welt!

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