Was mache ich hier eigentlich, oder: Habe ich mich das nicht schon mal gefragt?

„Verdammt, ist das früh!“

Das ist der erste Satz, der den Weg von meinem Gehirn in mein Bewusstsein schafft. Ich drehe mich im Bett um und schaue auf den Wecker, der noch immer hochmotiviert klingelt. Wobei „klingelt“ eigentlich das falsche Wort ist, denn ich habe da so ein Hightech-Ding rumstehen, dass eine halbe Stunde vor der eingestellten Weckzeit langsam anfängt, den Raum zu erhellen um dann zur gewünschten Uhrzeit mit Klangholz- und Urwaldregengeräuschen das Finale einzuläuten.

Habe ich gerade „zur gewünschten Uhrzeit“ geschrieben? Der Wecker zeigt fünf Uhr an, das kann ich mir nie und nimmer gewünscht haben. Ich bin doch nicht wahnsinnig! Oder vielleicht doch? Noch mal kurz den Zeitplan des Tages durchgehend stelle ich fest, dass ich mir da nicht so sicher sein kann, denn heute steht der Stadtlauf in München bei mir auf der Agenda.

Stadtlauf! Ich! Fassungslosigkeit macht sich breit, aber ich habe mir das nun mal bewusst ausgesucht. Letztes Wochenende war ich schließlich in München und habe mir für den Halbmarathon angemeldet. 21,1km durch München laufen – ich muss verrückt sein!

Zumal mir letztes Mal, als ich durch München gelaufen bin (ich berichtete) noch eine Woche später die Beine so weh getan haben, dass ich am liebsten einfach nur liegen geblieben wäre. Und da waren es „nur“ 17,2km, die ich auf dem Tacho stehen hatte.

Irgendwie hatte ich mich damals aber auch fast schon geärgert, obwohl ich damals mit dem Vorsatz angetreten bin, fünf Kilometer locker zu schaffen und die zehn Kilometer zu versuchen. Es wurden dann halt siebzehn daraus. Das ärgerliche daran war, dass eigentlich mehr Distanz drin gewesen wäre, allein die Zeit hatte gefehlt.

Nun also der Versuch auf der Halbmarathondistanz…

Ic2015-06-28 07.29.06h erreiche den Marienplatz um 07:30h, es ist noch ziemlich leer, vor allem, da um 08:00h der Startschuss fallen soll. Aber so habe ich noch genug Zeit, mich mit dem Startfeld vertraut zu machen. Es gibt drei Startblöcke, die nach der voraussichtlichen Laufzeit gestaffelt sind: Block 1 für die Rampensäue, die davon ausgehen, das Ziel unter 1:35h zu erreichen, Block 2 für all diejenigen, die unter zwei Stunden das Ziel zu erreichen gedenken und Block 3 für den Rest. Nach reiflicher Überlegung reihe ich mich in Block 2 ein: So kann ich mir bei höherem Anlauftempo einen leichten Vorsprung herausarbeiten, bevor ich zusammenbreche und mit hängender Zunge dem Block 3 hinterher hechele.

Punkt 08:00h fällt der Startschuss. Block 1 setzt sich in Bewegung. Block 2 rückt nach. 08:10h geht es für uns los. Die Kulisse ist toll: Trotz unmenschlicher Uhrzeit stehen viele Menschen an der Straße und jubeln uns zu. Auf der Residenzstraße gegenüber vom Dallmayr steht eine 12köpfige Sambagruppe und haut auf die Pauken. Ich würde gerne stehen bleiben und etwas länger zuhören, aber aus bekanntem Grund habe ich keine Zeit.

Viel zu sehr bin ich damit beschäftigt, meine Beine, Schritte und Atmung zu koordinieren. Dabei lerne ich viel über Relativität: Die ersten fünf Kilometer laufen echt gut – ich bin nicht außer Atem und ich wünsche mir auch nicht, dass es bald enden möge. Ich habe mittlerweile den Trick raus, denn von Zeit zu Zeit suche ich mir immer mal wieder eine Person aus, an deren Fersen ich mich hefte und so schwimme ich recht locker mit dem Strom mit.

Die zweite Fünf-Kilometer-Etappe nehme ich schon kaum noch war, wie in Trance setze ich einen Fuß vor den anderen. Die Kilometer zehn bis fünfzehn hingegen sind echt hart: Meine Beine tun nicht weh, ich atme noch immer locker durch die Nase und auch sonst schmerzt nichts. Aber mein Gehirn meldet sich zu Wort, als es mich darauf hinweist, dass ich kurz davor bin, meine beim „Wings for Life“ gelaufene Strecke – und damit meine bisherige Bestleistung – einzustellen. Natürlich achte ich nun auf jeden Kilometer, bin aus der Trance raus und beginne mich zu fragen, was ich hier überhaupt mache. Und vor allem: Warum ich es mache.

Rückblickend – nun, da ich daheim auf dem Bett liege und diese Zeilen schreibe – kann ich die letzte Frage immer noch nicht beantworten.

Auf den letzten Kilometern trennt sich die Spreu vom Weizen – nicht, was die Laufzeiten angeht, denn die ersten sind wahrscheinlich schon längst im Ziel.

In meinem Feld hat sich die letzten 17 Kilometer nicht viel geändert, es ist immer noch genauso dicht wie am Anfang. Einerseits gut, weil ich mich immer an jemanden dranhängen kann (das hat beim „Wings for Life“ zuweilen gefehlt, wenn fünfzig Meter vorweg und hinterher kein weiterer Läufer ist), andererseits aber auch echt madig, weil ich die Hälfte der Zeit damit beschäftigt bin aufzupassen, dass ich niemandem auf die Füße trete.

Nein, was ich meinte ist, dass sich so langsam herauskristallisiert, wer sich selbst total überschätzt hat und wer nicht. Es mag sich jetzt pathetisch anhören, wenn ich schreibe, dass reihenweise Menschen umfielen. Es ist aber nunmal so gewesen, und ich habe fast schon Mitleid mit dem Rettungsdienst, der sich die Betreuung des Laufevents bestimmt entspannter vorgestellt hat.

Ich beiße die Zähne zusammen und laufe einfach weiter, und irgendwann kann ich die Feldherrenhalle sehen. „Noch 600 Meter“ denke ich mir, nehme am Wegrand die Notärzte wahr, die zum Teil ohnmächtig zusammengebrochene Läufer versorgen, blende das wieder aus, freue mich über die Menschenmengen, die am Wegrand stehen und gebe noch einmal richtig Gas. Also, für meine Verhältnisse zumindest.

Die Ziellinie überquere ich mit einer Nettozeit von 1:53:37, worauf ich echt stolz bin, denn ich habe gleich mehrere Ziele erreicht. Erstens kann ich an das Thema Halbmarathon einen Haken machen, denn ich bin ihn durchgelaufen, zweitens bin ich unter zwei Stunden geblieben und ohne gezieltes Training wird da auch nicht mehr drin sein. Drittens habe ich mir selbst bewiesen, dass ich auch zunächst unmöglich erscheinende Dinge schaffen kann – ich muss halt nur mal die Zähne zusammenbeißen und an mich selbst glauben. Das ist die wichtigste Lektion, die ich heute für mich gelernt habe.

Der modernen Technik sei Dank könnt ihr hier meine Laufstrecke (oben rechts im Fenster auf den Button „Nacherleben“ klicken, dann gibt’s sogar noche eine ganz nette Animation) nachschauen.

Übrigens: Wer mal Lust auf eine schöne Fahrradtour im Herzen Münchens hat, dem kann ich die Streckenführung nur wärmstens empfehlen!

Ach ja: Der Vollständigkeit halber – DA IST DAS DING!!!!

StadtlaufMuenchen2015

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