La Bohème Live@MET New York

Gestern war ein historischer Augenblick.

La BohemeEs ist nicht so, dass die Welt stehen geblieben oder sonst etwas von der Menschheit im Allgemeinen zur Kenntnis genommen wurde, das möglicherweise Folgen ungeahnten Ausmaßes nach sich gezogen hätte.
Nein, so war es nicht.
Obwohl bei dem ein oder anderen gestern Abend kurzzeitig das Herz stehen geblieben sein dürfte, angesichts der Nachricht, die uns kurz nach sieben Uhr übermittelt wurde. Doch ich spule noch mal einen klein wenig zurück:
Geplant war, in der Metropolitan Opera Zefirelli’s Inszenierung von Puccini’s „La Bohème“ anzuschauen, und zwar mit Vittorio Grigolo als Rodolfo und Anita Hartig als Mimi.
Soweit die Theorie.
Pünktlich zu Vorstellungsbeginn betritt Peter Gelb, der Managing Director des Hauses die Bühne und eröffnet dem Publikum, dass Anita Hartig nicht auftreten kann, da sie an der Grippe erkrankt ist. Diese Nachricht hat das Opernhaus am frühen Morgen erreicht.
Das war die schlechte Nachricht, die von einem plötzlich totenstillen Publikum aufgenommen wird.
Und dann, ein Lächeln umspielt seinen Mund, teilt er uns die Sensation mit: Die Verantwortlichen haben Kristine Opolais gefragt, ob sie die Mimi als Vertretung singen könnte. Kristine Opolais! Ich bin fassungslos!
Dazu muss man wissen, dass Kristine Opolais gerade erst am Vorabend ihr MET-Debüt in der Titelrolle  der „Madama Butterfly“ von Puccini gegeben hatte. Nun sollte sie also innerhalb von gerade einmal 18 Stunden zwei Titelrollen von zwei verschiedenen Puccini-Opern singen und dabei auch noch zwei Mal sterben. Was für ein grandioser Einstand an der MET! Das eigentlich Charmante an der ganzen Sache ist ja eigentlich, dass sich die beiden Hauptcharaktere in dem Stück zufällig begegnen und sich bei dieser ersten Begegnung spontan in einander verlieben. Nun ist es so, dass sich Kristine Opolais als Mimi und Vittorio Grigolo als Rodolfo bei dieser Aufführung tatsächlich zum ersten Mal begegneten. Eine wahnsinnige Spannung – sowohl im Publikum, als auch hinter der Bühne bei den Verantwortlichen, als auch auf der Bühne zwischen Opolais und Grigolo! Würde alles gut gehen?
Es ist ja nicht so, dass die Rolle der Mimi für Opolais unbekannt gewesen ist – immerhin hat sie diese bereits an der Wiener Staatsoper, an der Berliner Staatsoper und an der Lettischen Nationaloper gesungen.
Aber so? Wenn sie um sieben Uhr morgens die Nachricht bekommt, und die Vorstellung (im Übrigen eine Matinée) um elf Uhr beginnen soll, dann ist da objektiv betrachtet nicht viel Zeit: Das Kostüm muss angepasst, die Maske instruiert und umgesetzt, die anspruchsvolle Inszenierung als Trockenübung durchgegangen werden. Und den Text sollte Madame ja dann auch parat haben. Alles in Allem kann ich nur sagen: Chapeau! Das war ganz große Oper, und zwar von allen Beteiligten! Und, auch wenn Kristine Opolais, die mir bisher nur als Angetraute des Dirigenten Andris Nelsons bekannt war, eine beachtliche Leistung abgeliefert und sich damit für immer in den Annalen der Metropolitan Opera verewigt hat: Wirklich warm geworden bin ich mit ihr nicht. In der Rolle war sie überzeugend, im Interview zwischen dem zweiten und dritten Akt hat sie aber eine Menge Sympathiepunkte liegen lassen.

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Umso bezaubernder war, sowohl in der Inszenierung als auch – und vor allem dort – während des Interviews, die umwerfende Susanna Phillips, die wohl charmanteste Sopranistin, die die Musikwelt zur Zeit zu bieten hat!

Ebenfalls Erwähnung finden soll die überragende Leistung der Bühnenbauer: Erstmals seit dem „Rosenkavalier“ sind wieder alle drei vorhandenen Bühnenwagen im Einsatz, in den

zwanzigminütigen Pausen schwitzen dutzende Menschen, um die Standortwechsel zwischen der Mansarde und den damit einhergehenden Szenen über den Dächern von Paris auf der einen Seite, und den verschneiten Winterszenen (für die tatsächlich die perfekte Winterillusion mit mannshohen Schneebergen auf der Bühne geschaffen wurde) auf der anderen Seite hinzubekommen.

Mit (bzw. wohl eher: für) Zefirelli zu arbeiten soll ja bekanntlich kein Spaß sein, aber ich als Zuschauer kann nur sagen: Gebt mir mehr davon! La Bohème an der MET 2014 – wer die Chance hat, muss es sich anschauen!

 

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