Kategorie: இலங்கை ஜனநாயக சமத்துவ குடியரசு

„Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“ Ein Satz aus Goethes „Erinnerungen“ hat es in leicht abgewandelter Form zu diesem bekannten Sprichwort geschafft.
Goethe hatte leicht reden, denn was das Reisen angeht, war er bekanntlich auch kein Kind von Traurigkeit.
Ich habe mir in den letzten Monaten/Jahren das Naheliegende (wie ich finde) intensiv genug angeschaut, nun ist es mal wieder Zeit zu überprüfen, ob Goethes Weisheit noch immer Bestand hat.
Daher begebe ich mich nun auf eine weite Reise, die mich für die nächsten Tage in ein mir bisher völlig unbekanntes Land, nämlich nach Sri Lanka, führen wird.
Wie immer seid Ihr herzlich eingeladen, mich auf diesem Trip zu begleiten, denn mein Notebook ist bereits eingepackt und ich werde – so es die Infrastruktur zulässt – wie gewohnt live berichten. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen.

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus

Ich kann es noch nicht wirklich realisieren, aber in naher Zukunft werden wir einen großen, aber unvermeidbaren Schritt machen. Wir werden eine Auszeit von einander nehmen, eine Trennung auf Zeit. Es ist ja nicht so, dass wir in den letzten zweieinhalb Jahren, die wir nun schon einen gemeinsamen Weg gehen, nicht schon desöfteren ein paar Tage auf gemeinsame Stunden verzichtet haben, aber nun ist es etwas anderes. Mehr als fünf Tage sind es eigentlich nie gewesen. Umso beängstigender ist das, was nun auf uns zu kommt. Das Einzige, was mich diese außergewöhnliche Belastung aushalten lässt, ist die Gewissheit, dass sie auf mich warten wird. Ganz sicher.

Mach es gut, wir sehen uns wieder, geliebte Firma…

Ich will ein fremdes Land bereisen

Ich will ein fremdes Land bereisen,
seine Berge bewandern,
seine Küsten erforschen,
die rauen Klippen besteigen
und Halt finden am lebensrettenden Vorsprung.
Ich will die fremden Winde spüren
und den warmen Regen auf meinen Wangen.
Meine Hände will ich in seine Erde graben.
Seine Wurzeln fühlen will ich,
schmecken sein Salz und riechen
den Duft seiner weiten Täler.
Und ich will kämpfen mit dem Land,
mich messen mit seinem Willen,
seine und meine Grenzen erforschen,
bis der Schlaf kommt und ich mich bette
auf den Blättern seines Herbstes.

(Martin Rauhaus)

1. Tag, Montag, 24.02.2014: FLUG NACH SRI LANKA

Nachmittags Flug mit Qatar Airways nach Doha (nonstop, Flugdauer ca. 6,5 Std.) bzw. abends mit Turkish Airlines nach Istanbul.

Ich sitze im Flugzeug auf dem Weg nach Doha und frage mich: „Was mache ich hier eigentlich?“.
Da fällt es mir wieder ein: Ich fliege ja nach Sri Lanka.
Dann frage ich mich: „Warum eigentlich Sri Lanka?“.
Und ich starre meinen Bildschirm an.
Dann die Tastatur.
Dann den Bildschirm, der in den Flugzeugsitz vor mir eingelassen ist und auf dem Szenen aus dem Film „The Conjuring“ flimmern.
Dann wieder die Tastatur. Meine Finger versagen den Dienst und enttäuschen meine Hoffnung, dass sie nun einfach nur so aus ihnen herausfließen würde, die Antwort auf die Frage. Aber nein, bei längerem Nachdenken wissen auch sie es nicht.

Fakt ist, dass ich mich auf den Weg mache in ein Land, von dem ich gerade einmal weiß, dass es südlich von Indien liegt und berühmt ist für die besten Tees, die es auf der ganzen Welt gibt. Das war es dann aber auch schon. Und dennoch übt es auf mich eine unspezifizierbare Faszination aus, die mich vor ungefähr einem Jahr veranlasst hat, dieses Land auf meiner Reisewunschliste auf Platz 1 zu positionieren.

Im Alltag wird wenig über Sri Lanka gesprochen, weshalb diese Reise auch meine erste Fernreise ist, die kein Motto hat.

Bei Thailand war es „One Night in Bangkok“ nach dem gleichnamigen Lied von Murray Head aus dem Jahr 1984, bei China musste ich an Katie Melua denken, weshalb hier „Nine Million Bicycles“ namensgebend war. Bei Kuba wurde es dann schon dünn, denn mir war zu dem Zeitpunkt nichts Vergleichbares zu dem Land bekannt. „Dirty Dancing 2 – Havana Nights“ war selbst für meinen Geschmack zu schlecht um als Motto zu dienen, zumal die Havanna-Szenen aus dem Film ja eh in Puerto Rico gedreht wurden und nicht auf Kuba.
Und der deutsche Untertitel „Heiße Nächte auf Kuba“ hätte im Vorfeld einen falschen Eindruck hinterlassen und sich im Nachhinein als große Lüge erwiesen. Immerhin sorgte eine „kapitalistische Kaltfront“ (so bezeichnete unser Reiseführer das Wetterphänomen) während unserer Reise dafür, dass es ar***kalt war. Egal, war trotzdem eine tolle Reise, bei der ich einige sehr nette Menschen kennenlernen durfte.
Bei Kuba hatte ich mich daher für den offiziellen Wahlspruch „Patria y Libertad“ („Vaterland und Freiheit“) entschieden.

Blöderweise gibt es keine nennenswerten Lieder oder Filme zu Sri Lanka, und auch einen Wahlspruch konnte ich bisher nicht auftreiben. Sollte sich das in den nächsten Tagen ändern, werde ich es möglicherweise in Erwägung ziehen, ein Motto nachzunominieren.

Zurück zu Sri Lanka:
Den Baedecker habe ich – was die allgemeinen Tipps angeht – bereits auswendig gelernt, und so weiß schon viele Dinge, auf die ich mich in den nächsten Tagen freuen kann.
Soviel zur Theorie, es folgt die Praxis:

  • Geplante Abflugzeit ab München: 14.55h
  • Transferzeit Augsburg-München mit der Bahn: 2 Stunden

Folgerichtig also meine Abreise ab Augsburg um 08.00h. Sicher ist sicher.
Ich komme gegen 11.00h am Flughafen an, die eine Stunde habe ich deswegen verloren, weil ich in Pasing noch gefrühstückt habe. Es erstaunt mich, wie gut ich in der Zeit liege, und auch im weiteren Verlauf in München noch liegen werde.
Aus unserer Facebook-Gruppe erhalte ich die Rückmeldung, dass zwei Mitreisende bereits in der S-Bahn sitzen, einer noch auf die S-Bahn wartet, und einer mit dem Shuttle unterwegs ist. Ich kann an dieser Stelle also festhalten, dass das Team München in der Gruppenwertung schon mal sehr solide dasteht. 
Die erste gemeinsame Stunde verbringen wir im Airbräu, um noch ein letztes bayrisches Mahl zu uns zu nehmen, bevor wir uns in die kulinarische Diaspora aufmachen. Diese Stunde reicht aber auch schon aus, um festzustellen,  dass das eine verdammt lustige Reise werden kann.
Die letzten beiden Mitglieder von Team München treffen wir am Gate, und dann geht die Reise auch schon los.

Ziel des Fluges ist Doha/Katar, voraussichtliche Ankunft um 22.20h. Weiter geht es dann um 00.50h von Doha nach Colombo.
2,5 Stunden Aufenthalt in Doha, genug Zeit also, um den Flughafen unsicher zu machen und einen Kaffee zu trinken – denken wir uns zumindest. Tatsächlich grätscht uns da die Zeitverschiebung voll rein und so bleibt von unserem Aufenthalt nur eine halbe Stunde übrig. Wir stürmen also relativ zielstrebig die Schnapsabteilung im Duty-Free-Shop.
Die verbleibende Zeit nutzen wir um ein wenig die Gruppe zu analysieren.
Punkt eins auf der Agenda: Die Altersstruktur. Das Küken ist recht schnell ausgemacht. Bei der von Marco Polo proklamierten Spanne von 18 bis 35 Jahren liegt unser Küken mit 20 Jahren voll im Soll. Bei der oberen Grenze bin ich mir nicht sicher, fallen doch im Verlauf unserer Unterhaltung mehrere auffällige Bemerkungen. Die offensichtlichste (an unser Küken gerichtete): „Ich bin in den Neunzigern ja schon mal alleine nach Malta geflogen, da gab’s ja noch die D-Mark… D-Mark, kennste schon noch, oder?“
Unsere Denkmühlen fangen an zu rattern, im Geiste stellen wir Prognosen über das Alter dieser Person auf. Ist aber eigentlich auch völlig egal, die Hauptsache ist, dass es lustig wird.

2. Tag, Dienstag, 25.02.2014: NEGOMBO – Meeresbrise am Abend

Weiterflug von Doha (nonstop, Flugdauer ca. 5 Std.) bzw. Istanbul (Flugdauer ca. 10,5 Std., Zwischenlandung in Male) nach Colombo. Landung am Morgen bzw. am Nachmittag: Unser Marco Polo Scout Gayesh begrüßt uns und begleitet uns ins Hotel im nur wenige Kilometer entfernten Badeort Negombo. Jetlag, nein danke! Die meisten von uns ziehen gleich mit ein paar Tipps von Gayesh los, um den ersten Urlaubsabend in den Tropen zu genießen.

Der Baedeker-Reiseführer gibt im Kapitel „Praktische Infos“ viele (Überraschung!) praktische Infos. Im Abschnitt „Gesundheit“ wird folgendes erwähnt:

„Die innere Uhr. „Jetlag“ nennt man die körperliche Erschöpfung, die nach interkontinentalen Langstreckenflügen regelmäßig auftritt. Die Umstellung der sogenannten inneren Uhr, die auf dem Zeitunterschied zurückzuführen ist, bedarf einer gewissen Zeit. Man sollte seinem Körper die benötigte Ruhephase gönnen. Unmittelbar nach der Ankunft sollte man keine größeren Aktivitäten unternehmen, sondern zunächst eine mindestens eintägige Ruhephase einplanen.“
(vgl. Sri Lanka, Verlag Karl Baedeker, 5. Auflage 2014, Seite 406)
So, hätten wir das auch geklärt. Ich gönne mir also eine Ruhepause, die ich dazu nutze, noch einmal die fünfzeilige Beschreibung des Tages durchzulesen.
Allerdings komme ich nur bis Zeile 4, denn da steht geschrieben: „[…] Jetlag, nein danke! [… ]“. Na toll, denke ich mir, bin aber gleichzeitig froh, mir diesen Moment der Ruhe gegönnt zu haben, schließlich bin ich ja im Urlaub. „[…] Unmittelbar nach der Ankunft sollte man keine größeren Aktivitäten unternehmen […]“ – aber wie definiert sich „größer“? Ich beschränke mich darauf, mein Gepäck zu schultern und Gayesh zu folgen.
Das war die Kurzfassung. Die Langfassung sieht so aus:
Bei der Einreise stelle ich mich zuerst dummerweise am falschen Schalter an, denn ich hätte mir vorher ein Visum besorgen müssen. Habe ich natürlich nicht. Also heißt es „Danke für’s Mitspielen“, ich muss aus der Schlange raus und mich am Immigration Office neu anstellen.
Der Erwerb ist eigentlich recht einfach: Reisepass und Rückflugticket vorlegen, 35 Dollar bezahlen, fertig.
Soweit die Theorie. Die Praxis sieht dann so aus:
Ich stelle mich am Schalter an, da sitzt ein Immigration Officer, hinter ihm stehen vier Frauen und schauen ihm beim Arbeiten zu. Meine Kreditkarte funktioniert nicht gleich beim ersten Versuch, der Immigration Officer hat keine Lust auf einen zweiten Versuch. Ich stelle mich also beim nächsten Schalter an und – siehe da – die Karte funktioniert.
Mit meinem Einzahlungsbeleg darf ich mich nun erneut in der Schlange anstellen, in der ich bereits ganz am Anfang gestanden habe. Nach einer gefühlten Ewigkeit bin ich dran, lege meinen Reisepass, meinen Einzahlungsbeleg und mein Rückflugticket vor. Der Immigration Officer schaut meinen Reisepass an, er schaut mein Rückflugticket an, er schaut mich an. Langsam werde ich nervös, meine Halsschlagader meldet sich zu Wort. Dann meldet sich auch der Officer zu Wort – ich darf nicht einreisen, weil der Name auf meinem Rückflugticket nicht mit dem Namen auf meinem Reisepass übereinstimmt. Nun ist es ja nicht so, dass ich das das erste Mal erlebe, insofern entspanne ich mich wieder, packe meine Dokumente zusammen und stelle mich stillschweigend am nächsten Schalter an. Dort wiederholt sich das Spiel, beim dritten Schalter habe ich letztlich Glück und bekomme den heiß ersehnten Aufkleber in den Pass.
Nun muss ich mich beeilen, denn die Gruppe wartet schon auf mich, und inzwischen haben die Anderen einen soliden Vorsprung von etwa einer halben Stunde.  Nachdem wir uns alle zusammengerottet haben, steigen wir in den Bus und machen uns auf den Weg zum Hotel.
Unterwegs erfahren wir von unserem Guide ein paar Fakten zu Sri Lanka:
Die Grundfläche des Landes ist mit 432 x 225km vergleichbar mit der Bayerns, allerdings tummeln sind in Sri Lanka ca. 21 Millionen Sri Lankan… Ceylon… (*verdammt* Wie heißen die denn jetzt eigentlich?) Einwohner.
Die offizielle Hauptstadt ist Sri Jayawardenepura, was aber wohl in der Praxis recht unpraktikabel erschien, denn alleine schon die Erwähnung in den Nachrichten „Der Präsident weilt zur Zeit in seinem Regierungspalast in Sri Jayawardenepura“ dürfte dafür gesorgt haben, dass ein Großteil der Zuschauer regelmäßig eingeschlafen ist. Daher wurde ganz pragmatisch das kurze und prägnante Colombo zur inoffiziellen Hauptstadt gekürt und die Aufmerksamkeitsrate der Bevölkerung damit exponentiell gesteigert.
In Sri Lanka ist trotz der offiziellen Abschaffung des Kastensystems im Jahr 1972 ebenjenes System nach wie vor stark präsent. Allerdings herrscht hier keine Einigkeit, so kennen die Tamilen lediglich 4 verschiedene Kasten, während die Singhalesen ganze 43 Stück unterscheiden.
Da Eheschließungen nur innerhalb einer Kaste oder mit einer niedrigeren erlaubt sind, ist das Thema Brautschau mindestens genauso komplex wie das der Kasten an sich. Die Tageszeitungen sind voll von Heiratsannoncen, Eheschließungen werden also üblicherweise arrangiert. Natürlich wird in den Annoncen gleich noch angegeben, welche Kastenzugehörigkeit verbindlich gewünscht wird.
Ihr seht, wir haben uns heute kulturell fortgebildet, womit der Tag dann aber auch abgehakt sein muss.
Völlig fertig  von den Strapazen der 18-stündigen Anreise und den Auswirkungen der Zeitverschiebung beschließen ein paar von uns, eine kleine Stadtbesichtigung zu unternehmen. Wir kommen exakt bis zur gegenüberliegenden Straßenseite, wo sich der Strand befindet. Ich glaube, ich muss nicht erwähnen, dass sich dort eine Strandbar befindet, die wir auch prompt aufsuchen um unser erstes Srilanki… Ceylonesi… (*verdammt*) einheimisches Bier zu uns zu nehmen.
Ich glaube, ich muss ebenfalls nicht erwähnen, welche Wirkung das Bier auf unsere geschundenen und erschöpften Körper hat, gerade in Zusammenarbeit mit sengender Hitze und gnadenlos brennender Sonne. Den Rest des Tages verbringen wir in der Horizontalen am Strand.

3. Tag, Mittwoch, 26.02.2014: NEGOMBO – KALPITIYA – East meets West

Eingewöhnen à la Sri Lanka: In Chilaw sind wir gleich mittendrin im richtigen Leben – auf dem Fischmarkt wird lautstark um den Fang der Nacht gefeilscht, und im Hindu-Tempel ist die Andacht in vollem Gang. „Ihr könnt euch gerne das Allerheiligste anschauen“, meint Gayesh, „aber für die Männer gilt: oben ohne!“ Andere Länder, andere Sitten – und den Gläubigen machen so ein paar bleiche Oberkörper gar nichts aus, sie freuen sich vielmehr über unseren Respekt und unser Interesse. Anschließend weiter gen Norden an die Lagune von Puttalam zu unserem Strandresort der coolen Sorte: klimatisierte Safarizelte im Palmenhain, direkt am Meer. Und abends ist Beachparty angesagt!

Den Vortag haben wir dann doch nicht wie geschireben komplett am Strand verbracht. Wobei ich gestehen muss, dass ich dem nicht abgeneigt gewesen wäre, denn ich bin noch immer total zerstört. Den anderen geht es aber auch nicht anders und so verziehen wir uns alle für ein bis zwei Stunden auf unsere Zimmer.
Um fünf Uhr heißt es „Antreten!“, denn Viraj (so heißt unser Scout) möchte mit uns das Programm der nächsten Tage durchgehen. Dabei bereitet er uns auch schon auf einige Änderungen vor, die seiner Meinung nach mehr Sinn machen. Erscheint mir auch so, die Kollegen von Marco Polo hätten da sicherlich zugestimmt, aber wahrscheinlich waren sie selbst noch nie in Sri Lanka.
Um sieben Uhr findet das gemeinsame Abendessen statt. Es gibt ein Curry-Buffet, das uns schon mal auf das typisch scharfe Essen in Sri Lanka einstimmen soll. Ich sterbe bereits im Vorfeld tausend Tode, denn ich habe Angst vor diesem Feuer-Inferno, das meinen Gaumen erwartet. Insofern bin ich fast ein wenig enttäuscht, denn von Schärfe kann man bei diesem Abendessen nicht reden.
Nachdem wir gegen acht Uhr feststellen, dass wir bereits seit ewiger Zeit auf den Beinen sind, trinken wir die Veranstaltung mit einem Glas Arrak unter den Tisch und fallen um halb Neun halb tot ins Bett.
Das nenne ich mal Aktivurlaub!

In der Nacht gegen halb vier werde ich wach, ich bin total durchgeschwitzt. Es ist schier unerträglich heiß in meinem Zimmer. An der gegenüberliegenden Wand kann ich die Fernbedienung für die Klimaanlage hängen sehen, doch ich bin zu träge und faul um mich aufzuraffen und die Kühlung einzuschalten. Stattdessen schwitze ich eine Weile still vor mich hin, bis ich dann endlich irgendwann doch wieder einschlafe.

Um kurz vor Sieben klingelt der Wecker. Ich fühle mich erstaunlich fit und beschließe, diesen Zustand mittels einer Dusche noch zu optimieren.  Das System ist faszinierend: Es handelt sich um eine Zwei-Hahn-Mischbatterie, die beim Aufdrehen des Hahns für kaltes Wasser auch tatsächlich kaltes Wasser liefert. Berührt man daraufhin auch nur flüchtig den Hahn für warmes Wasser, dann tut es einfach nur noch weh. Seit diesem Moment kann ich nachvollziehen, wie sich ein Suppenhuhn fühlen muss.
Nach einer Weile gebe ich die Hoffnung auf eine wohltemperierte Dusche auf und mache mich mit gepacktem Koffer auf den Weg zum Frühstück.

Das Frühstück besteht aus Reis und diversen Currys, was wohl daran liegt, dass hier einfach mal jede Mahlzeit aus Reis und Currys besteht. Lediglich der Schärfegrad scheint eine Unterscheidung zu Mittag- und Abendessen möglich zu machen. Obwohl ich mich für meine Verhältnisse topfit fühle, merke ich so langsam aber sicher, dass mir meine tägliche Ration Kaffee fehlt. Es heißt also Abwarten und Tee trinken. Meine Mitreisenden tun mir jetzt schon ein wenig leid, denn ich kann die Folgen des kalten Entzugs, den ich in den kommenden Tagen durchmachen werde, noch nicht so ganz absehen.

Um acht Uhr machen wir uns auf den Weg zum Fischmarkt. Viraj war so nett den Fischmarkt in Chilaw vom Programm zu streichen, denn dafür hätten wir um fünf Uhr in der Früh aufbrechen müssen. Stattdessen besuchen wir das Pendant in Negombo, das genauso aussieht. Fischmärkte fallen also unter das Motto: „Kennste einen, kennste alle“. Fischmärkte sind somit offensichtlich Tempeln gleichzusetzen.

DSCF5359Wir erreichen unser erstes Etappenziel und die Bustüren öffnen sich. Ein unbeschreiblicher Geruch sucht sich den Weg zu meinen Riechzellen. Gleich werden wir wohl auch erfahren, woher dieser Geruch kommt. Diese Befürchtung wird natürlich auch sofort erfüllt, als wir die Füße auf festen Boden setzen. Der ganze Strand ist voll von schwarzen Kunststoffplanen, wie ich sie aus meiner Heimat von den Spargelfeldern her kenne. Auf diesen Planen liegen fein säuberlich aufgereiht die unterschiedlichsten Fischsorten. Den ganzen Strand voll. Soweit das Auge reicht. In der prallen Sonne. Bei 30° Grad im Schatten. Kein Wunder, dass es stinkt wie Hölle, aber den Fischern ist das egal, sie sind das halt gewohnt. Ich stelle mir kurz vor, was ein deutscher Inspektor vom Gesundheitsamt dazu sagen würde, wenn er das sähe.
Er würde wohl einen Herzinfarkt bekommen, denn das was hier ganz normal ist, erscheint mir surreal: Die Fische werden über Nacht gefangen, dann auf dem Strand zu Bergen aufgetürmt und mit besagten schwarzen Folien abgedeckt. Wenn die Fischer dann Zeit haben, werden die Fische weiterverarbeitet. Soll heißen, sie werden an Marktständen verkauft, wobei die Marktstände aus einfachen Tischen bestehen, auf denen die Fische neben lebenden Krabben, Hummern und sonstigen Schalentieren liegen. Werden sie verkauft, dann werden sie auf dem gleichen Tisch ausgenommen.
Über die Innereien freuen sich die Krähen, die so zahlreich auf dem Markt und am Strand vertreten sind, dass man hier ohne Probleme spontan Hitchcocks Klassiker nachstellen könnte.
Zwei Tage bleiben die Fische so hier auf dem Markt. Sind sie dann noch nicht verkauft worden, werden sie geschuppt, in Salz gepökelt und anschließend auf die schon erwähnten Planen zum Trocknen gelegt. Danach liegt der Wassergehalt praktisch bei null und die Fische sind zwei bis drei Monate haltbar. Sollen diese Fische später gekocht werden, müssen sie zunächst für mehrere Stunden in Wasser eingeweicht werden, um ihnen das Salz wieder zu entziehen.
Das Pökeln an sich ist ja jetzt gerade für mich als Kind vom Lande nichts Unbekanntes, jedoch finde ich es durchaus bedenklich, dass der Fisch vor dem Pökeln zunächst zwei Tage bei Temperaturen um die dreißig Grad im Schatten auf schwarzen Planen  in der Sonne dahinvegetieren muss (wobei das  Wort „vegetieren“ ja eigentlich nicht  sehr treffend ist, immerhin sind die Fische ja schon tot).
Ich werde daraufhin meine Essensgewohnheiten für die nächsten Tage noch einmal überdenken und von meinem Vorsatz, mich hauptsächlich von Fisch zu ernähren, Abstand nehmen.

Trotz der Gedanken, die ich mir zum Thema Hygiene hier mache, darf man auch nicht vergessen, dass die Einwohner diesen Fisch schon immer gegessen haben und die Herstellung des Fisches sich seit Jahrhunderten nicht geändert hat.

DSCF5367Wir erleben ein geschäftiges Treiben, denn die Fischerei ist eine Tätigkeit für die ganze Familie, Männer und Frauen puhlen gemeinsam die Fische aus den Netzen, waschen sie körbeweise im Meer und verteilen sie auf den Planen. Dazwischen wuseln die Kinder umher und balgen sich, die älteren Kinder helfen schon fleißig mit. Insgesamt ist es ein wirklich interessantes Erlebnis, da es uns einen tiefen Einblick in das tägliche Leben der Menschen gewährt. Über den Geruchsaspekt sehen wir da gerne hinweg.

Das Programm für heute ist sehr entspannt, dennoch müssen wir uns wieder auf den Weg machen, denn wir müssen nach Chilaw, wo wir ja eigentlich schon hätten sein müssen, da ja eigentlich der dortige Fischmarkt auf dem Programm gestanden hätte.
Vier Kilometer östlich vDSCF5380on Chilaw befindet der Munnesvaram Kovil, eines der fünf bedeutsamsten Hindu-Heiligtümer auf Sri Lanka. Die heutige Anlage geht auf den König von Kandy zurück, der sie im Jahr 1753 erbauen ließ. Die ursprüngliche Anlage wurde etwa 1578 von den Portugiesen zerstört.
Mittelpunkt der Anlage ist das Heiligtum, welches das Geschlechtsteil von Shiva beherbergt. Von großer Bedeutung ist dieses vor allem für junge Paare, deren Kinderwunsch nicht in Erfüllung gegangen ist. Die Frau wäscht das Geschlechtsteil, das auch Lingam genannt wird, mit Kuhmilch und Bienenhonig. Diese Zutaten werden in einer kleinen Schale aufgefangen und von der Frau innerhalb der nächsten drei Tage verzehrt. Dem Glauben nach soll das zur Erfüllung des Kinderwunsches beitragen.
Auch andere Wünsche werden hier den Göttern vorgetragen. Dies geschieht mithilfe einer Kokosnuss, auf der Menthol angezündet wird. Solange, wie das Menthol brennt, umrunden die Menschen das Heiligtum und teilen der Flamme ihre Sorgen und Wünsche mit. Diese Aussprache mit den Göttern (es gibt drei Hauptgötter im Hiduismus (Brahma, Vishnu und Shiva; sie bilden die Trinität) und zusätzlich weitere 33 Millionen (!!!) Untergötter – da sollte also für jeden etwas dabei sein) endet damit, dass die Kokosnuss im Hof der Tempelanlage auf einem Stein zerschlagen wird. Das Herausspritzen des Kokoswassers symbolisiert dabei das Verschwinden des Unglücks, und daran, ob die Kokosnuss leicht oder mühsam auf dem Stein gespalten werden kann, können die Gläubigen ablesen, ob ihre Anliegen leicht oder nur unter großen Mühen erfüllt werden.
Heute ist es leer hier im Tempel, wir sind – neben ein paar Mönchen – die einzigen Besucher. Morgen wird es brechend voll sein, denn dann feiern die Gläubigen das Shivaraththrie-Fest.
Dabei wird die Statue der Gottheit Shiva zur Verehrung auf einer Sänfte in einer Prozession sieben Mal um das Heiligtum getragen.

Das innerste Heiligtum dieser Tempelanlage entwickelt sich im Laufe unseres Besuches für einen unserer Mitreisenden zu einem wahren Trauma, denn in der Reisebeschreibung (und übereinstimmend auch in den einschlägigen Reiseführern) stand geschrieben, dass dieses von Männern nur mit nacktem Oberkörper betreten werden darf. Um einen bleibenden Eindruck bei der mitreisenden Frauenwelt zu hinterlassen, hat er nämlich keine Kosten und Mühen gescheut, seinen Astralkörper zu stählen, damit die Frauenwelt vor Begeisterung ekstatisch in Ohnmacht fallen möge.
Ich möchte an dieser Stelle meine Hochachtung aussprechen, auch wenn die besagten drei Fitnessstudio-Besuche nun wohl doch überflüssig waren, da auch die Männer ihre T-Shirts anbehalten dürfen.
Allerdings muss ich gestehen, dass auch ich da nicht viel besser dran bin. Gut, ich habe jetzt kein Fitnessstudio besucht, aber da ich finde, dass ich anatomisch inzwischen einige Ähnlichkeit mit dem „Happy Buddha“ habe, hatte ich extra für den heutigen Tag eine Choreografie einstudiert, um zu den Klängen der Windspiele im Tempel meine Buddha-Plauze rhythmisch von links nach rechts zu schwenken. Dieser Plan ging nun also auch für mich nicht auf, und so überlege ich nun ernsthaft, ob ich mit meinem Leidensgenossen eine Selbsthilfegruppe gründen soll.

Zurück zum Thema:
Anhand des soeben Geschilderten (nicht das Fitnessstudio-Thema, sondern die Fruchtbarkeitsbitten junger Paare) wird die Rollenverteilung in der Srilankanischen Kultur recht deutlich:
DSCF5377Wie gestern schon berichtet, ist das Thema Eheschließung streng reglementiert. Ist die Partnerwahl für die Eltern erfolgreich verlaufen (an dieser Stelle muss man wirklich sagen, dass es für die Eltern der Fall ist, denn – machen wir uns nichts vor  – es handelt sich halt mal ausschließlich um arrangierte Ehen), dann geht die Party erst richtig los. Von Frauen wird erwartet, dass sie innerhalb der ersten zwei Jahre nach Eheschließung ein Kind zur Welt bringen. Erst wenn das passiert ist, dürfen die Ehepartner zusammen in eine eigene Wohnung ziehen, bis dahin leben sie bei ihren Eltern.
Übrigens stellt sich die Frage überhaupt nicht, ob der nicht erfüllte Kinderwunsch vielleicht durch den Ehemann zu verantworten ist – grundsätzlich wird die Schuld der Frau zugeschrieben. Diese muss dann damit rechnen, von den Dorfbewohnern verstoßen zu werden. Es liegt also ein großer Druck auf den Frauen in Sri Lanka. Daher sind oft Paare im Shiva-Tempel anzutreffen, die dort versuchen die Götter milde zu stimmen.

Es gibt insgesamt fünf Aspekte, die die Auswahl einer Frau bestimmen (richtig: bestimmen, nicht beeinflussen, denn es handelt sich bei jedem einzelnen um ein Killerargument. Wird ein Aspekt nicht erfüllt, ist das Thema erledigt):

1.    Religion/Kaste
2.    Schönheit
3.    Mitgift
4.    Erziehung
5.    Charakter

Darüber hinaus ist natürlich auch hier wieder das Horoskop entscheidend:
Es enthält insgesamt 22 Aspekte, von denen mindestens 18 übereinstimmen müssen. Wird diese Quote nicht erreicht, darf ein Paar nicht heiraten.
Hier findet sich das nächste Kuriosum, das für uns Europäer schwer verständlich ist: Wenn ein Kind geboren wird, dann gehen die Srilankaner nicht zum Einwohnermeldeamt, um eine Geburtsurkunde zu besorgen – sie gehen zum Wahrsager und lassen ein Horoskop erstellen. Dieses ist von hoher Bedeutung, denn es muss ständig vorgelegt werden, zum Beispiel, wenn man ein Auto kaufen möchte, wenn man eine Wohnung mieten oder kaufen möchte, wenn man sich um eine Arbeit bewirbt, und eben halt auch, wenn eine Heirat ansteht.
Interessant ist übrigens, dass trotz der offiziell herrschenden Gleichberechtigung von Mann und Frau der Mann nur drei der oben genannten Kriterien erfüllen muss, um in Frage zu kommen.  Diese sind:
1.    Religion/Kaste
2.    Schönheit
3.    Erziehung
Geld muss dann halt die Frau mitbringen…

Am Abend steigt die Beach-Party. Erstaunlicherweise teilt sich die Gruppe gleich zu Beginn in zwei Hälften und so verbringen wir einen Abend in beschaulichem Rahmen.

Vom weiteren Verlauf bekommt Team München nicht wirklich etwas mit, weil wir uns zu fünft an den Strand verziehen.

Zu den restlichen Stunden werde ich jetzt einfach mal elegant schweigen. Nur so viel: Irgendwann gegen elf Uhr gehe ich noch mal Richtung Beach-Bar und mich empfängt gähnende Leere. Fast die gesamte Reisegruppe hat es anscheinend geschafft, sich in dieser kurzen Zeit komplett zu zerstören.

Ich gehe wieder an den Strand, wo die fünf letzten Mohikaner sitzen und wir verbringen noch einen Abend bei  tiefgründigen Gesprächen, bis wir dann gegen drei Uhr in der Früh auch den Posten räumen.

Das Kapitel „Beach-Party“ werde ich in den nächsten Tagen noch weiter ausführen, jedoch muss ich erst noch die Beteiligten fragen, was da so alles passiert ist. Keine Ahnung warum, aber ich habe ein paar Erinnerungslücken…

*to be continued*

4. Tag, Donnerstag, 27.02.2014: KALPITIYA – ANURADHAPURA – Den Delfinen auf der Spur

Heute heißt es früh aufstehen, es liegen schon die Boote für einen ganz besonderen Ausflug bereit – zur Delfinbeobachtung°. Zwischen November und April tummeln sich in den Gewässern vor der Küste die fotogenen Langschnauzen-Spinnerdelfine – atemberaubende Momente garantiert. (Hinweis: In den übrigen Monaten wird dieser Ausflug nicht angeboten.) Wieder festen Boden unter den Füßen, begeben wir uns ins Inselinnere nach Anuradhapura. Den Sunset erleben wir im nahen Mihintale°, Wiege des Buddhismus: Schweißtreibende 1840 Stufen sind es zu den Klosterruinen auf einem Plateau – belohnt werden unsere Mühen und die zahlreicher Pilger mit einem wunderbaren Panorama!

Was bezüglich des Vorabends fairerweise erwähnt werden sollte: Ungefähr die Hälfte der Gruppe musste zwangsläufig mitten in der Nacht aus den Federn, denn zehn von uns haben die Delfinbeobachtung gebucht. Der Rest ist anscheinend genauso träge wie ich, die allgemeine Begeisterung hält sich bei uns ob der ar***frühen Abfahrtszeit von 5.30h mal ganz gepflegt in Grenzen.
Und so stehe ich bequem um 7.00 Uhr auf, gehe ausgiebig duschen und setze mich anschließend an die Strandbar.
DSCF5384Das Hotel ist einfach mal ein Traum. Im Prinzip handelt es sich um Großraumzelte, die mit Schilfdächern überbaut sind. Wir teilen uns zu viert ein solches Zelt, insgesamt gibt es etwa acht Stück davon. Ich hätte sie ja echt gerne durchgezählt, aber dafür hätte ich mich bewegen müssen, und bei der Hitze, die uns hier geboten wird, ist jeder eingesparte Schritt eine Offenbarung.

Der Name unserer Unterkunft ist „Dolphin Beach Resort“ und nach Beach sieht es auch aus, Die Zelte sind halbkreisförmig angeordnet, im weitläufigen Zentrum sind Palmen gepflanzt, zwischen denen Hängematten gespannt sind. Ein wirklicher Bodenbelag ist nicht existent, der Strand zieht sich einfach durch das Resort. Eine Handvoll Mitarbeiter sind von morgens bis abends damit beschäftigt, den Sand glattzukehren.

Überhaupt wimmelt es nur so von Personal, was aber jetzt nichts Besonderes ist, sondern in der hiesigen Arbeitspolitik begründet liegt. Unser Scout erzählt uns dazu von einem Erlebnis, das der bei einem Besuch in München hatte.
Er ist dort mit Bekannten in ein Restaurant gegangen, indem für fünfzehn Tische mit insgesamt etwa einhundert Gästen exakt eine einzige Bedienung zuständig war, die sowohl die Gäste begrüßt und platziert, als auch die Bestellungen aufgenommen, schnell geliefert und kassiert hat. In Sir Lanka sähe das anders aus, sagt er. Hier seien für fünfzehn Tische mindestens zwanzig Kellner zuständig und es würde trotzdem nicht klappen. Da hüpft mein Controller-Herz vor Freude!
Auch wenn ich das eigentlich nicht will, zumal ich ja im wohlverdienten Urlaub bin, achte ich seitdem zwangsläufig auf die Personaleffizienz in den von uns besuchten Lokalitäten.

Um halb zwölf verlassen wir auch schon wieder diesen wundervollen Ort, denn es steht der erste echte Kulturtag auf dem Programm. Der Bus fährt uns nach Mihintale, in die Wiege des Buddhismus.
Mir wird auf der Fahrt ein bisschen schlecht und der Puls steigt ins Unermessliche, so sehr habe ich Angst vor den 1840 Stufen. Meine Frage, ob es dort einen Lift gibt, wird von den anderen mit Gelächter, von Viraj mit einem Grinsen beantwortet. Das heißt dann wohl so viel wie „nein“, und doch fühle ich mich nicht verstanden. Kurz darauf erzählt Viraj, dass man sich für knapp zwei Euro rauftragen lassen kann. Meine Stimmung steigt wieder.

DSCF5414Zunächst zur Einordnung des Ortes:
„Mihintale“ ist singhalesisch und bedeutet „Mahindas Berg“.
Mahinda war der Sohn des indischen Kaiser Ashoka, der ihn nach Sri Lanka schickte um dort die Lehren Buddhas zu verkünden. Der König Devanampiya Tessa war dem so angetan, dass er kurz darauf (etwa 520 v.Chr.) den Buddhismus zur Staatsreligion ernannte. Unter seiner Schirmherrschaft gründete Mahinda eine buddhistische Gemeinde. Nahe dieser Gemeinde ließ Tessa ein großes Kloster errichten und baute zur Aufbewahrung von Reliquien mehrere Gebäude.
Heute ist Mihintale UNESCO-Weltkulturerbe und gehört zu den Solosmasthana, den sechzehn heiligen Orten.

DSCF5420Vor Ort angekommen muss ich schmunzeln, denn das, was uns als so dramatisch verkauft wurde (nämlich die Treppe), könnte man auch als schiefe Ebene bezeichnen. Die Stufen sind grob geschätzt etwa fünf Zentimeter hoch, man könnte auch sagen, sie sind nicht wirklich bemerkbar. Ich lasse die Träger also links liegen und mache mich an den Aufstieg. Auch die anderen aus der Gruppe schaffen die paar Stufen, die Anstrengung lassen wir uns nicht ansehen, denn wir wollen uns vor den vielen freilaufenden Affen nicht blamieren, die diese Treppe jeden Tag unzählige Male rauf und runterlaufen und uns nun aufmerksam beobachten.
Bemerkenswert finde ich übrigens, dass allen Affen, die wir sehen, eine Mönchsfrisur verpasst wurde…

Dann haben wir es auch schon geschafft, den Missaka-Berg zu bezwingen und stehen mitten auf einem riesigen Plateau, dass als „die Wiege des Buddhismus“ bezeichnet wird.

 


Exkurs: Stupa und Dagoba und sonstige Bauten

DSCF5426Ein Stupa ist im Prinzip nichts anderes als ein solide gemauerter Grabhügel. Gebaut werden Stupas schon seit dem frühen Buddhismus.

Der Legende nach wurden die sterblichen Überreste Buddhas nach dessen Tod verbrannt und die Asche an die acht anwesenden Könige verteilt. Danach verlor sich die Spur der Asche, es ist jedoch überliefert, dass sich nach einer 200 Jahre währenden Reise alle acht Teile in den Händen von Kaiser Asoka wiederfanden.
Dieser teile die Asche erneut auf, diesmal in 84000 Teile. Für jeden Teil errichtete er über das ganze Land verstreut je einen Stupa.
Es ist nun einerseits fraglich, ob sich die Asche überhaupt in so viele Teile auftrennen ließe. Andererseits übersteigt die Anzahl der im buddhistischen Sektor vorhandenen Stupas wohl auch dezent die Zahl 84000, so dass definitiv nicht mehr nachvollziehbar sein wird, welcher Stupa jetzt wirklich echte Reliquien beherbergt. Aber das ist ja auch egal, denn der Buddhismus ist ja immerhin eine Religion und keine Wissenschaft.

In mehreren Ländern haben sich aus den Stupas abgewandelte Gebäude entwickelt. In Thailand wurden sogenannte Chedi gebaut, in Myanmar Paya und in Sri Lanka heißen sie Dagoba.


 

 

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Auf dem Missaka-Berg ist zentral die Ambasthala Dagoba gebaut, die auf das erste Jahrhundert nach Christus datiert ist. In ihr werden die Reliquien von Mahinda aufbewahrt, der ganz in der Nähe, nämlich auf dem Aradhana Gala, erstmals auf den König getroffen ist – ein Ereignis, das als die Geburtsstunde des Buddhismus in Sri Lanka erachtet wird.

 

Einen Überblick über das Areal bekommen wir vom Berggipfel Aradhana Gala, auf den wir über Stufen gelangen, die in der Gründungszeit des Klosters (also etwa im zweiten Jahrhundert vor Christus) in den Fels geschlagen wurden.
DSCF5445Heute sind sie praktisch nicht mehr existent, wir klammern uns an das Geländer, das vor einigen Jahren dankenswerter Weise errichtet wurde und folgen der Ameisenstraße von Gläubigen, die ebenfalls auf den Fels pilgern.

Sowohl bei Auf- als auch beim Abstieg sterbe ich jeweils tausend Tode, bin aber gleichzeitig dankbar, dass es nicht geregnet hat. Auf nassem Stein wäre es wahrscheinlich lebensgefährlich geworden.
Die Aussicht allerdings entschädigt für alles, wir haben eine atemberaubende Aussicht auf die Heiligtümer von Mihintale und auf das umliegende Tal.

DSCF5457Zu jedem buddhistischen Heiligtum gehört auch eine repräsentative Buddha-Statue. Dieses vollständig strahlend-weiße Exemplar beeindruckt mich sehr, vor allem auch aufgrund seiner prominenten Lage eingebettet in eine wunderschöne Landschaft.

 

 

 

Der Vollständigkeit halber sei noch der Mihintale Mahaseya Stupa genannt, von dem aus man ebenfalls einen traumhaften Blick über das umliegende Tal hat. Sie stammt aus dem ersten Jahrhundert nach Christus, ist 44 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 41 Metern.
Ein Bild davon seht ihr weiter oben beim Exkurs Stupa und Dagoba.

DSCF5465Innen ist sie noch immer nicht fertiggestellt, wir sehen einen Maler, der mit dem Wandbild beschäftigt ist. Der liegende Buddha ist noch verhüllt, und die Mönche warten auf die Prophezeiung des Wahrsagers, der den Termin festlegt, an dem das Tuch von der Buddha-Statue abgenommen werden darf.
Nun haben wir also alle drei Hügel auf dem Missaka-Berg erklommen und die heiligen Stätten besichtigen dürfen. Es ist ein heiliger Ort, ein sehr schöner und von den Gläubigen verehrter und dementsprechend gepflegter Ort.

Wir verlassen ihn aber jetzt und fahren mit dem Bus ins Hotel nächste Hotel.

5. Tag, Freitag, 28.02.2014: ANURADHAPURA – Entdeckungen im Dschungel

Kulturprogramm in üppigem Grün! In Anuradhapura° sind sogar Bäume Sehenswürdigkeiten, zumindest wenn es sich um den angeblich ältesten Baum der Welt handelt … Der Ort selbst war einst eine der bedeutendsten Städte Asiens – davon zeugt heute noch der Heilige Bezirk. Wir radeln zu den Klosterruinen, lernen das geniale Bewässerungssystem früherer Zeiten kennen, kapitulieren beim Nachzählen der gut 1600 Säulen des Messingpalasts und treffen uns zum Fotoshooting vor der strahlend weißen Ruwanweli-Dagoba wieder.

Kulturprogramm ist die richtige Bezeichnung für das, was wir heute erleben.

Wir fahren nach Anuradhapura, vom dritten Jahrhundert vor Christus bis ins frühe elfte Jahrhundert nach Christus die erste Hauptstadt Sri Lankas. Es war zu der Zeit eine blühende Metropole, bis im Jahr 1017 die Tamilen zu Besuch kamen und eine Abrissparty vom Feinsten feierten. Über lange Zeit durfte sich der Dschungel das zurückholen, was ihm vorher von den Menschen abgerungen worden war.
1982 entdeckte die UNESCO die Ausgrabungsstätten und erklärte sie zum Weltkulturerbe. Zu Recht, wie wir heute selbst sehen werden.

Bezüglich der Etymologie des Namens Anuradhapura gibt es zwei Versionen.
Die erste leitet den Namen von dem singhalesischen Wort „anuva“ ab, das neunzig bedeutet. Es waren jedoch insgesamt 119 Könige, die in dieser Stadt ihren Regierungssitz hatten, und nicht 90, weshalb die Theorie verworfen wurde. Heute gilt die Erklärung, dass der Stern Anuradha Namensgeber ist. Anuradha bedeutet in der indischen Astrologie Gott des Lichts.
Für uns startet nun ein wahrer Marathon, denn den Chinesen mit ihrem Reiseprinzip „Europa in vier Tagen“ Konkurrenz machend haben wir uns folgende Sehenswürdigkeiten auf die Agenda geschrieben:

  1. Isurumuniya
  2. Ruwamweliseya
  3. Sri Maha Bodhiya
  4. Bronzepalastanlage
  5. Thuparamaya
  6. Elefantenteich
  7. Lankaramaya
  8. Zwillingsteiche
  9. Samadhi Buddha Statue
  10. Mondstein
  11. Abayagiriya
  12. Jethawannaramaya
  13. Jethawamaramayma – Museum

Auch wenn alle zugegebenerweise vor allem aufgrund ihres Alters und (damit verbunden) ihres Erhaltungsgrades beeindruckend sind, möchte ich nur ein paar davon hervorheben.
Ich muss gestehen, dass aufgrund des Zusammenspiels von Sonne, Hitze und Kulturoverkills irgendwann auch die Motivation leidet und die Aufmerksamkeitskurve eine Talfahrt macht. Insofern ist die Idee unseres Scouts, für die Überbrückung der Distanzen Fahrräder anzumieten, Gold wert. So können wir unseren gepeinigten Füßen unterwegs ein wenig Erholung gönnen.
Gepeinigt ist an dieser Stelle übrigens nicht untertrieben, denn Tempelanlagen werden grundsätzlich barfuß betreten – und Tempelanlagen sind weitläufig und immer mit Sandboden. Über die Wirkung von Sonne auf Sand brauche ich wohl nicht viel sagen, außer: „Aua“.

Zurück zu den Sehenswürdigkeiten:

DSC06064Den Bronzepalast können wir nicht betreten, denn das Areal ist großräumig eingezäunt. Macht aber nicht, denn zu sehen gibt es eh nicht viel.
Wir müssen unsere Vorstellungskraft zu Hilfe rufen, was es aber noch beeindruckender macht. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass wir vor dem Bronzepalast stehend nichts weiter sehen als ein Quadrat von vierzig mal vierzig Steinsäulen, jede von ihnen etwa zwei Meter hoch. Sie stellen gewissermaßen das Fundament dar, denn der Palast war aus Holz errichtet und üblicherweise grub man zunächst Steinsäulen in den Boden ein, um die Termiten von der Holzkonstruktion fernzuhalten.
Der Bronzepalast war eine architektonische und bautechnische Meisterleistung, hatte er doch immerhin zehn Stockwerke mit 1000 Zimmern. Bewohnt wurde er von Mönchen – die einfachen residierten in den unteren Stockwerken, die alten und als heilig geltenden in den oberen Stockwerken. (Ich muss ja gestehen, wäre ich einer von den heiligen Mönchen und müsste an den Jungspunden vorbei jeden Tag mehrfach zehn Stockwerke hochlatschen, ich hätte denen ja mal gesagt, was ich davon halte. Und kraft meiner Heiligkeit wäre mein erstes Dekret eh folgendes gewesen: „So möge der Pöbel mir einen Lift bauen“.)
Das Gebäude führte mit seiner eigenen Existenz eine Art On-Off-Beziehung, denn von seiner Errichtung im zweiten Jahrhundert vor Christus bis hin zu einer letzten Rekonstruktion im zwölften Jahrhundert nach Christus hat es mehrere Zerstörungen über sich ergehen lassen müssen. Die erste Lebensphase währte zum Beispiel gerade einmal fünfzehn Jahre, bis ein Bewohner auf die Idee kam, eine Öllampe auf den Holzboden fallen zu lassen. War bestimmt einer von den heiligen Mönchen…
Das Schicksal des Bronzepalastes scheint für die Buddhisten generell und die Mönche im Speziellen eine wichtige Lektion gewesen zu sein in Bezug auf die Frage, was passieren kann, wenn man mit seinen Besitztümern nicht anständig umgeht.

DSC06053Beim Sri Maha Bodhiya machen sie es daher sehr penibel. Um ihn herum haben sie extra eine Terrasse gebaut, und um die Terrasse herum einen ganzen Tempel. Zusätzlich gibt es mehrere Wächter, die nichts anderes machen, als darauf aufzupassen, dass dem Sri Maha Bodhiya nichts zustößt. Ein solcher Wächter zu sein ist übrigens ein hochangesehener Beruf, der seit Generationen vom Vater an den Sohn weitergegeben wird.
Um das Theater zu verstehen, das um dieses Objekt betrieben wird, sollte ich der Vollständigkeit halber erwähnen, dass es sich um den ältesten Baum der Welt handelt.
Der Legende nach saß Buddha unter einem Ficus religiosa, einem indischen Bodhi-Baum, als er das Stadium der Erleuchtung erlangte. Ein Zweig dieses Baumes wurde im Jahr 230 vor Christus von Snghamitta, der Schwester von Mahinda, nach Sri Lanka gebracht. Seitdem ist der Baum nie unbewacht gewesen.
Das Alter von über 2000 Jahren ist übrigens wissenschaftlich bestätigt.

DSC06078Den Rest des Tages verbringen wir damit, mit dem Fahrrad von einem Tempel zum anderen zu fahren, und diverse Stupen anzuschauen. Jeder Stupa ist auf seine Weise faszinierend, die Menschen haben hier viel Arbeit und Hingabe reingesteckt. Vielfältig sind auch die Geschichten zur Entstehung.
So wurde beispielsweise die Ruwanweli-Dagoba von König Duttha Gamami errichtet.

Version 1: Er hatte gerade die Tamilen besiegt. Die Dagoba baute er aus Dankbarkeit.
Version 2: Ihm wurde bewusst, wie viele Tausend Menschenleben der sinnlose Krieg gekostet hatte, er empfand tiefste Reue und errichtete deshalb den Tempel.

DSC06028Hervorheben möchte ich abschließend noch das Felsenkloster Isurumiya Vihara.
Hierbei handelt es sich um ein Kloster, das aus dem dritten Jahrhundert vor Christus stammt. Die Einsiedlerhöhle ist als einziges noch im Original erhalten, die Höhle wurde von Hand aus dem Felsen geschlagen und mit filigran gemeißelten Mustern und Ornamenten verziert.

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Zwei Attraktionen gibt es hier zu sehen, nämlich zum Ersten einen Fußabdrucks Buddhas auf dem Felsgipfel, zum Zweiten das berühmte Relief „Die Liebenden“ aus dem fünften oder sechsten Jahrhundert.

 

 

 

Dem Bildungsauftrag soll damit Genüge getan worden sein. Wir lassen unsere Fahrräder zurück und machen uns auf den Weg in unser Hotel, wo wir einen kurzen, aber gemütlichen Abend am Pool bei einem Buffet-Abendessen, dem ein oder anderen Bier und netten Gesprächen verbringen.

6. Tag, Samstag, 01.03.2014: ANURADHAPURA – POLONNARUWA – Dschungelverstecke

Abfahrt nach Ritigala°: Wir dringen in den Gebirgsdschungel Sri Lankas vor, wo tief im Dickicht die Reste eines geheimnisvollen Waldklosters ruhen. Teils restauriert, teils der Natur überlassen, gibt dieser mystische Ort abseits der üblichen Touristenwege immer noch viele Rätsel auf. Apropos Rätsel aufgeben: Das gilt auch für unsere nahen Verwandten im Tierreich: die Primaten. Bei Polonnaruwa erwartet uns ein Camp mit Forschungsauftrag…

Die Fahrt beginnt äußerst unspektakulär. Nachdem wir heute mal gepflegt ausschlafen durften und erst um 07.00 Uhr beim Frühstück sein mussten (finde ich recht luxuriös, schließlich sind wir ja im Urlaub), fährt der Bus um 08.00 Uhr ab.

DSCF5547Es könnte jetzt einen falschen Eindruck vermitteln, wenn ich schreibe, dass wir ab einem bestimmten Punkt die Zivilisation hinter uns lassen, denn Städte oder Dörfer, wie wir sie gewohnt sind, gibt es hier nicht, eher hier und da mal eine lose Ansammlung von Häusern entlang einer Straße.
Ich muss es trotzdem schreiben, denn auch aus einem Nichts kann man immer noch in ein absolutes Nichts fahren. Und das tun wir auch. Irgendwann kommt der Bus nicht mehr weiter und es warten kleine geländegängige Jeeps auf uns. Je acht Personen entern ein Gefährt und weiter geht’s. Die Straße die eigentlich für einen dieser Jeeps alleine schon zu eng ist, aber dennoch für beide Fahrtrichtungen vorgesehen ist, hört irgendwann unvermittelt auf und der Lehm weist uns den weiteren Weg. Es geht über Stock und Stein, durch tiefe Gräben und große Wasserlöcher. Zwischendurch erreichen wir Schräglagen, bei denen ich mich krampfhaft irgendwo festhalte, da ich befürchte, dass jeden Moment das Gefährt umkippen könne. Gleichzeitig zolle ich dem Fahrer großen Respekt, denn er steuert den Jeep so sicher durch den Dschungel, als handelte es sich um eine asphaltierte dreispurige Autobahn.
Auf einer Lichtung halten die Jeeps an. Die Straße hört auf, ab hier können wir nur noch zu Fuß weitergehen.
Was jetzt folgt, macht richtig Laune, denn wir kämpfen uns über unbefestigte Wege durch den Urwald. Wer schon mal eine Geocaching-Tour durch zerbombte Bunkeranlagen im Wald gemacht hat: Genauso sieht es hier aus.

DSCF5554Wir umrunden einen riesigen Felsen und stehen plötzlich vor einem zerfallenen Gebäude, das wohl früher einmal die Bibliothek eines Klosters gewesen sein soll.
Da früher auf Sri Lanka nicht viel anders gebaut wurde als heutzutage (als Basis für ein Haus dienen Steinsäulen, auf denen die Holzkonstruktion aufgesetzt wird), sind die Steinsäulen des Gebäudes noch sichtbar, der Rest ist leider verfallen.
Wir kämpfen uns weiter den Berg rauf. Zwar dürfen wir nicht bis ganz auf die Spitze des Berges aber wird entdecken unterwegs mehrere Plateaus mit Ruinen uralter Gebäude. Neben der Bibliothek sehen wir noch einen Schwimmteich, das Haupthaus des Klosters und ein Badehaus. Dabei kommt auch die Allgemeinbildung nicht zu kurz und so erfahren wir unter anderem, wie die Menschen damals schon mit einfachsten Mitteln und guten Ideen zum Beispiel Klimaanlagen eingebaut haben.

DSCF5548Wir erreichen die letzte Ebene. Hier halten wir uns nur kurz auf, denn auf  den Steinüberresten sitzt eine Gruppe Waldmönche, die dort ihr Mittagessen einnehmen. Es ist ein friedliches Bild und wir wollen nicht stören. So nutzen wir die Gelegenheit und machen uns auf den Rückweg. Meine Gebete vom Hinweg wiederhole ich auf der Rückfahrt in dem Jeep mantraartig und hoffe, dass das Vehikel die Tortur der unbefestigten Wege übersteht.  Als wir es wieder zum Bus geschafft haben, starten wir unsere Fahrt zur Primatenforschungsstation.
Die Forschungsstation ist, naja,… das Wort „dufte“ fällt. Ja, es duftet. Undefinierbar. Egal, ich sag mal, Jugendherbergen haben auch ihren Luxus und Charme. Diese Unterkunft eher nicht. Aber es ist ja auch ein Forschungsauftrag, den wir hier erfüllen, und kein 5-Sterne-Hotelaufenthalt.
Wir treffen auf den Forscher, der uns mit seinen zwei Wissenschaftlern einmal ums Haus schickt und dann ein bisschen abseits vom Weg in die Büsche, um dort Loris zu suchen. Nach der Überwindung einer Strecke von etwa zweihundert Metern Luftlinie, was dann aber auch mal eine gepflegte Stunde Zeit in Anspruch nimmt. Die Guides sind sehr bemüht und leuchten mit ihren Rotlichtlampen jedes einzelne Blatt aus, und so schaffen sie es nach etwa fünfundvierzig Minuten auch, für uns einen Lori ausfindig zu machen. Der Rückweg zur Unterkunft dauert dann zwei Minuten.
Bemerkenswert an dieser Unterkunft ist das Qualitätsgefälle. Es gibt ein Haupthaus (hier sind die Männer untergebracht) und mehrere abseits gelegene Lodges. Das Haupthaus verfügt über Betten, Fenster ohne Mückengitter, Frischluftklimatisierung (so nennt man das, wenn es keine Klimaanlage gibt und man für Frischluft die Fenster öffnen muss. Blöderweise gibt es keine Frischluft, denn draußen steht sie genauso kompakt wie drinnen). Das war’s dann auch schon.
Die Mädels haben Topmodel-Villen mit Klimaanlage, Kühlschrank, Aufenthaltsraum, Galerie und W-LAN (!!!). Ich sag mal so: Ehre, wem Ehre gebührt. Daher sind auch unsere Topmodels in der Villa und nicht die Kerle.
Es gab mal ein Fernsehformat mit dem Namen „Big Brother“, wo mehrere Leute für eine definierte Zeit in einen Container gesperrt wurden. Anhand bestimmter Kriterien wurde festgelegt, wer in den Luxusbereich durfte, der Pöbel residierte unter einfachsten Bedingungen. Ich frage mich nur grade, wer das Drehbuch für unsere Veranstaltung verfasst und damit die Rollenverteilung festgelegt hat. Wenigstens dürfen wir mehrere Formate gleichzeitig erleben, denn Big Brother ist ja immerhin noch mit dem Dschungel-Camp kombiniert worden.

DSCF5573Wohlwissend, dass wir um fünf Uhr aus dem Bett geworfen werden und wohlwissend, dass dies in einem Desaster enden könnte, trinken wir diesen Tag bei einer Degustation verschiedener Arrak-Sorten unter den Tisch. Ich verabschiede mich um ein Uhr aus der Runde, ein paar andere machen wohl noch bis zwei Uhr, und einer sieht am nächsten Morgen so aus, als wäre er von dort direkt zum Bus gekommen.

7. Tag, Sonntag, 02.03.2014: POLONNARUWA

Raus aus den Federn! Das Team im Camp nimmt uns in aller Herrgottsfrühe gleich mit auf eine Tour in die Wildnis. Languren und Makaken sind in den Wäldern unterwegs, und wir setzen uns auf ihre Fährte. Ein Rascheln über uns, Knistern in den Ästen – funkeln uns da nicht die großen Augen eines kleinen Loris entgegen? Dabei ist es den Tieren vollkommen egal, ob sie gerade in den UNESCO-geschützten Mauern von Polonnaruwa unterwegs sind oder im dicksten Dickicht … Und wir verbinden Sightseeing per Rad mit Wildseeing zu Fuß, lernen eine ganze Menge über das Sozialverhalten der Tiere und erfahren, was zu ihrem Schutz getan wird.
Abends im Camp machen wir es uns am Seeufer mit einem kühlen Lion Beer bequem.

„In aller Hergottsfrühe“. Ich hielt das im Vorfeld für einen Scherz. Ist es aber nicht. Um fünf Uhr klingelt uns der Wecker gnadenlos aus dem Bett, in das einige von uns erst wenige Minuten zuvor hineingefallen sind. Aber immerhin ist das ja auch kein Erholungsurlaub, somit haben wir also keine Zeit zum Schlafen.
Es ist noch dunkel draußen, und das überfordert mich, denn ich stehe NIE auf wenn es dunkel ist. Außer heute. Ich bahne mir den Weg zur Dusche und passend zu meiner Stimmung gibt es natürlich nur fließendes kaltes Wasser.
Allerdings ist es ar***kalt, und ich vermute, dass es künstlich heruntergekühlt wird.
Nach einem extrem einfachen Frühstück machen wir uns mit dem Bus auf den Weg, die Affen zu suchen.
Unterwegs kommt die berechtigte Frage auf, warum zum Teufel wir mitten in der Nacht kilometerweit mit dem Bus fahren, obwohl wir uns doch mitten in einem Forschungscamp für Affen befinden. Spätestens hier merke ich, dass nicht nur meine allgemeine Verfassung so früh am Morgen noch nicht wirklich die Beste ist…

DSCF5582Meine Stimmung steigt aber ins Unermessliche, als wir unser erstes Etappenziel erreichen. Der Bus hält in einer riesigen Tempelanlage, die einem Indiana-Jones-Film entnommen sein könnte. Die Ruinen sind schon lange von Affen übernommen worden und nun stehen wir mitten in einem Warfare, einem Bandenkrieg zwischen konkurrierenden Affenclans um die Revieransprüche zu klären. Dass wir hier sind und den Affen dabei zuschauen, scheint sie nicht zu stören. Entweder sind ignorieren sie uns ganz bewusst, oder sie nehmen uns überhaupt nicht wahr, weil sie so konzentriert ihre Frontlinien verteidigen. Für uns ist es in jedem Fall ein faszinierendes Schauspiel, zumal wir Affen ja nie in freier Wildbahn zu sehen bekommen und Revierkämpfe verschiedener Clans im Zoo natürlich nie vorkommen.

DSCF5588Aber auch friedliche Szenen bekommen wir zu sehen, in denen die Affen miteinander balgen oder miteinander Körperpflege betreiben. Es sind Bilder, die mich daran zweifeln lassen, dass Tiere keine Gefühle und sozialen Bindungen empfinden können.

 

 

 

 

 

Nachdem wir uns am Freitag ja schon im Marathon geübt haben, schließt sich heute die zweite Trainingseinheit an. Folgendes erwartet uns in den nächsten Stunden:

  • Parakrama Bahu’s Palastanlage
  • Parakrama Bahu’s Audienzhalle
  • Shiva Tempel
  • Thuparamaya
  • Galpota
  • Hetadagoba
  • Watadagoba
  • Galwiharaya

Wir erleben einen erneuten Overkill, denn ohne jetzt herumweinen zu wollen: Die ständige Sonne und die brütende Hitze bringt uns an unsere Grenzen. Leider leidet darunter auch die Aufnahmefähigkeit, weshalb ich jetzt spontan auch nicht zu allen der oben genannten Sehenswürdigkeiten etwas sagen kann. Und wenn doch, dann ist es als geschriebenes Wort längst nicht so beeindruckend wie die visuelle Wahrnehmung.

Dennoch sollen auch hier wieder ein paar Highlights erwähnt werden:

DSCF5594Wir wandeln durch den Palast von Parakrama Bahu I., unter dessen Herrschaft von 1153 bis 1186 nach Christus die Stadt Polonnaruwa ihre Blütezeit erlebt hat. Das Gebäude könnte man als Fachwerkhaus im weitesten Sinne bezeichnen, denn mit teilweise einen halben Meter dicken Holzpfeilern wurde eine Stützkonstruktion geschafften für einen Ziegelbau, der eine Grundfläche von 46 Metern im Quadrat aufweist. Zusätzlich ist noch zu erkennen, dass es einen Thronsaal von 31 x 13 Metern gab, der über zwei Bühnen verfügte – auf der einen stand der Thron des Königs, auf der gegenüberliegenden ließ der König seine Konkubinen, Gaukler und sonstigen Animateure zu seiner persönlichen Bespaßung auftreten.
Den Außengürtel des Palastes bildeten vierzig wie an einer Kette aufgereihte Zimmer, die nach außen hin offen und für das Personal vorgesehen waren. Heute noch erhalten sind die Stützmauern aus Ziegelsteinen, die über zwei Etagen gingen. Die darüber liegende Holzkonstruktion ist natürlich nicht nicht mehr erhalten, aber man bekommt auch so einen guten Eindruck von den Dimensionen des Palastes, der einst über 1000 Räume verfügt haben soll.

DSCF5596Ein wenig außerhalb liegt die Audienzhalle von Parakrama Bahu I. Sie war ein Gebäude, das von Steinsockeln getragen wurde, je zwölf Stück in vier Reihen. Jede Steinsäule war einem Minister zugeordnet. Trug ein Untergebener bei einer Audienz ein Anliegen vor, so wurde es von den Anwesenden diskutiert, der zuständige Minister bestimmt und von diesem eine Lösung für das Anliegen verkündet. Es ist doch erstaunlich, wie effizient und vor allem zeitnah politische Lösungen erreicht werden konnten…
Rund um die Audienzhalle sind noch diverse Überreste von Badehäusern, Theatern und sonstigen Anlagen zu finden.

Um 12.15 Uhr sind wir wieder in der Unterkunft, es gibt Mittagessen und anschließend haben wir Freizeit bis drei Uhr mittags. Und was machen wir in der Zeit? Richtig, wir hauen uns alle kollektiv aufs Ohr, immerhin sind wir ja heute Morgen um  zwei Stunden unseres Schlafes beraubt worden.

Gut erholt treffen wir uns wieder und stehen pünktlich um drei Uhr parat. Viraj hat für uns eine Fahrradtour organisiert, die nicht Teil des Standardprogramms ist.

DSCF5631Diese Tour ist schon jetzt ganz weit vorne mit dabei, wenn es darum geht, zum Schluss das Highlight der Reise zu küren. Wir fahren entspannt die Hauptstraße entlang, dann biegt unser Scout plötzlich links ab. Es geht einen Hang hinab, an dem wir zwei Möglichkeiten haben: Entweder absteigen und schieben oder fahren und dafür beten, dass die Bremsen funktionieren. Ich entscheide mich für Variante zwei, ziehe die Bremsen bis zum Anschlag an und rase trotzdem noch mit einem Affenzahn den Hang hinunter.
Und schon fahren wir an Reisfeldern vorbei, sehen verschiedene Behausungen am Wegesrand, müssen Hunden und Affen ausweichen, die teils faul einfach nur rumliegen, teils aber auch aus der Böschung vor unsere Fahrräder laufen. Unter den Bäumen, die uns Schatten spenden, ist das Fahren sehr angenehm und so könnte ich noch Stunden weitermachen.

DSCF5629Nach einiger Zeit halten wir vor einer Lehmhütte an, wir dürfen uns hier anschauen, wie eine Familie ihr Haus eingerichtet hat. Ich finde es ziemlich skurril und anfangs unangenehm, durch ein fremdes Haus zu laufen und so tief in die Intimsphäre mir völlig unbekannter Menschen einzudringen, aber die Familie ermuntert uns, bittet uns herein und zeigt uns die Hütte.
Die Mauern bestehen komplett aus Lehm, das Dach ist mit geflochtenen Palmenblättern abgedeckt, welche jedes Jahr ausgewechselt werden müssen. Insgesamt hat die Bauzeit zwei Monate betragen. Die fünfköpfige Familie bewohnt zusammen zwei Räume, draußen unter einer Überdachung befindet sich noch eine Kochmöglichkeit.
DSCF5632Wir fahren weiter durch die Reisfelder, bis wir irgendwann erneut an einem Haus anhalten. Eine Familie, die wir besuchen dürfen, hat uns einen Tee gekocht und eine kleine Süßspeise zubereitet. Während wir diese Zwischenmahlzeit dankbar entgegen nehmen, zeigen sie uns noch, wie man Palmenblätter zu Matten flechtet, wie Kokosnüsse geöffnet werden, das Fleisch geraspelt und Milch gewonnen werden kann. Nach dieser Verschnaufpause machen wir uns auf, die letzte Etappe der Fahrradtour zu stemmen, bis wir schließlich am Bus ankommen, der uns zurück zur Herberge fährt.

DSC_5874Es ist mittlerweile schon kurz vor sechs Uhr, aber an eine Verschnaufpause ist nicht zu denken. Uns erwartet ein Vortrag von Dr. Wolfgang Dittert, der die hiesige Forschungsstation betreibt und uns einen Einblick in seine Forschungen gibt. Ich persönlich finde seine Ausführungen sehr interessant und hätte auch gerne noch mehr erfahren, doch haben wir nicht mehr Zeit und unser aller Aufnahmefähigkeit ist praktisch nicht mehr existent.
Für den zweiten Teil der Gruppe geht es heute Abend auf Lori-Jagd, denn gestern sind nur ein paar von uns gegangen, um die Gruppe nicht zu groß zu machen. Wir bleiben in dieser Zeit auf der Terrasse sitzen und nutzen die Zeit, um wieder einigermaßen Kapazitäten im Hirn freizuschaufeln.
Nach dem Abendessen bekommen wir noch einen Film gezeigt, an dem der Doktor mitgewirkt hat und fallen kurz darauf (einige schon während des Film, andere erst im Anschluss) in einen tiefen Schlaf.

8. Tag, Montag, 03.03.2014: POLONNARUWA – KANDY – Felsenfestung Sigiriya

Schwindelfreie vor: Über Eisenstiegen erklimmen wir in der Morgenluft die Felsfestung von Sigiriya° und statten den berühmten Wolkenmädchen einen Besuch ab. Noch ganz benommen – von ihrem Antlitz oder doch von den Stiegen – kehren wir zurück auf die Landstraße und fahren zu den Höhlentempeln° im nahen Dambulla. Auch hier müssen wir ein bisschen kraxeln, aber sind wir dann oben angekommen, fängt uns jede der fünf Höhlen mit ihrer besonderen Stimmung ein. Anschließend geht’s in die Bergstadt Kandy.

DSCF5644Die Herren der Schöpfung sind schon beim Frühstück ganz wuschig, denn heute haben wir ein Date mit den durch ihre Schönheit beeindruckenden Wolkenmädchen. Dafür machen wir uns (wie mittlerweile schon gewohnt) um acht Uhr mit dem Bus auf den Weg, diesmal geht es nach Sigiriya.

Bei Sigiriya handelt es sich um einen riesigen Felsen, der sich mitten in den Wäldern zweihundert Meter hoch erhebt. Es ist somit ein Punkt, der von weitem sichtbar ist, und von dem aus man auch weit in die Ferne schauen kann. Wohl deswegen hat sich laut der Chronik Culavamsa seinerzeit König Kassyapa I. hier niedergelassen und auf dem Felsen seinen Regierungssitz erbauen lassen.

DSCF5653Bis er dies tun konnte, erlebte die Königsfamilie eine Geschichte voller Hass, Intrigen, Geldgier, Manipulation und Mord.
Kurz gesagt ging es darum, dass König Datthu Sena zwei Söhne hatte. Mogalla entstamme einer Beziehung des Königs mit einer Frau niederer Herkunft, Kassyapa war der Sohn des Königs und seiner Hauptfrau. 477 nach Christus putschte sich Kassyapa auf den Thron, woraufhin Mogalla nach Indien floh.
Manipuliert durch den Heerführer, der mit der Tochter des Königs verheiratet war und der Kassyapa einredete, der König verfüge über große Reichtümer, setzte Kassyapa seinen Vater gefangen und folterte ihn um an die Reichtümer zu kommen. Dieser begab sich darauf mit Kassyapa und dem Heerführer zu einem Stausee, schwamm darin und sagte: „Dies, oh Freunde, ist mein ganzer Reichtum“. Daraufhin sah Kassyapa rot, er ließ seinen Vater nackt in Ketten legen und lebendig in die Staumauer einmauern.
Aus Angst vor der Rache des wiederkehrenden Mogalla floh Kassyapa in Begleitung von 500 Frauen und 200 Männern auf den Felsen Sigiriya, wo er sich innerhalb von achtzehn Jahren eine prachtvolle Trutzburg erbaute. Es kam, wie es kommen musste: Mogalla rückte mit einer erdrückenden Überzahl von Kriegern an, Kassyapa sah keine Chance auf einen Sieg und beging Selbstmord. Mogalla wurde somit neuer König.

DSCF5659Nun ist es an uns, den Felsen zu bezwingen, es sind nur etwa 5800 Stufen, die uns vom Plateau des Königspalastes trennen. Hochmotiviert machen wir uns auf den Weg, zunächst über in den Stein gemeißelte Stufen, dann über Eisenstiegen, die in den Felsen getrieben wurden.
Dabei versuche ich krampfhaft diese Konstruktion zu ignorieren, ich sehe darüber hinweg, dass die Geländer, die schon krumm und schief sind, teilweise so verrostet sind, dass der Staubabrieb an der Handfläche kleben bleibt.
Ich übersehe galant die abgebrochenen Stellen in den Stahlstufen. Auch dass diese besagten Stahlstufen, die im Übrigen erschreckend stark nachgeben, nur wenige Millimeter dick sind, versuche ich zu verdrängen.
Das gelingt mir auch so lange, bis es sich vor mir staut, weil irgendein Japaner meint, ein Daumenkino von dem umliegenden Tal anfertigen zu müssen.
Den Gedanken an Maximallasten verdränge ich erfolgreich und schaue auch nicht nach unten, wo mich zweihundert Höhenmeter gähnender Leere auszulachen scheinen. Tiefe Dankbarkeit empfinde ich zwischenzeitlich für die Bauherren der Anlage, die zur Überbrückung einer Zwischenetage eine Wendeltreppe aus einer Londoner U-Bahnstation hergebracht und an den Felsen geschraubt haben. Dieses Gefühl von Sicherheit verschafft mir neuen Mut.

DSCF5649Die Treppe führt uns zu den weltberühmten Wolkenmädchen. Dabei handelt es sich um Wandmalereien, die angeblich Kassyapa dort gemalt hat und die somit über zweitausend Jahre alt sind. Der Detailreichtum ist beeindruckend, ebenso der Erhaltungsgrad der Gemälde, die mit Naturpigmenten auf den nassen Gips aufgetragen wurden. Eine Restaurierung war bis heute nicht nötig, was wohl auch daran liegt, dass die Bilder lange Zeit in Ruhe gelassen wurden. Trotz des Ansturms von Touristen kann ich nur hoffen, dass das Klima dazu beiträgt, dass dies auch lange noch so bleibt.
Nach dieser kurzen Verschnaufpause geht es weiter, eine Stufe nach der anderen nehmend erreichen wir irgendwann den Gipfel. Die Aussicht ist… wow! Kein Wunder, dass Kassyapa sich hier niederließ, denn von kann man direkt bis in die Unendlichkeit blicken. Wir wandeln entlang der Grundmauern, lassen die Eindrücke auf uns wirken und genießen es einfach hier zu sein. Ich verdränge dabei die Gedanken an den Rückweg…

DSCF5662Der Bus wartet schon auf uns und ich bin froh endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Da wir uns auf einer Tour nach dem Prinzip „Europa in drei Tagen“ befinden, haben wir keine Zeit durchzuatmen; es geht direkt weiter nach Dambulla zu den Höhlentempeln.
Die paar Höhenmeter, die es zu überwinden gilt, erscheinen uns nun schon fast lächerlich, zumal der Weg über massive Steinstufen führt. Merke: Es ist alles eine Frage der Perspektive.

Insgesamt können wir fünf Höhlen besichtigen, die Übrigen sind für Besucher gesperrt. Nacheinander schauen wir uns jede Einzelne an und es ist offensichtlich, mit wie viel Hingabe die Gläubigen hier die Höhlen ausgestaltet haben. Filigrane Decken- und Wandmalereien dienen als Kulisse für unzählige Buddha-Statuen, die hier an den Wänden entlang aufgestellt wurden. Es gibt hier liegende Buddhas, stehende Buddhas, sitzende Buddhas, Buddha ist hier omnipräsent.

Nach diesem Programmpunkt fahren wir weiter nach Kandy, unserem Tagesziel. Kandy heißt auf Singhalesisch „Große Stadt“ und ich kann wohl mit Fug und Recht sagen, dass sie das nicht ist. Der Stadtkern besteht aus zwei parallel verlaufenden Hauptstraßen, die über sechs Querstraßen miteinander verbunden sind und so ein Karree bilden. Es ist schon stockdunkel, als wir Kandy erreichen. Wenn ich vorne aus dem Busfenster schaue, sehe ich nichts als eine schwarze Wand mit zwei kleinen runden gelben Flecken. Das müssen unsere Frontscheinwerfer sein. Die Gesamtsituation hält den Busfahrer aber nicht davon ab in einem Affenzahn die Kurven zu nehmen. Ich schicke ein paar Stoßgebete gen Himmel und alles geht gut. Um halb neun erreichen wir Kandy, die „zweitlebhafteste Stadt Sri Lankas“, wie Viraj uns erzählt.
Es mag sich jetzt gemein anhören, es ist aber nicht zwingend so gemeint: In Deutschland ist in jedem Kuhkaff mehr los. Das liegt aber wohl daran, dass die Einheimischen abends generell früh ins Bett gehen. Wir beeilen uns mit dem Beziehen der Zimmer und treffen uns in der Lobby um gemeinsam nach einer Möglichkeit zum Abendessen zu suchen. Der Baedeker empfiehlt dafür fünf Restaurants, drei davon haben wir rausgesucht, die für uns in Frage kommen würden. Der erste Laden existiert seit kurzem nicht mehr, das Gebäude ist frisch entkernt. Die zweite und dritte Lokalität finden wir auch nicht – an den angegebenen Adressen sind keine Hinweise auf ein Restaurant zu finden, und da die gesamte Straße stockdunkel ist, erübrigt sich die Suche nach Alternativen. Beim Pizza Hut trennt sich die Gruppe auf, einige biegen ab, ich schlage mich mit C. durch zu einem Restaurant, das „The Pub“ heißt und wo wir zufällig drei Mädels aus unserer Gruppe antreffen.
Wir bestellen, die Kellner liefern, dabei schmeißen sie uns mit Speisen tot, der Tisch biegt sich, teilweise müssen wir anbauen, um die Massen bewältigen zu  können. Irgendwann – es ist für unsere Verhältnisse noch recht früh – wird an unserem Nachbartisch das Licht gelöscht, unsere noch halbvollen Teller werden abgeräumt und uns die Rechnung gebracht.
Wir zahlen und wollen das Restaurant verlassen, doch als wir die Treppe hinuntersteigen, stehen wir vor einem verschlossenen Rollltor.
FotoIch habe es ja schon öfter erlebt, dass ich in einen Laden nicht HEREIN gekommen bin, aber dass ich nicht HINAUS darf, ist dann doch eine neue Erfahrung.
So endet ein angenehmer und lustiger Abend.

Naja, fast. Denn wir entdecken noch die Roof Top Bar im sechsten Stock des Hotels, wo der Abend dann nach diversen Cocktails irgendwann gegen zwei Uhr in der Früh endgültig endet.

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