Kesha, oder: Wieviel Schrott erträgt die Menschheit?

Jeder, der mich etwas besser kennt, weiß um meinen recht gewöhnungsbedürftigen Musikgeschmack.
Ein Radio besitze ich nicht und auch im Auto laufen bei mir nur CDs, und das aus dem einfachen Grund, dass das, was man geläufig als “Charts” bezeichnet und somit von morgens bis abends durch den Äther geprügelt wird, im Grunde je nach Tagesform bei mir entweder Ausschlag oder blutende Ohren auslöst.
Natürlich gab es schon immer musikalischen Schrott den die Menschheit zu ertragen hatte. Vor 250 Jahren zum Beispiel hieß die Band “Johann Strauss und Familie” und war nur unter Zuhilfenahme bewusstseinserweiternder Drogen zu ertragen. Doch die Relation von Schrott zu wirklich brillanten Meistern der Musik fiel deutlich zu Gunsten der Qualität aus.
Mittlerweile hat man (meines Erachtens nach) lediglich noch die Wahl zwischen Not und Elend; die “Künstler”, bei denen zahnspangenbehaftete Teenies in Ekstase verfallen und in Konzerten reihenweise umfallen, stammen zu einem hohen Prozentsatz aus der Retorte, einzig geschaffen um einem Fernsehsender ein lukratives Zusatzgeschäft zu eröffnen. Dementsprechend ist die Qualität der Musik und der Künstler – austauschbar ohne merkliche Verluste. Stirbt eine Band stehen die Teenies wieder auf um kurz darauf bei der nächsten Band erneut umzufallen. Im Vordergrund stehen erstaunlicherweise die Personen; gut aussehen müssen sie und ein dramatisches Schicksal vorweisen können, das scheint die Eintrittskarte ins Showgeschäft.
Wer weiß eigentlich noch, wie Beethoven aussah? Eine Schönheit war er nicht, aber das war völlig egal, denn er begeisterte noch durch seine Musik. So ändern sich die Zeiten…

Ich dachte immer, dass ich mit meiner Meinung relativ alleine bin. Ernsthaft beeindruckt war ich daher von der Rezension, die ich neulich über das neue Album von Kesha im Stern gelesen habe.
Was schreibt man über ein Album, über das es eigentlich nichts zu sagen gibt? Über das man nicht einmal sagen kann, dass es schlecht ist, weil man damit alle bisher als schlecht bezeichneten Alben beleidigen würde? Die Zeilenvorgabe des Chefredakteurs auf diese Art zu erfüllen ist das eine, ihm diese Rezension vorlegen, dazu gehört schon eine Menge Mut.
Vielleicht hat sie mich gerade deswegen so beeindruckt, weil endlich mal ein Journalist in einem weit verbreiteten Magazin das schreibt, was ich mir zu der Musik von heute schon lange denke.

Hier also die Rezension des Stern zum Album von Kesha:

Kesha AnimalNutzwertjournalismus jetzt!
Was braucht man für eine gute Party? Menschen, Musik, Getränke, Nudelsalat. Für Menschen und Biercolasoda müssen Sie schon selbst sorgen, bei der Musik aber empfehlen wir, unbedingt zu Kesha zu greifen, wenn Sie selbst das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben oder einfach was Lautes, Buntes für die Kinderdisco Ihrer lieben Kleinen suchen.
Erwachsene dürfte Keshas penetranter, autotunesverseuchter Partypop zwischen Lady Gaga und Pixie Lott so dermaßen nerven, dass sie Trost in maß­loser Völlerei suchen könnten.
Seien Sie vorbereitet!

Kochen Sie 500 Gramm Spaghetti bissfest. Dazu ein Sud aus 9 Esslöffeln Sonnenblumenöl, 6 EL Essig, 6 EL Zitronensaft, 6 EL Sojasauce, 2 EL China-Gewürz, 1 EL Zucker, 3 feingehackten Zwiebeln. Schneiden Sie 3 Stangen Lauch in dünne (!) Streifen, ver­mischen Sie alles und lassen Sie es dann vier, fünf Stunden im Kühlschrank ziehen. Erst kurz vor Kesha geben Sie 200 Gramm gekochten Schinken in dünnen Streifen dazu und garnieren mit 6 geviertelten Eiern und 6 geviertelten Tomaten.
Jetzt haben Sie was über ein blödes Partyalbum erfahren und sind zusätzlich im Besitz des Rezeptes für den weltbesten Partysalat. Gern geschehen!

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