Caminho Português – Tag 4: Von Ponte de Lima über Rubiães und Valença nach Tui

Mein Wecker verrichtet seinen Dienst um 05:00 Uhr, woran ich mich langsam gewöhne. Sofort hellwach spitze ich meine Ohren und vernehme ein konstantes Rauschen: Es regnet, und zwar nicht nur ein wenig, sondern mal so richtig.
Das ist aus mehreren Gründen blöd:
1)    Ich muss heute die Bergetappe absolvieren und das ist bei Regen nicht einfacher.
2)    Meine Wäsche, die ich gestern nach draußen gehängt habe, hängt auch jetzt noch immer draußen.
3)    Die Backup-Kleidung, sprich meine dritte Hose und mein drittes Funktionsshirt, habe ich gestern mit der Post heimgeschickt.
Widerwillig packe ich die nassen Klamotten in eine Plastiktüte und verstaue diese ganz unten in meinem Rucksack. Die 1,8 Kilogramm Gepäck, die ich gestern verschickt habe, transportiere ich jetzt doch wieder, diesmal allerdings in Form von Regenwasser.

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So sieht der Weg also bei Tageslicht aus. Damit erklärt sich mir auch die Beschreibung im Wanderführer. Im Dunkeln ist da einfach… nichts. Einfach nur Dunkelheit.

Es ist noch stockdunkel als ich losziehe und das wird zu einem echten Problem, denn ich sehe absolut überhaupt nichts. Somit bediene ich mich halt der alten Chirurgenweisheit „Wo sehen nicht geht, ist fühlen keine Schande“ und taste mich voran. Die Wegbeschreibung beginnt mit einem Feldweg: „Er wird zum Pfad neben einem Bach, dann geht es kurz über Trittsteine neben einer Mauer weiter zu einem Feldweg.“ Ich ertaste mit den Füßen den Feldweg und folge ihm. Kurz bevor ich dagegen laufe, bemerke ich vor meinem Kopf eine Wand, die sich bei genauerer Untersuchung als Tunnel entpuppt, der erstens nicht in der Wegbeschreibung vorkommt und zweitens nur etwa 1,60 Meter hoch ist. Dass ich da durch muss, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Mit den Händen taste ich nach links und rechts und fühle links von mir in Schulterhöhe die Trittsteine. Also bin ich wohl die ganze Zeit durch das Bachbett marschiert! Etwa eine halbe Stunde später ist es dann hell genug um wenigstens annähernd die Pfeile erkennen zu können.
In Ponte de Lima habe ich in der Herberge einen Prospekt von einer Fischfarm („Pescaria“) mit angeschlossenem Café gesehen, die wohl auf der heutigen Etappe liegen soll – ein perfekter Ort für ein Frühstück. Die Uhr zeigt 06:50 Uhr an, als ich die Tore der Pescaria erreiche, laut Infotafel öffnet sie um 07:00 Uhr. Ich beschließe daher zu warten, denn ein Kaffee wäre jetzt echt gut, alleine schon, weil es sich um ein warmes Getränk handelt, dass ich an einem trockenen Ort zu mir nehmen kann, wobei vielleicht auch meine Kleidung ein wenig trockener wird. Ich warte bis 07:00 Uhr, ich warte bis 07:10 Uhr, um 07:20 Uhr gehe ich weiter, der Laden hatte immer noch nicht geöffnet. „Fünf Minuten vor der Zeit ist des Soldaten Pünktlichkeit“ heißt es doch so schön bei uns Deutschen. Bei den Portugiesen wohl eher: „Kommste heut‘ nicht, kommste morgen“.
Die nächste Chance auf einen Kaffee werde ich erst wieder in Codeçal haben und zwar in etwa sechs Kilometern. Ich schalte also mein Hirn wieder aus und laufe die kommende Stunde auf Autopilot. Bis Codeçal gibt es absolut gar nichts, wobei Codeçal auch nicht mehr ist als ein kleiner, gerade mal aus einer Handvoll Häusern bestehender Weiler.
Das Café ist… nun ja, ich sage es mal so: Normalerweise würde ich sofort wieder rückwärts rausgehen. Es stinkt erbärmlich, der Schimmel hat sich in (wahrscheinlich jahrelanger) penibler Kleinarbeit die Wände herabgearbeitet. Aber es gibt Kaffee. Dazu bestelle ich mir ein Plundergebäck als letzte Stärkung vor der Ochsentour. Dann nehme ich noch zwei Flaschen Nektar, zwei Flaschen Wasser und eine Dose Coca-Cola aus dem Kühlschrank. Um die Zeit zu nutzen breite ich meine triefendnassen Sachen – soweit möglich und hygienisch vertretbar – aus und lasse mir mein Frühstück schmecken.

Nach etwa einer halben Stunde packe ich alles zusammen und laufe los, nur um eine halbe Stunde später festzustellen, dass ich die Cola vergessen habe. Nachdem ich kurz darüber nachgedacht habe zurückzulaufen, muss ich über mich selbst lachen und gehe weiter in Richtung Bergetappe.
DSC_0657Und dann geht es auch schon los: Unerbittlich kündigt sich der Alto da Portela Grande de Labruja an. Was im Wanderführer lapidar auf acht Zeilen abgefrühstückt wird, stellt sich als dreistündige Tortur dar: Ständig geht es steil bergauf, mal auf Kopfsteinpflaster, mal sprichwörtlich über Stock und Stein, meist jedoch durch zentimeterdicken Schlamm. Dazu regnet es unnachgiebig. Kein Wunder, dass dieser Ort Labruja heißt, bedeutet das doch so viel wie „mühsam“. Nomen es omen, sag ich da nur!

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Das Franzosenkreuz (Cruz dos Franceses): Für die einen ein magischer Ort, für die anderen eine Möglichkeit Müll zu entsorgen. Den unten am Berg zu lassen wäre sinnvoller gewesen.

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Dostojewski’s „Verbrechen und Strafe“ hier liegen zu sehen ist schon episch. Die letzten Kilometer habe ich mich mehrfach gefragt, was ich wohl verbrochen habe um mit dieser Ochsentour bestraft zu werden. Vielleicht hilft dieses Buch ja weiter…

Nach einer Ewigkeit erblicke ich links des Weges das Cruz dos Franceses, das Franzosenkreuz, an dem Pilger traditionell Steine und Erinnerungsstücke ablegen. Unter anderem liegt dort das Buch „Verbrechen und Sühne“ von Dostojewski und angesichts der hinter mir liegenden Tortur muss ich darüber lachen. Was mich stutzig macht: Dort liegt auch eine Hose auf dem Boden und ich stelle mir spontan die Frage, wer zum Teufel so bescheuert sein kann seine Hose zu vergessen. Eine weitere Viertelstunde später habe ich eine Steilwand bezwungen und bin am höchsten Punkt angekommen.
Da Worte die hinter mir liegenden zwölf Kilometer kaum angemessen beschreiben können, möchte ich es mit einem bekannten Vergleich versuchen: Kurz nach der Schneeschmelze mit zwölf Kilogramm Gepäck auf dem Rücken durch knöcheltiefen Matsch den berühmten Hahnenkamm rauflaufen, das dürfte in etwa einen Eindruck vermitteln. Um nachvollziehen zu können wie ich mich dabei gefühlt habe, lauft den Hahnenkamm mit Gepäck einfach rückwärts hinauf.
Von jetzt an geht es erstmal bergab, mäßig zwar, aber immerhin. Etwas mehr als eine Stunde laufe ich, belohnt durch eine wunderschöne Aussicht über das Tal in Richtung Agualonga. Bis Rubiães ist es dann praktisch nur noch ein Spaziergang und so stehe ich um 10:30 Uhr nach viereinhalb extrem herausfordernden Stunden vor der Herberge.

Was ich mir vorher hätte überlegen sollen, ist, was ich nun gedenke bis 13:30 Uhr zu tun, dann beginnt nämlich erst der Check-In in die Herberge. Ich schaue mich um: Vor mir die Herberge, rechts ein kleines Café, links von mir; nichts. Na toll! In der Hoffnung jemanden zu finden, bei dem ich meinen obligatorischen Stempel abholen kann, laufe ich einmal um die Herberge herum. Als ich eine angelehnte, aber tendenziell offene Tür finde, verstehe ich als alter Geocacher das als schriftliche Einladung. Ich öffne die Tür, was von einem schauerlichen Quietschen der Scharniere begleitet wird, und trete ein.
Mir wird sofort unwohl. Von der Decke hängt an einem Stromkabel eine einfache, sehr dreckige Glühbirne herunter, die nur ein fahles Licht spendet. Ich vernehme ein leises, regelmäßiges Klacken, dass von einem Falter verursacht wird, der hektisch um die Lichtquelle kreist und gelegentlich dagegen fliegt. Abgesehen von der einen Glühbirne ist es dunkel in dem Raum. Rechts von mir steht ein Herd, auf dem in einem Kessel Wasser kocht.

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Vielleicht tue ich ihr ja auch Unrecht und sie sieht ganz normal aus. Wäre das Licht angegangen und ich hätte so etwas vor mir gesehen – ich wäre auf der Stelle tot umgefallen. Darauf möchte ich es nicht ankommen lassen und suche schnellstmöglich das Weite.

Hinten links an der Wand geht eine Tür auf, eine gebückte Person betritt fast lautlos den Raum. Sie kommt schlurfend auf mich zu und schaut mich aus leeren tiefschwarzen Augen ausdruckslos an. In diversen Internetforen habe ich im Vorfeld meiner Reise gelesen, dass die Hospitaleros größtenteils für begrenzte Zeit ehrenamtlich arbeiten. Da ihnen oft die Erfahrung fehlt und/oder sie die Tätigkeit unterschätzen, sind viele nach wenigen Wochen total ausgebrannt. Wenn Burnout einer Definition bedürfte – sie stünde gerade leibhaftig vor mir. Soweit die reflektierte Bewertung der Situation, in dem Moment ging mir – das muss ich zugeben – ganz schön die Pumpe. Ohne jemals auch nur eine Folge der Serie gesehen zu haben: So stelle ich mir „The Walking Dead“ vor.
Da ich keine große Lust verspüre als x-beliebige Nebenrolle in einem Horror- oder Splatterfilm zu enden, die vom Publikum für ihre spektakuläre Art des Ablebens gefeiert wird, bleibt mir eigentlich nur eine Alternaive: Ich muss weg von diesem Ort, und zwar so schnell wie möglich, und das, obwohl ich schon eine quälende Bergetappe hinter mir habe.
Auf die vergangenen 18 Kilometer von Ponte de Lima folgen nun also weitere 19 Kilometer von Rubiães nach Valença do Minho. Ich laufe durch eine Gegend, die der Wanderführer als „das weit gestreute Rubiães“ beschreibt und nehme langsam aber sicher den nächsten Anstieg in Angriff. Es läuft jetzt richtig rund, was wohl auch an der Gewissheit liegt, nun in regelmäßigen Abständen in einer Herberge unterkommen zu können – auf den vergangenen 18 Kilometern gab es diese Möglichkeit nicht.

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Stets mein treuer Begleiter: Die Römerstraße XIX.

Nachdem ich heute Morgen in Ponte de Lima so früh gestartet bin, dass ich alleine unterwegs war, sind mir nun die Pilger aus Rubiães um mindestens zwei Stunden voraus, so dass ich wieder keine Menschenseele antreffe.
Auf dem Gipfel in São Bento da Porta Alberta angekommen sehe ich zwar die dortige Kapelle, scheine aber die dortige Herberge verpasst zu haben. Jedenfalls befinde ich mich schon wieder im Abstieg und laufe strammen Schrittes auf Paços zu. Über Gontumil, Pereira und Fontoura erreiche ich Paços dann auch nach etwa zwei Stunden, lasse die Herberge links (oder war es rechts?) liegen, überquere die wirklich schöne Ponte Romana de Pedreira und tausche kurz danach die alte Römerstraße XIX gegen ein unspektakuläres Industriegebiet ein.
Mit Übertreten der Stadtgrenze von Valença verliere ich vollkommen die Orientierung. Mit Händen und Füßen frage ich mich durch und halte jedem, der mir begegnet, die Adresse der Herberge von Valença unter die Nase. Die Herberge selbst kennt (natürlich) kaum jemand, wohl aber die Feuerwehrstation, die sich gleich daneben befindet. Na also, geht doch!

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Die Festungsanlage von Valença birgt ein kleines Juwel: Eine schöne Stadt, in der das Leben pulsiert. Leider hatte ich hier nicht viel Zeit zum Verweilen, werde aber bestimmt noch einmal hier herkommen.

Kurze Zeit später halte ich meinen Pilgerpass in den Händen und erhalte einen Stempel in der Herberge. Als ich aus dem Fenster schaue, sehe ich die beeindruckende Festungsanlage von Valença, die mir nur darauf zu warten scheint von mir erobert zu werden.
Durch nahezu alle Jahrhunderte hindurch haben sich die unterschiedlichsten Völker um diese Stadt geprügelt und die Portugiesen konnten sich aufgrund der beeindruckenden Fortaleza stets behaupten. Noch heute ist Valença eine der größten und am besten erhaltenen militärischen Anlagen Portugals. Die Herausforderung nehme ich an und stürme los. [Das ist die literarische Version, gut, dass es keine Film- oder Fotoaufnahmen meines „Sturms“ gibt.]
Valença ist die erste wirklich schöne Stadt seitdem ich Porto verlassen habe. Die Straßen sind voll von Menschen, das Leben pulsiert und ich bin mitten drin – halbtot zwar und leider viel zu kurz, denn nach etwa zwanzig Minuten habe ich die Fortaleza auf der anderen Seite schon wieder verlassen und lauf über die Ponte Internacional, die den Grenzfluss Rio Minho passierbar macht.

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Ein emotionaler Moment: Nach einer Mörderetappe verlasse ich Portugal und mache mich auf den Weg zu meinem Etappenziel, der Herberge von Tui.

Nun also in Spanien angekommen, stelle ich zuallererst meine Armbanduhr auf spanische Zeit um und laufe die letzten zwei Kilometer bis zur Herberge in Tui. Kurz vor dem Ziel gehe ich auf den Treppenstufen der Kathedrale demütig in die Knie. Nach vierzig Kilometern und neun Stunden Wanderung – zweimal das Hochgebirge raus und wieder runter – bin ich total am Ende, als ich die Türe zur Herberge öffne. Wie üblich bei der Anmeldung gebe ich der Hospitalera meinen Pilgerpass um den obligatorischen Stempel zu erhalten. Sie schlägt das Heft auf, schaut es an, schaut mich an, setzt ihre Brille auf, schaut meinen Pass an, steht auf, kommt zu mir her, greift prüfend erst an meine Oberschenkel, dann an meine Waden, und sagt: „Stupido!“. Besser hätte ich es nicht zusammenfassen können.
Ich suche mein Bett auf, lasse mein Zeug fallen und humple zur Dusche, die ich nach etwa einer Viertelstunde als neuer Mensch verlasse. Bei der anschließenden ausgiebigen Stadterkundung sehe ich Sylvia und Dorian an einem Tisch vor einem Café sitzen. Die beiden habe ich am ersten Abend im Kloster bereits getroffen. Sie winken mich her und laden mich ein an ihrem Tisch Platz zu nehmen, was ich auch gerne tue. Nach einem gemeinsamen Abendessen kehre ich in die Herberge zurück und falle tot ins Bett.

Die Catedral de Santa Maria – das erste und letzte, was ich an diesem Tag von Tui sehe. Seit 1120 steht sie hier und trotzt wacker der Trutzburg Valença auf der anderen Seite des Rio Minho.

Es war Abend, es wurde Morgen – ein neuer Tag!

 

 

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