Florian Illies – Anleitung zum Unschuldigsein

Anleitung zum UnschuldigseiinEs mag unkonventionell sein, dass ich zunächst über Walter van Rossum schreibe, zumal es doch eigentlich um das Buch „Anleitung zum Unschuldigsein“ von Florian Illies geht.
Ich möchte zunächst klarstellen, dass ich Walter van Rossum generell für seine exzellenten Literaturkritiken schätze. Umso mehr klingt das, was er über dieses Buch schreibt, wie der Trotz eines kleinen Schuljungen, der von seinen Klassenkameraden ein Mal zu viel kopfüber in die Mülltonne gesteckt wurde.
So heißt es, Walter van Rossum halte dieses Buch „für nichts weiter als „kreischende Kindergartenausflüge des schwarzen Humors“. Und Rossum geht noch weiter: Jegliche Anerkennung ist zu viel des Guten für einen „dumpfen Zeitgenossen“, in dessen „Gedankendschungel“ Rossum einfach „überhaupt nichts zum Lachen finden konnte“ (aus der Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 31.01.2002).

Ich persönlich beziehe mich bei diesem Buch lieber auf andere Rezensionen, denn auch ich halte es für „eine hochkomische Lektüre“ („Die Welt“), „ein Buch, das man auswendig lernen sollte“ („Rheinischer Merkur“). Meiner Meinung nach wäre die Welt ohne Bücher dieser Art ein Stück ärmer, denn was gibt es schöneres als sich im Zug sitzend bei der Lektüre wahren Lachkrämpfen hinzugeben, während man gleichzeitig auf schmerzhafte Weise ein wenig sich selbst im Gelesenen wiederfindet?

Neben der Schreibweise ist es vor allem der Aufbau, der dieses Buch so lesenswert macht: Das Buch ist episodisch aufgebaut, jedes Kapitel verfügt dabei über eine vorangestellte Überschrift und eine angehängte „Übung“.

Meine persönlichen Favoriten dabei sind:

Kapitel 18: „Heute fühle ich mich schlecht, weil ich ein weißes T-Shirt von Boss trage“ mit der abschließenden Übung:

„Heute tragen wir ein T-Shirt aus den Armeebeständen der israelischen Fallschirmspringerinnentruppe und stürmen damit in die Botschaft Syriens. Dann verteilen wir dort Kopftücher mit der Aufschrift „6-Tage-Krieg. Ich war dabei“

Kapitel 14: „Heute schäme ich mich, weil es mir gut geht“ mit der abschließenden Übung:

„Heute fahren wir mit einem Mercedes der S-Klasse mit einem Sylt-Aufkleber auf dem Heck in ein brandenburgisches Dorf, wohnen dort in der Suite des Schlosshotels und fahren im Schritttempo durchs Dorf. Wenn wir einen Dorfbewohner sehen, lassen wir mit dem automatischen Fensterheber die getönte Scheibe etwas herab und überreichen ihm einen Aufkleber mit dem Hinweis „Eure Armut kotzt mich an“. Dann fahren wir langsam weiter.“

Florian Illies: Anleitung zum Unschuldigsein, Argon Verlag, Berlin (2001), 253 Seiten. 9,- Euro.

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