Wings for Life World Run 2015, oder: Was mache ich hier eigentlich?

„Was mache ich hier eigentlich?“ Unbewusst wische ich mir mit dem rechten Arm über die Stirn und merke im nächsten Moment, wie sinnlos das war. Hätte ich meine Stirn trocknen wollen, so wäre das ein ziemlich erbärmlicher Versuch gewesen. Es ist ja nicht nur so, dass mein rechter Arm bis knapp unterhalb des Ellbogens eingegipst ist. Nein, überdies zeigt der Gips auch leichte Auflösungserscheinungen.

*Plitsch*… *Plitsch*… Unermüdlich bombardiert mich der Himmel mit kleinen Bomben, die auf meiner Brille explodieren oder sich den Weg von meinem Haar durch mein Gesicht bahnen.

Erneut zischt die Frage aller Fragen durch meinen Kopf. „Was mache ich hier eigentlich?“. Da höre ich einen lauten Knall – ein Schuss ist gefallen und eine Lawine löst sich. Da fällt sie mir wieder ein, die Antwort: Ich laufe. Und mit mir noch etwa viertausend andere Verrückte in München, weitere dreitausend in Darmstadt und insgesamt über einhunderttausend Menschen weltweit. Alle zur gleichen Zeit, und zwar jetzt. Da habe ich ja noch mal Glück gehabt, dass ich in München starte – in Santa Clara (Kalifornien) ist es jetzt 04:00 morgens und auch dort ist soeben der Startschuss gefallen. Ich schaue meinen Chef an, der neben mir steht, er schaut mich an, wir nicken uns zu und es geht los.

Mein Ziel, die fünf Kilometer locker zu laufen und die zehn Kilometer zu versuchen, rückt in weite Ferne. Ich bin nass bis auf die Knochen, am liebsten würde ich kurz die Schuhe ausziehen um das Wasser auszuschütten, dass sich inzwischen darin gesammelt hat. Das T-Shirt klebt an meinem Körper und meine Hose traktiert meine Beine, indem sie immer wieder gegen selbige schlägt, was sich aufgrund der Nässe wie Peitschenhiebe anfühlt. Ich habe nur eine Chance: Ich muss gleich zu Beginn möglichst viel Tempo machen, damit ich dem Ziel so weit wie möglich voraus bin.

wingsforlife_mapDamit bin ich dann auch schon bei der Besonderheit dieses Laufes angelangt: Die Strecke beginnt im Münchner Olympiapark und führt quer durch die Pampa durch viele schöne kleine Ortschaften bis nach Diessen am Ammersee, wo sie nach 103 Kilometern endet. Kein Mensch wird jemals diese Distanz laufen, weshalb das Prinzip des Rennens besagt, dass den Läufern ein Catcher Car hinterher fährt und für den Läufer das Rennen in dem Moment beendet ist, in dem er vom Catcher Car überholt wird.

Deswegen also Vollgas, und zwar so lange wie möglich. Nach einem Kilometer verfluche ich mich dafür, dass ich einen Trainingsanzug inklusive Jacke, ein Funktionsshirt und ein Baumwollshirt trage – obwohl es wie aus Eimern schüttet schwitze ich wie… naja, ihr wisst schon.

Bei Kilometer sechs lege ich eine melodramatische Szene hin vom allerfeinsten. Mein Kollege dreht sich (wie alle paar Minuten zuvor schon) zu mir herum um zu schauen, ob ich noch im Rennen bin, da werfe ich ihm einen Blick zu, der soviel sagt wie: „Lauf um Dein Leben! Kümmere Dich nicht um mich, für mich ist es zu spät“. Wir verstehen uns wortlos, nicken uns zu, er gibt Gas und ich falle langsam aber stetig zurück. Das ist das letzte Mal, dass wir uns an diesem Tag sehen… Okay, genug der Dramatik.

Nachdem ich ein wenig das Tempo reduziert habe, merke ich, wie mein Körper plötzlich auf Autopilot stellt. Die erste Shuttlebus-Station bei Kilometer acht passiere ich locker, was mich selbst ein wenig beeindruckt. Ich weiß nicht, wo die Reise hingehen wird, aber ich fühle, dass die Geschichte hier noch nicht zu Ende erzählt ist. Mein Lauftempo variiere ich von Zeit zu Zeit, was dazu führt, dass ich ständig vertraute Gesichter sehe. Diejenigen, die ich von einiger Zeit überholt habe, konnten mittlerweile wieder zu mir aufschließen und fast fühlt es sich an, als würden wir im Team laufen. Menschen, die sich vorher noch nie gesehen haben, schließen sich wortlos zu kleinen Gruppen zusammen.

Kleine Gruppen gibt es aber auch abseits des Spielfeldes: Immer wieder stehen Anwohner im strömenden Regen am Straßenrand und jubeln uns zu, feuern uns an und ermutigen uns weiterzulaufen. Plötzlich sehe ich am Horizont eine Verpflegungsstation. Es ist bereits die zweite des Laufes. Sollte ich wirklich schon die zehn Kilometer gelaufen sein? Tatsächlich passiere ich kurz darauf die Zehn-Kilometer-Marke und gönne mir zur Belohnung zwei Becher Elektrolytgetränk. An dieser Stelle sei mir bitte die Frage erlaubt, wer auf die grandiose Idee gekommen ist Getränke mit rosa Farbstoff zu verteilen. Da ich nun mal nicht multitasking-fähig bin und dennoch versuche beim Laufen zu trinken, landet die Hälfte des Bechers direkt auf meinem weißen T-Shirt. Kurz ärgere ich mich darüber, dann fällt mir auf, dass die rosafarbene Lösung glatt an meinem triefendnassen Shirt abperlt, woraufhin mir dann auch alles egal ist.

Hab ich eigentlich schon mal erwähnt, dass es regnet? Okay, ich wollte es ja nur noch mal erwähnt haben. Gerade habe ich eine ganze Samba-Combo passiert, die mit riesigen Trommeln am Wegesrand steht und fleißig Musik macht. Die Schwung nehme ich mit und so werde ich weitere wichtige Meter über den Asphalt getragen. Bei der nächsten Zuschauergruppe mache ich mich dezent unbeliebt. Die machen gerade Pause von ihren Anfeuerungsrufen und haben die Krachinstrumente beiseite gelegt. Ich rufe ihnen zu, sie sollen durchhalten, es kämen noch etwa eintausend Läufer. Die Zuschauer gucken grimmig. Sie fanden es wohl nicht witzig…

 

Irgendwann, ich weiß weder wie lange noch wie weit ich schon gelaufen bin, erst recht weiß ich nicht, wo ich überhaupt bin, setzt mein Gehirn aus. Seit einer Ewigkeit mache ich sowieso nichts anderes als ein Bein vor das andere zu setzen, immer und immer wieder. Das geht auch automatisch, ist nicht so anstrengend und verbraucht nicht so viel Energie.

Plötzlich tut sich etwas um mich herum. Ich erwache aus meiner Trance, schaue hinter mich und sehe am Horizont das Catcher Car. Eigentlich bin ich ja froh, dass es jetzt endlich vorbei ist, trotzdem packt mich jetzt der Ehrgeiz und ich mobilisiere noch einmal meine letzten Kräfte für einen Abschlusssprint. Dabei passiere ich die 17km-Marke, kurz darauf holt mich das Auto ein und das Rennen ist für mich beendet.

17,2 Kilometer! Wahnsinn! Hätte mir jemand vorher gesagt, dass ich 17 Kilometer laufen KANN, ich hätte ihm einen Vogel gezeigt. Hätte mir jemand vorher gesagt, dass ich 17 Kilometer laufen MUSS, ich wäre gar nicht erst angetreten. Und jetzt bin ich sogar ein wenig enttäuscht, dass es schon vorbei ist, denn rein körperlich wäre noch mehr drin gewesen. So ist die Zeit mein Endgegner gewesen. Die nächsten 1,5 Kilometer nutze ich für ein lockeres Auslaufen, denn die Distanz muss ich zurücklegen, da dort der nächste Shuttlebus wartet.

Die Rückfahrt von Eschenried zum Olympiapark dauert fast genauso lange wie das Rennen davor, denn wir haben wohl den einzigen nichtortskundigen Busfahrer erwischt, der uns dafür aber immerhin eine kostenlose Stadtrundfahrt bietet. Die wäre allerdings noch schöner, wenn die Scheiben vom Bus nicht beschlagen wären, dann würden wir auch etwas von der Umgebung sehen.

Im Olympiapark warten schon die anderen auf mich. Ich gönne mir eine Dose RedBull und ein alkoholfreies Radler um meinen Erfolg angemessen zu begießen.

Zu Hause verfluche ich mich eine Woche lang. Die ersten drei Tage dafür, dass ich am Wings for Life World Run 2015 teilgenommen habe, die darauf folgenden vier Tage dafür, dass ich vorher nicht trainiert habe.

 

Muss ich erwähnen, dass ich mich mittlerweile schon für 2016 registriert habe?

Bis dahin hänge ich stolz diese Urkunde an meine Wand, denn ich finde, ich habe sie mir verdient…

WingsForLife2015

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