Unterwegs an einem Feiertag

Mannomann, das war mal ein Wochenende…

Mittlerweile habe ich meinen Platz im IC2295 von Frankfurt nach München eingenommen und komme ein wenig zur Ruhe. Der IC ist (mal wieder) maßlos überfüllt und ich bin froh, dass ich mir beim Fahrkartenkauf auch eine Sitzplatzreservierung gegönnt habe. Zu sehr hat sich wohl das Drama in meinem Kopf festgebrannt, das ich erleben musste, als ich neulich im EuroCity ins Rheinland fuhr, mich auf die Aussage der sympathischen Mitarbeiterin am Bahnschalter verlassend, die meinte: „Nein, sie brauchen nicht reservieren, da ist mehr als genug Platz in dem Zug“ (wobei ein leicht überhebliches, dennoch sympathisches Lächeln ihre Lippen umspielte). Schön, habe ich mir gedacht, – und viereinhalb Stunden im Zug gestanden, aus Ermangelung von Sitzplätzen. Mag ja sein, dass in dem Zug genügend Sitzplätze frei waren, allerdings war das bestimmt am Vortag auf irgendeiner Verbindung durch das Hinterland von Mecklenbug-Vorpommern. Jedenfalls nicht auf dieser Strecke.

Nun sitze ich also hier wie gewünscht an einem Vierertisch mit Steckdose (meine Lebensversicherung auf langen Zugreisen), ärgere mich über meine eigene Blödheit (habe meinen Surfstick bei meinen Eltern liegen lassen, muss also in nächster Zeit mit deutlich weniger Internet auskommen) und beobachte von Zeit zu Zeit unauffällig die hübsche Asiatin, die mir gegenübersitzt, in ihr Buch („Die Henkerstochter“ von Oliver Pötzsch) vertieft ist und nur ab und zu in das Leben auf dieser Welt zurückkehrt, um die Seite des Buches umzuschlagen. Ihre Platzreservierung ist bis Stuttgart gültig, ich werde also noch etwa zwei Stunden lang dieses Bild absoluter innerer Ruhe betrachten dürfen.

Das ist auch bitter nötig, war das Wochenende doch insgesamt turbulent: Die Zerstörungsbilanz der letzten vier Tage beläuft sich auf einen Katzen-Kratzbaum, der schon seit Wochen bzw. Monaten nahezu an der gleichen Stelle steht, nun aber von mir auf derart spektakuläre Weise umgerannt wurde, dass er einen Basisbruch und ich eine feuerrote, zwanzig Zentimeter lange Schürwunde an meinem linken Oberarm erlitt. Weiterer Posten auf der Bilanz: Die Telefonanlage, die beschloss, von nun an den Dienst zu versagen und somit das Haus und alle darin lebenden Personen ohne Telefon und Internetanschluss zurückließ. Und last but not least: Ein DVD-HDD-Recorder, der keine Lust mehr hat zu funktionieren.

Zu allem Überfluss hat mich dann noch ein unverhofftes Wiedersehen so aus der Bahn geworfen, dass ich das auch noch einige Zeit mir mir herumtragen werde. Trotz des ganzen Trubels durfte ich Vier tolle Tage in der Heimat im Kreis meiner Familie verbringen, was ohne Frage jede Art von Strapaze wert wäre.

Nachdem ich nun also wieder vermehrt mit der Bahn unterwegs bin, komme ich auch wieder dazu, viele Bücher zu lesen, erstaunlicherweise sind auch viele gute dabei. Aktuell: „Ewig zweiter“ von David Nicholls. Das ist der Autor, dessen Buch „Zwei an einem Tag“ kürzlich spektakulär verfilmt wurde und in wenigen Tagen in den Kinos anläuft.

In dem Buch geht es um einen mäßig erfolgreichen Schauspieler, dessen aktuelle Karriere sich darauf beschränkt, „den zwölftsexiesten Mann der Welt im Notfall in einem Theaterstück [zu] vertreten“. Der Leser begegnet ihm zum ersten Mal, als er gerade für eine Rolle in der beliebten TV-Serie Summers and Snow vor der Kamera steht. Oder vielmehr: liegt, denn er spielt eine Leiche. Im folgenden eine kurze Textpassage, die den Hauptcharakter (Stephen C. McQueen) näher beschreibt:

Das Geheimnis wirklich großer Schauspielkunst vor der Kamera liegt darin, so wenig wie möglich zu tun, was natürlich besonders für die Darstellung unbelebter Objekte gilt. In den elf Jahren seiner professionellen Karriere hatte Stephen C. McQueen bis jetzt sechs Leichen verkörpert, alle waren sorgfältig durchdacht und subtil dargestellt, und alle vermittelten eindringlich das Pathos des Nicht-Lebendigen. Um nicht auf eine Rolle festgelegt zu werden, hatte er diese Tatsache in seinem Lebenslauf heruntergespielt, indem er diesen verschiedenen Toten faszinierende, charismatische Hauptrollennammen wie MAX oder OLIVER gab anstelle der exakteren, aber weniger sinnträchtigen Bezeichnungen LEICHE oder OPFER. Aber anscheinend hatte es sich in der Branche herumgesprochen: Niemand tat so gekommt nichts wie Stephen C. McQueen. Brauchte man jemanden, der im Morgengrauen aus dem Grand-Union-Kanal gefischt wurde oder ohne Murren schlaff und gebrochen auf einer Motorhaube lag oder mit dem Gesicht voran in einen matschigen Schützengraben des Ersten Weltkriegs fiel, dann war er der richtige Mann. Seine erste Rolle nach der Schauspielschule war STRICHER 2 in Vice City gewesen, einem harten, nicht jugendfreien Krimi. Er hatte einen Satz zu sagen…

STRICHER 2
(Tyneside-Akzent)
Na, wie wärs mit ’n bisschen Spaß, Mista?

… und verbrachte dann einen langen, heißen Nachmittag in einem schwarzen Müllsack, aus dem nur sein Arm heraushing.

 

Nach einem fulminanten Erstlingswerk („Keine weiteren Fragen“) überzeugt David Nicholls auch mit diesem Buch, das von Anfang bis Ende durchzogen ist von feinstem britischem Humor.

David Nicholls: Ewig Zwieiter. Wilhelm Heyne Verlag, München 2010. 383 Seiten. 8,95€.

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