6. Tag, Montag, 06.11.2017: RIVER KWAI – Mit Bambusflößen auf dem Fluss

Der Vormittag ist frei. Die Aktiven unter uns kommen mit zur Monkey-Swing-Tour im Tree Top Adventure Park: ein Hochseilgarten mit Ziplines durch die Baumkronen. Hier werden wir zum Affen – ganz freiwillig. Nachmittags treffen wir uns alle zur Kanutour auf dem River Kwai, und anschließend entern wir Bambusflöße und bestaunen das Panorama der dicht bewaldeten Flussufer zwischen den Bergen. Noch ein Abstecher zu Fledermäusen & Co. in der Lawahöhle – dann genießen wir den Abend wieder im Schein der Öllampen unseres stimmungsvollen Floßhotels.

„Die Aktiven unter uns…“ – als ich das lese, kann ich nur müde lächeln. Müde im wahrsten Sinne des Wortes. Also drehe ich mich noch einmal um in meinem Bett und versuche noch eine Runde zu schlafen. Das ist aus mehreren Gründen eher schwierig. Erstens: Die Wände zwischen den Zimmern sind aus Bambusmatten, somit kann ich also alle Geräusche vom ganzen Hotel hören. Zweitens: Seit etwa sieben Uhr brettern die Langschwanzboote wie die Bekloppten an uns vorbei und jedes der Boote sorgt dafür, dass das ganze Hotel noch mehrere Minuten später anständig schwankt. Aufgrund meiner Segelerfahrung habe ich da eigentlich kein Problem, aber in einem aus Bambus zusammengezimmerten Hotel liegend ist das schon etwas anderes.

Nachdem es hier wirklich überhaupt nichts gibt, verbringen wir den Vormittag halt damit nichts zu tun. Die Aktiven – es waren in der Früh derer acht – sind bereits um kurz nach sieben aufgebrochen, der Rest von uns liegt faul in der Gegend herum.

Insgesamt finde ich, dass das hier auch mal eine wichtige Erfahrung ist: Die Flusswasserdusche heißt nicht ohne Grund so, denn das Wasser kommt direkt aus dem Fluss, womit auch schon geklärt ist, dass das Wasser ar***kalt ist. Den morgendlichen Blick auf mein Handy kann ich mir sparen, da ich sowieso bereits vor meinem Wecker wach bin und es auch kein Internet gibt, das mich in Bezug auf Nachrichtenmeldungen auf den neuesten Stand bringen könnte. Abgesehen davon ist die oberste Devise: Strom sparen, den Steckdosen gibt es logischerweise immer noch nicht.

So verlauft der Morgen ereignislos, das Highlight ist, dass wir uns irgendwann Kanutour-taugliche Kleidung anziehen.

Am Nachmittag werden wir mit Langschwanzbooten abgeholt und fahren etwa zwanzig Minuten stromaufwärts. Die Aussicht, die sich uns bietet, ist unbezahlbar: Die Landschaft scheint einer anderen Welt entsprungen zu sein, fast könnte man der Illusion erliegen, dass hier noch alles vollkommen ursprünglich und unberührt ist. Lediglich die in unregelmäßigen Abständen am Ufer vertäuten Floßhotels trüben dieses Bild, aber ansonsten ist die Illusion beinahe perfekt.

Hinter einer Flußbiegung können wir am Ufer die Kanus entdecken und je näher wir ihnen können, desto mehr Angst habe ich um mein Leben. Die einen sagen zu dem, was meine Augen erblicken, „Kanu“, ich würde es eher als „Schwimmkörper aus Hartplastik“ bezeichnen. Dann denke ich mir jedoch, dass Andere diese Tour (hoffentlich) auch schon unternommen und (noch wichtiger:) überlebt haben, zwänge mich in die ebenfalls wenig vertrauenerweckende Schwimmweste, ziehe das Kanu ins Wasser und dann geht es auch schon los: Nadine sitzt vorne, ich hinten. Den Platz habe ich mir mit voller Absicht ausgesucht: Ich dachte halt, wenn sie vorne sitzt, merkt sich nicht, dass ich nicht mitpaddle. Weit gefehlt! Wir legen uns also ordentlich ins Zeug, überzeugen dabei definitiv nicht mit Schnelligkeit, aber auf jeden Fall mit Stil. Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, wie das Kanu von Marcus und Jürgen gefährlich nah ans Ufer gerät, und zwar nicht an einen Strand, sondern volle Fahrt auf einen ins Wasser hineinragenden Baum zu. Dann wird es plötzlich hektisch:

*Achtung, pass auf!* *paddel* *paddel* *krach* *schepper* *Mist!* *paddel* *paddel* *Verdammt, meine Brille!* *paddel**paddel* *Hilfe!*

So in etwa könnte die Szene in einem Drehbuch dargestellt sein, der Titel würde lauten „Die Brille, die die Freiheit suchte – ein Drama in einem Akt“. Das Stück geht nicht gut aus, die Protagonisten (Jürgen und seine Brille) beschließen am Ende künftig getrennte Wege zu gehen, sie haben sich einfach auseinander gelebt. Wir würdigen Jürgens Brille mit einer Schweigeminute, dann müssen wir aber aber leider – getrieben von der Hektik des Lebens und der Vergänglichkeit des Seins (dramatisches Szenario) beziehungsweise getrieben von der Strömung des Flusses (realistisches Szenario) – weiter unseren Weg gehen beziehungsweise paddeln.

Auch wenn ich gerne noch viel mehr Zeit in diesem Kanu verbracht und die Aussicht genossen hätte, kommt irgendwann der Punkt, an dem wir die Kanus verlassen und auf Floße umsteigen. Den Rest der Zeit lassen wir uns einfach von der Strömung treiben, teils auf dem Floß sitzend, teils mit unseren Schwimmwesten auf der Wasseroberfläche liegend. Nun bekomme ich doch ein bißchen Vertrauen zu meiner Schwimmweste, denn sie macht einen wirklich guten Job.

Die ein oder andere Rangelei gehört natürlich auch dazu und nachdem wir gelernt haben, dass es unmöglich ist jemanden unterzutauchen, der eine Schwimmweste trägt, verlagern wir unsere Aktivitäten in Richtung Floßeroberung. Das Prinzip ist ganz einfach: Über eine Badeleiter wird möglichst unauffällig auf das Floß geklettert und anschließend versucht sich bereits dort befindende Personen ins Wasser zu befördern. Während ich mir dieses Schauspiel einige Zeit aus der Froschperspektive anschaue, bedauere ich es keine Kamera mitgenommen zu haben: Dieses Schauspiel wäre jeder Episode von Takeshi’s Castle weit überlegen gewesen.

Als wir sowieso schon fix und fertig sind von dieser Anstrengung erreichen wir unseren Zielort, von dem aus wir mit Motorbooten zurück zum Floßhotel transportiert werden. Dort gehe ich zuallererst auf mein Zimmer und stelle mich unter die Dusche. Eigentlich wollte ich an dieser Stelle ja schreiben: „[…] und genieße ein langes und ausgiebiges Bad unter der heißen Dusche“. Aber heißes Wasser gibt es ja nicht, das hatte ich nur bereits wieder verdrängt. Dementsprechend ist es auch ein äußerst kurzes Vergnügen. Erst als ich mich abtrockne, werde ich mir des Umstands bewusst, dass ich mir die Dusche auch hätte sparen können, denn in dem gleichen Wasser, das aus meiner Dusche kommt, bin ich bereits den gesamten Tag über geschwommen – ich habe ja eine Flusswasserdusche!

Abgesehen davon, dass Bengi den Ausflug zur Lawa-Höhle überhaupt nicht vorschlägt, wären wir wohl auch alle viel zu erschlagen vom heutigen Tag. Diesen lassen wir daher lieber – nun, da es eh bereits beginnt zu dämmern, bei einem gemütlichen Beisammensein und der ein oder anderen Kiste Flasche Hong Thong ausklingen.

Es wurde Abend, es wurde Morgen, ein neuer Tag!

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